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Zwischen Vorsicht und Paranoia

Abgesperrte Flughafenterminals, Großrazzien mit Festnahmen und zuletzt die Verhängung der höchsten Sicherheitswarnstufe über die belgische Hauptstadt Brüssel: Stakkatoartig sind in den vergangenen Tagen Einsätze wegen akuter terroristischer Bedrohung vermeldet worden. Mit den Anschlägen von Paris hat die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) auch ein Klima der Angst in ganz Europa erzeugt.

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Wenn gebetsmühlenartig wiederholt wird, dass sich die Anschläge von Paris jederzeit und überall wiederholen können, ist eine Verunsicherung die logische Folge - in der Bevölkerung und auch bei den Behörden. Jede beobachtete Geste, jeder mitgehörte Witz, der zu normalen Zeiten keinerlei Bedeutung hätte, wird plötzlich zum Indiz für einen tödlichen Anschlagsplan.

Nicht immer sind die Hinweise so handfest, wie sie aktuell in Brüssel scheinen. Für die belgische Hauptstadt sprach Belgiens Premier Charles Michel am Samstagvormittag von einem „ähnlichen Risiko wie für Paris“. Es handle sich um eine Bedrohung „auf verschiedenen Plätzen durch mehrere Personen“. Potenzielle Anschlagsziele seien Einkaufszentren, der öffentliche Verkehr und Großereignisse. Die Bedrohung sei „konkret und akut“, sagte Außenminister Didier Reynders.

Besorgnis und Trittbrettfahrer

Doch daneben erhalten die Behörden in Europa jeden Tag unzählige Hinweise: Viele Menschen wollen etwas gesehen oder gehört haben. Manche wollen sich auch einfach wichtig machen. Und Trittbrettfahrer sehen die Chance, selbst Chaos und Furcht zu verbreiten. Die Behörden müssen dennoch alle Hinweise ernst nehmen: Passiert tatsächlich etwas, müssten sie sich sonst den Vorwurf gefallen lassen, entscheidenden Informationen nicht nachgegangen zu sein.

„Es gehört zu den schwierigsten Aufgaben der Sicherheitsbehörden, die Seriosität, die Glaubwürdigkeit, die Ernsthaftigkeit solcher Hinweise zu bewerten“, sagte etwa der deutsche Innenminister, Thomas de Maiziere. „Denn schlägt man solche Hinweise in den Wind, kann das fatale Auswirkungen haben. Nimmt man jeden Hinweis für bare Münze, dann betreiben wir das Geschäft derer, die mit diesen Hinweisen Angst und Schrecken verbreiten wollen.“

Leeres Fußballstadion nach Absage des Freundschaftsspiel Deutschland gegen Niederlande

APA/AFPO/dpa/Julian Stratenschulte

Das geräumte Stadion nach der Spielabsage in Hannover

Er musste einige Kritik einstecken, nachdem das Fußballspiel Deutschland - Niederlande am Dienstag in Hannover kurzfristig abgesagt worden war. Seine Weigerung, über die Hintergründe zu sprechen - „Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern“-, sorgte vor allem für eines: Verunsicherung.

Polizei muss sich nach Festnahmen entschuldigen

Mehrere Warnungen stellten sich in den vergangenen Tagen als falscher Alarm heraus: Am Dienstag wurden in Alsdorf bei Aachen bei einer Razzia sieben Menschen festgenommen. Eine Supermarktverkäuferin hatte die Polizei alarmiert, weil sie in einem Auto den im Zusammenhang mit Anschlägen von Paris gesuchten Salah Abdeslam zu erkennen glaubte. Von einer „großen Ähnlichkeit“ sprach auch die Polizei. Sie mussten die Festgenommen aber bald wieder freilassen und versprach, sich bei ihnen zu entschuldigen.

Polizeieinsatz in Aachen

Reuters/Ina Fassbender

Polizeieinsatz in Alsdorf bei Aachen

Ebenfalls am Dienstagabend rückte die Polizei nach Zeugenhinweisen in einer Flüchtlingsunterkunft in Rostock ein. Nach 90 Minuten stellte sich heraus, dass es wohl auch hier eine Verwechslung gegeben hatte. In beiden Fällen wurde Kritik laut: Die allgemeine Panik trage wohl dazu bei, dass Menschen, deren Aussehen eine Herkunft aus Nahost nahelegt, schnell unter Generalverdacht stünden.

Dies scheint auch ein Polizeieinsatz am Donnerstabend in einem Hotel in München zu bestätigen. Eine Hotelangestellte hatte die Polizei informiert, weil ihr eine Gruppe von Gästen, die sich in das Haus eingemietet hatten, verdächtig vorkam. Die Polizei rückte mit einem Spezialeinsatzkommando an und kontrollierte einen 30 Jahre alten Iraner und eine 44 Jahre alte Iranerin. Das Ganze entpuppte sich schließlich als ein harmloses Zusammentreffen von iranischen Asylwerbern, berichtete die Polizei Freitagfrüh

Auf Anschläge folgt Nervosität

Die angespannte Stimmung in Deutschland ist innerhalb Europas keine Ausnahme. In Rotterdam in den Niederlanden wurde der Bürgermeister in Sicherheit gebracht, nachdem ein verdächtiges Auto aus Belgien hinter seinem Dienstwagen abgestellt worden war. Zudem seien drei Männer vorläufig festgenommen worden, teilte die Polizei am Freitag mit. Bei der Durchsuchung des Autos in der niederländischen Hafenstadt sei aber nichts Verdächtiges gefunden worden.

In Rom wurde am Freitag zum zweiten Mal innerhalb von 24 Stunden ein Teil der U-Bahn-Linie A zwischen dem Hauptbahnhof Termini und Ottaviano nahe dem Petersplatz unterbrochen. Beide Male stellte sich der Einsatz als Fehlalarm heraus. Dass in Litauen 3.000 Polizisten - fast ein Drittel aller Polizeikräfte des Landes - einen einzigen bewaffneten Verdächtigen verfolgten, darf wohl auch als Zeichen der blankliegenden Nerven gewertet werden.

Angespannte Situation auf Flughäfen

Ähnlich war es auch bei vorhergehenden Anschlägen: Nach den Anschlägen am 7. Juli 2005 in London nahm die britische Polizei nach Hinweisen etliche Menschen fest - viele mussten nach einigen Tagen wieder freigelassen werden. Zwei Wochen nach dem Anschlag wurde in einer U-Bahn-Station ein Mann erschossen, weil er von der Polizei für einen Terroristen gehalten wurde.

Besonders angespannt ist nach Anschlägen die Situation auf den Flughäfen. Sperren wegen verdächtiger Gepäckstücke, die auch sonst immer wieder vorkommen und auch zumeist gar nicht den Weg in die Medien finden, wird weit mehr Aufmerksamkeit geschenkt. In London-Gatwick wurde schon am Samstag vergangener Woche ein mit Luftdruckgewehr und Springmesser bewaffneter Franzose festgenommen.

Polizeieinsatz am Flughafen in Kopenhagen

APA/AFP/Jonathan Nackstrand

Auch in Kopenhagen rückte die Polizei mit einem Großaufgebot auf

In Zusammenhang damit wurden ein Terminal des Flughafens evakuiert und ein verdächtiger Gegenstand gesprengt. Mit den Anschlägen von Paris hat er wohl nichts zu tun. Am Mittwoch wurde ein Terminal auf dem Kopenhagener Flughafen evakuiert. Auch hier wurde zunächst groß über eine Terrorgefahr berichtet, ehe Entwarnung gegeben werden konnte.

„Scherz“ führte zu Sicherheitslandung

Keine Bomben fanden sich am Donnerstag auch an Bord zweier Flugzeuge: Eine Maschine der Gesellschaft easyjet wurde noch vor ihrem Start in Manchester wegen einer Bombendrohung evakuiert. Sprengsatz wurde aber keiner gefunden, das Flugzeug konnte schließlich mit stundenlanger Verspätung Richtung Marrakesch abheben.

Notgelandetes polnisches Flugzeug in Burgas in Bulgarien

APA/EPA/Todor Stavrev

Die zwischengelandete polnische Maschine

Ein polnischer Urlauberjet war hingegen bereits auf dem Weg in den ägyptischen Urlaubsort Hurghada, als ein Passagier vor einer Bombe warnte. Der Pilot entschloss sich zu einer Sicherheitslandung auf dem Flughafen des bulgarischen Burgas. Bei einer gründlichen Durchsuchung der Maschine wurde jedoch kein Sprengsatz entdeckt. Der 67-jährige Hinweisgeber wurde festgenommen. Er bezeichnete seine Warnung später als Scherz.

Hotel in Luxemburg geräumt

In der Luxemburger Innenstadt musste am Samstagnachmittag wegen Terrorverdachts ein Hotel geräumt werden. Sprengstoffspezialisten durchsuchten das Gebäude. Am Abend gab es Entwarnung: Es handelte sich um einen verdächtigen Koffer. „Es bestand keine Gefahr“, hieß es bei der Leitstelle der Polizei.

Auf dem Flughafen Midway in Chicago wurde am Donnerstag zwei jungen Männern der Zugang zu einer Maschine nach Philadelphia verwehrt, nur weil ein Mitreisender gehört hatte, wie sie sich auf Arabisch unterhalten hatten, wie der TV-Sender NBC nun berichtete. Die beiden palästinensischstämmigen Männer durften schließlich an Bord einer Maschine der Gesellschaft Southwest - allerdings erst nach eingehender Befragung durch Sicherheitsleute und die Polizei. An Bord hätten ihn Mitreisende aufgefordert, eine weiße Schachtel, die er bei sich trug, zu öffnen. Wie sich herausstellte, war diese mit Süßigkeiten gefüllt.

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