EU-Behörde widerspricht WHO
Krebserregend oder nicht? Der Streit über die möglichen gesundheitsschädlichen Wirkungen von Glyphosat, einem der weltweit am häufigsten eingesetzten Unkrautvernichtungsmittel, geht in eine neue Runde. Erst vor wenigen Tagen bescheinigte die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) dem Pestizid Unbedenklichkeit. Nun protestieren fast 100 namhafte Forscher gegen diese Einschätzung.
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
Die EFSA hatte Glyphosat als „wahrscheinlich nicht krebserregend für Menschen“ eingestuft. „Was die Karzinogenität betrifft, so ist es unwahrscheinlich, dass dieser Stoff krebserregend ist“, hatte Jose Tarazona, Leiter des EFSA-Referats Pestizide gesagt - mehr dazu in science.ORF.at. Die EU-Behörde widersprach damit einer etwas älteren Untersuchung der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Diese hatte im Frühling das Pestizid als „wahrscheinlich krebserregend für Menschen“ bewertet.
„Wissenschaftlich unakzeptabel“
Gegen die Einschätzung der EU-Behörde formierte sich nun internationaler Protest. In einem offenen Brief an EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis, der der „Süddeutschen Zeitung“ („SZ“) vorliegt, erheben die Forscher schwere Vorwürfe gegen das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und die darauf aufbauende Bewertung der EFSA. Diese sei in Teilen „wissenschaftlich unakzeptabel“. Die Ergebnisse seien „durch die vorliegenden Daten nicht gedeckt“.
Koordiniert wurde der Protest von Krebsforscher Christopher Portier, Ex-Direktor des National Toxicology Program der USA, einer wichtigen Einrichtung der US-Regierung zur Chemikalienprüfung. Er untersuchte das Pestizid auch im Auftrag der IARC. Das BfR wies gegenüber der „SZ“ die Vorwürfe zurück. Man könne diese Aussagen „wissenschaftlich nicht nachvollziehen“. Das Institut habe sich bei der Berücksichtigung von Studien auf das alleinige Kriterium der wissenschaftlichen Qualität gestützt. Ein Sprecher der EU-Kommission bestätigte am Montag den Erhalt des Protestbriefes. Die darin enthaltenen Argumente würden nun evaluiert.
Studien neu interpretiert
Die EFSA und das BfR waren auch dafür kritisiert worden, sich bei ihrer Bewertung auf von der Industrie unterstützte Studien gestützt zu haben. Diese Studien waren im Gegensatz zu den von der IARC herangezogenen Untersuchungen keiner Überprüfung durch Fachkollegen unterzogen worden. Dieser „Peer Review“-Prozess ist ein in der Forschung übliches Verfahren zur Qualitätssicherung, in dem fachkundige unabhängige Gutachter die Studie vor der Veröffentlichung beurteilen.
Die EU-Behörde interpretierte zudem die von der IARC verwendeten Studien neu. Diese hatten Produkte, die Glyphosat und andere Wirkstoffe enthalten, an Mäusen getestet. Die EFSA bewertete nun, wie wahrscheinlich ein Mensch die Dosen einnehmen würde, die die Mäuse bekommen haben - mehr dazu in science.ORF.at. Die EFSA schlug daher einen neuen Grenzwert für die akute Aufnahme von Glyphosat vor - zum Beispiel während einer einzigen Mahlzeit von 0,5 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht.
Damit werde „die künftige Bewertung potenzieller Risiken durch Glyphosat“ verschärft, so Tarazona. Bisher gibt es nur einen Grenzwert für die tägliche regelmäßige Aufnahme des Stoffes - dieser soll laut EFSA-Empfehlung von 0,3 auf 0,5 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht erhöht werden.
Verbot gefordert
Für heftige Kritik sorgte die Entscheidung der EU-Behörde auch bei Umweltschützern. Diese fordern seit Jahren ein Verbot des Pestizids. Global 2000 etwa vermutete im Anschluss an die EFSA-Entscheidung, dass die „chemische Industrie und Zulassungsbehörden durch die Anwendung spezieller statistischer Verfahren ‚getrickst‘“ hätten. Kritik kam auch von Greenpeace. „Das Papier verlässt sich stark auf nicht publizierte Studien, die von den Glyphosaterzeugern in Auftrag gegeben worden sind und missachtet Hinweise aus Peer-Reviewed-Studien, wonach Glyphosat krebserregend ist.“
Milliardenumsätze mit Glyphosat
Die Wissenschaftler forderten die EU-Kommission nun auf, „die fehlerhafte Bewertung der EFSA nicht zu beachten“. Die EU-Kommission muss bis Mitte 2016 entscheiden, ob Glyphosat für weitere zehn Jahre zugelassen wird. Am Dienstag soll der offene Brief in Brüssel übergeben werden.
Hinter der Entscheidung steckt auch ein Milliardengeschäft. Weltweit wird der jährliche Umsatz auf rund fünf Milliarden Euro geschätzt. In Deutschland wird laut dem Landwirtschaftsministerium Glyphosat auf rund 40 Prozent der Ackerflächen gespritzt. In Österreich sind nur die Zahlen der Hersteller verfügbar. Laut diesen wurden 2014 338 Tonnen des Pestizids verkauft. Wie viel davon auf den Feldern landete, ist aber unklar.
Links: