Drei Tage im Zeichen der Songs
Man muss nicht aus Arizona stammen, um Pop authentisch nach Wüste klingen zu lassen - das zeigen beim dreitägigen Wiener Blue Bird Festival etwa Polkov aus der Steiermark, die neben international gut eingeführten Namen wie The Wave Pictures, Villagers und allen voran dem verschrobenen Ariel Pink zu hören sind. Einer der Höhepunkte ist der Auftritt von Giant Sand. Sie beweisen, dass es nicht schadet, aus der Wüste zu kommen, um auch nach Wüste zu klingen.
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Um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, ist im Pop seit jeher jedes Mittel legitim. Das weiß in der Pop-Gegenwart kaum jemand so gut wie Ariel Pink. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich ein gewisser Ariel Marcus Rosenberg. Und der Hauptberuf des Mannes aus Los Angeles ist es, den Freak zu geben. Doch vor allem gilt Rosenberg als Songwriting-Genie.

Blue Bird Festival
Bei Ariel Pink ist alles möglich - musikalisch und optisch
Minimalistische Perlen
Knapp nach der Jahrtausendwende begann er mit minimalen Mitteln und entsprechend improvisierter technischer Ausstattung ein Album nach dem anderen aufzunehmen. Die Platten waren durch die Bank gespickt mit Songperlen von erhabener Schönheit. Textlich ging die Sache am liebsten ins Abstruse. Als akustisches Reinheitsgebot hat sich Ariel Pink ein Lo-Fi-Ethos auferlegt, um für die nötige Brechung durch billig klingende Sounds zu sorgen. Die Kritik war begeistert. Weil Selbstverweigerung im Pop mitunter das Gegenteil bewirkt, war Pink in gewissen Kreisen bald ein Star - ein Freak zum Anfassen.
„ADHS in Albumform“
Dafür trug auch seine Optik Sorge. Die Haarfarbe passt er gerne dem Nachnamen an, und das Spiel mit den Geschlechterrollen betreibt er mit kindlicher Freude. Da wundert es wenig, dass er dem „Guardian” Unreife als Schlüssel seines Erfolges nannte. Bei Pink ist auch der Hofnarr Programm, der der Popwelt gerne einen Spiegel vorhält. Jede Pose Pinks könnte auch von Miley Cyrus und umgekehrt stammen. Mit den Flaming Lips haben die beiden immerhin denselben Künstlerfreundeskreis.
Auf seinem aktuellen Album „Pom Pom” treibt es der Amerikaner auf die Spitze. Darauf plündert er die Popkultur, um zu beweisen, dass er von New Wave bis 70er-Jahre-Rock alle Songwriting-Register ziehen kann. „Der Spiegel” attestierte angesichts der schrillen Songsammlung „ADHS in Albumform“. Und die Fangemeinde war angesichts der hemmungslosen Wilderei in allen Derivaten des Pop umso begeisterter. Wenn Pink am Donnerstag als Headliner des ersten Tages des Blue Bird Festivals auf der Bühne des Porgy & Bess steht, ist dementsprechend alles möglich – auch in Sachen Outfit.
Musikalische Geheimtipps
Das Blue Bird Festival ist ein Garant für musikalische Geheimtipps und gleichzeitig eine Bestandsaufnahme aktueller Trends - eine Vorschau auf die Acts dieses Jahres.
Die melancholische Ader
Dabei ist Pink für Blue-Bird-Verhältnisse fast schon ein inhaltlicher Ausreißer ins effekthaschende Pop-Fach. Das seit 2004 mit erstaunlicher qualitativer Kontinuität abgehaltene Festival widmet sich vorwiegend den leisen und bedachten Tönen des Songwritings. Stilistische Grenzen sind da ohnehin schwierig zu ziehen, weil hier eine gewisse außermusikalische Haltung ebenso mitschwingt. Davon zehrt das Festival, das entsprechend undogmatisch programmiert wird und seit jeher auch ein Auge auf österreichische Künstler des Faches wirft - am Donnerstag etwa mit Bernhard Eder.
Arizona ist überall
Der aus dem oberösterreichischen Hausruckviertel stammende Singer/Songwriter lässt seit Jahren mit Alben aufhorchen, deren fragile Schönheit selbst den „Rolling Stone” regelmäßig zu höchstem Lob hinreißt. Der Mann mit der melancholischen Ader trägt vollkommen fern jeglicher Gefühlsduselei sein emotionales Innenleben nach außen. Da kann es schon vorkommen, dass Trennungen in Albumlänge aufgearbeitet werden.

Alex Krischner
Kommen aus Graz und klingen nach weitem Mittelwesten: Polkov
Nicht nur Eder zeigt am Donnerstag im Porgy & Bess, dass gutes Songwriting längst keine Frage der Geografie mehr ist. Polkov aus der Steiermark fischen in den Gewässern der Americana-Musik. Mit Instrumentarium wie Pedal-Steel-Gitarre bauen sich hier klangliche Landschaften für einen Ritt durch die Wüste Arizonas auf.
Ex-Arbeitgeber von Calexico
Am Freitag tritt bei Blue Bird dann jene Band auf, ohne die es Polkov wohl nie gegeben hätte. Giant Sand sind der Prototyp jeder Alternative-Country-Band und seit den 80ern nichts weniger als eine Legende. Die Band aus Tucson in Arizona rund um Howe Gelb definierte schon früh ein Klangbild, an dem sich heute eine Heerschar an Bands bedient – denn stählern tönende Gitarrensaiten aus der Hitze der Wüste entfalten insbesondere in kalten Gegenden ihre eskapistische Wirkung.

Omer Kreso
Bei Giant Sand geht es auch um eine gewisse Haltung
Joey Burns und John Convertino von Calexico bildeten einst die Rhythmusabteilung von Giant Sand. Ihren ehemaligen Chef überholten die beiden damit kommerziell rechts. Was an der treuen Fangefolgschaft von Giant Sand freilich nichts änderte. Denn auch bei Howe Gelb geht es um eine gewisse Haltung, die sich auch in der Fankultur widerspiegelt - mehr dazu in oe1.ORF.at.
Mehr Pub als Pop
Die musikalische Entdeckungsreise im Zuge des dreitägigen Festivalreigens gibt sich aber noch umfangreicher. Conor O’Brien alias Villagers steht als Headliner am Samstag ganz klassisch mit der Gitarre auf der Bühne. Es ist das Österreich-Debüt des irischen Musikers, aus dessen Dunstkreis der am Donnerstag zu hörende Rhob Cunningham stammt, der in eine ähnliche musikalische Kerbe schlägt.
Auch der Auftritt von The Wave Pictures, die mehr nach Pub als nach Pop klingen und mit größter Kontinuität ein stimmiges Werk nach dem anderen vorlegen, gilt am Freitag als programmierter Höhepunkt. Die Briten haben eben ihr 17. Album in gut zehn Jahren vorgelegt. Sie sind Überzeugungstäter, was man ihrer Musik zu jedem Augenblick anhört.
Nachwuchs mit Verwandtschaft
Der Samstag gehört den Frauen. Die aus Oberösterreich stammende Avec besticht mit einer höchst bemerkenswerten Gesangsstimme und transportiert damit große Melancholie im Popsongformat. Singer/Songwriter-Sounds aus Israel präsentiert das Duo Lola Marsh mit Jael Schoschana Cohen am Mikrofon.

Kidizin Sane
Eine bemerkenswerte Gesangsstimme mit vielen Facetten
Und mit der jungen Chloe Charles aus Kanada dreht sich das Blue Bird Festival auch in Richtung beseelter Popsounds. Dabei darf Charles auf prominente Familienmitglieder verweisen. Sie ist die Stieftochter von Cynthia Lennon – John Lennons erster Ehefrau, die heuer im April verstarb.
Johannes Luxner, ORF.at
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