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„Weniger als erhofft, mehr als erwartet“

Von einer „neuen Zeit für das Bildungssystem“ und einem „entscheidenden Fortschritt“ haben die beiden Chefverhandler der Bildungsreform, ÖVP-Staatssekretär Harald Mahrer und SPÖ-Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek, nach den langwierigen Verhandlungen gesprochen. Bildungsexperten sind weit weniger euphorisch.

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„Weniger als erhofft, mehr als erwartet“, sagte Stefan Hopmann, Bildungsforscher an der Universität Wien. Das System sei nicht völlig umgebaut worden. Immerhin sei aber nichts in dem Paket, „das per se schädlich wäre“, konstatierte er. Das Schulautonomiethema sei „einigermaßen unzertrümmert“ aufrechterhalten. Positiv sei auch, dass nun endlich darüber gesprochen werde, „wo Unterricht gemacht wird“.

Er hätte sich bei der Reform allerdings "mehr Mut gewünscht, nicht nur punktuell Veränderungen in Bestehendes einzubauen, sondern tatsächlich die Strukturen anzugehen. Die Ergebnisse bringen nun nur eine mögliche Mitbestimmung bei der Personalauswahl und der Verfügung über Sachmittel. Hopmann hätte es aber begrüßt, wenn es echte Budgetautonomie und die Möglichkeit zur Veränderung der Personalstrukturen gegeben hätte.

Lähmung statt neuer Freiheit

Hopmann sieht allerdings trotz der Autonomiepläne für Schulen, „die nicht die Strukturen verändern, sondern nur an Stellschrauben drehen können“, die Gefahr einer Lähmung. Problematisch sei etwa, wenn in dem in Österreich traditionell stark reglementierten Bildungssystem den Schulen mehr Verantwortung gegeben werde, zugleich aber die Direktoren zeitlich begrenzt bestellt und neue Kontrollmechanismen eingeführt werden. Künftig sollen Direktoren zunächst für fünf Jahre bestellt werden.

Entsprechend müsse auch die Risikoabwägung bei Schulleitern in Zukunft sein, so Hopmann: Denn „ich werde ja haftbar dafür gemacht, wenn nicht rauskommt, was hätte rauskommen sollen. Die neue Freiheit könnte damit recht schnell in Zurückhaltung an einzelnen Schulstandorten münden.“ Das müsse keine Absicht sein: „Es liegt einfach in der Logik von sozialen Systemen.“ Auch die ehemalige AHS-Direktorin und Vorsitzende der Initiative BildungGrenzenlos, Heidi Schrodt, befürchtet mit der Regelung zu den Modellregionen „mehr als zehn Jahre Stillstand“ für die gemeinsame Schule.

Konfliktpotenzial durch Modellregionen

Besonderes Konfliktpotenzial bergen die vorgesehenen Modellregionen für die gemeinsame Schule. Diese sollen auf höchstens 15 Prozent der Schulstandorte und Schüler in einem Bundesland begrenzt werden - trotz Kritik aus Vorarlberg und Wien, die eine flächendeckende Einführung anstreben - mehr dazu in wien.ORF.at und vorarlberg.ORF.at.

Die Erkenntnisse aus diesen Regionen würden nicht die gewünschten Erkenntnisse bringen, so Hopmann. Von einer Modellregion auf ein theoretisch flächendeckend eingeführtes Gesamtsystem schließen zu wollen ergebe wissenschaftlich wenig Sinn. Der Plan, die Versuche in den Regionen 2025 zu evaluieren, komme „einer Nichtentscheidung“ gleich. „Großen Diskussionsbedarf“ ortete hierzu auch Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV). Man sei bei den Plänen für die Modellregionen „auf halbem Weg stehen geblieben“, kritisierte Caritas-Generalsekretär Bernd Wachter.

Kritik an „Knebelungsparagrafen“

Der Bildungsexperte befürchtet auch, dass sich der „soziale Selektionseffekt“ durch die Modellregionen verschärfen könne. Denn sollte ein Teil der AHS-Unterstufen ohne Zustimmung der Eltern in Versuchsschulen umgebaut werden, würde das die Gymnasienplätze reduzieren. Privatschulen, die sich nicht an den Modellregionen beteiligen müssen, wären das Ausweichquartier. Verhindern könne man diese soziale Trennung nur, wenn Schulen in „nicht gutem Zustand“ so gestärkt werden, „dass es keine Fluchtgründe gibt“.

Der Bildungsforscher am Institut für Höhere Studien (IHS), Lorenz Lassnigg, nannte die Begrenzung der Modellregionen für die gemeinsame Schule auf höchstens 15 Prozent der Schulstandorte und Schüler in einem Bundesland einen „Knebelungsparagrafen“. Reparaturbedarf sieht Lassnigg auch bei der Schulautonomie. Zwar könnten Schulen in Zukunft bei der Erstauswahl der Lehrer mehr mitreden. Bei der Weiterbestellung verlören sie aber an Einfluss, so Lassnigg. „Beträchtliches Entwicklungspotenzial“ sieht er aber bei den künftigen autonomen Schul- und Verwaltungseinheiten mit 200 bis 2.500 Schülern. Wenn man es schaffe, die verschiedenen Schulen in einer Region zum Zusammenarbeiten zu bewegen, „kann man da wirklich viel machen“.

Betroffene wollen mitreden

Doch die direkt Betroffenen - Schüler, Eltern und Lehrer - kritisierten, dass sie vor allem bei der Einführung der Modellregionen für die Gesamtschule der Zehn- bis 14-jährigen nicht gefragt werden. Theodor Saverschel, Präsident des Bundesverbandes der Elternvereine an mittleren und höheren Schulen, sprach gegenüber Ö1 von einer „Zwangsbeglückung“.

Das sei der Beginn der Gesamtschule, offen bleibe aber, wie das umgesetzt wird. Bundesschulsprecher Maximilian Gnesda forderte ebenfalls ein Mitspracherecht. Paul Kimberger, Vorsitzender der Gewerkschaft der Pflichtschullehrer, kritisierte das große Bürokratieaufkommen. Positiv bewertet wurden hingegen die Verbesserungen bei der Schulautonomie und der erleichterte Übergang vom Kindergarten in die Volksschule.

Lassnigg: Reform hin zu „Verländerung“

Lassnigg rechnet damit, dass die Konfliktlinien der unterschiedlichen Akteure in Zukunft fortbestehen. Die geplanten Bildungsdirektoren seien „in einer vollkommenen Sandwichposition zwischen dem Landeshauptmann und dem Bund“. Der Bildungsforscher sieht bei den neuen Zuständigkeiten für die Schulverwaltung zwischen Bund und Ländern nur „eine Vereinfachung auf dem Papier - de facto ist es aber eine Verländerung“. Es könne alles auf unterschiedliche Schulsysteme hinauslaufen: „Die Politik entscheidet sich im Vollzug - und der liegt bei den Ländern.“

Die Bildungsdirektionen als geplante Bund-Länder-Behörden entwirren das System, „aber es ist in der falschen Richtung vereinheitlicht“, kritisiert Lassnigg: „Meiner Meinung nach schafft das ein geschlossenes System auf Länderebene.“ Die Bildungsdirektionen sollen die Aufgaben der Landesschulräte (Bundesbehörden) und Schulabteilungen der Landesregierung (Länderbehörden) übernehmen. Die neue Direktion verwaltet sowohl Bundes- als auch Landeslehrer. Als Schritt in Richtung Transparenz sieht er aber, dass die Personalverrechnung beim Bund konzentriert werden solle.

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