Auto bei Beschuss von Lokalen genutzt
Sechs Anschläge in 33 Minuten mit 129 Toten und über 350 zum Teil schwer Verletzten - das ist die verheerende Bilanz der Anschläge in Paris. Die Ermittler arbeiten fieberhaft an der Aufklärung der verheerenden Anschlagserie. Nach ersten Festnahmen in Belgien wurde nun ein Auto der Attentätern östlich von Paris gefunden.
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
Es sind die Fluchtfahrzeuge, die den Ermittlern derzeit offenbar die meiste Kenntnis zu Tätern und Hintermännern der Terrorserie in Paris bringen. Der Fund eines nun östlich der französischen Hauptstadt gefundenen Wagens könnte nach Einschätzung der Ermittler bedeuten, dass einem der drei Terrorkommandos die Flucht gelungen ist.
Mehrere Kalaschnikows gefunden
Der schwarze Seat Leon sei im östlichen Vorort Montreuil aufgetaucht, meldete der französische Sender Europe 1. In dem Wagen seien mehrere Kalaschnikow-Schnellfeuergewehre gefunden worden. Das Fahrzeug wird jener Gruppe von Attentätern zugeordnet, die für den Beschuss mehrerer Bars und Restaurants im Zentrum von Paris verantwortlich ist. Unklar ist, ob der oder die Täter weiter auf der Flucht sind, oder bereits am Samstag in Belgien gefasst wurden.

APA/AP/BFMTV
Der schwarze Seat Leon soll weitere Hinweise auf die Täter liefern
Fünf Festnahmen in Belgien
Unterdessen wurde bekannt, dass bei der Anti-Terror-Razzia im Brüsseler Stadtteil Molenbeek insgesamt fünf Personen festgenommen wurden. „Es ist anzunehmen, dass es sich um ein Netzwerk handelt“, sagte Bürgermeisterin Francoise Schepmans am Sontag dem Rundfunksender RTBF. Nähere Informationen gab sie allerdings nicht. Bisher war von drei Festgenommenen die Rede gewesen. Einer der Festgenommenen soll sich am Freitagabend in Paris aufgehalten haben.
Bisher ging man davon aus, dass die Festnahmen in Verbindung mit einem VW-Polo-Kleinwagen stehen, der von den Angreifern bei der Konzerthalle Bataclan benutzt wurde. In dem Wagen gefundene Parkscheine eines Brüsseler Parkhauses brachten die Polizei auf die Spur. Erst im August hatte nach einem Angriff auf einen Thalys-Hochgeschwindigkeitszug eine Spur nach Molenbeek geführt.
Nach Angaben des Pariser Staatsanwaltes wurde am Samstag zudem ein Franzose mit Wohnsitz in Belgien an der französisch-belgischen Grenze kontrolliert. Bei ihm im Auto saßen den Angaben zufolge zwei weitere Personen, die in der Umgebung von Brüssel lebten. In Medien wird seither darüber spekuliert, ob es sich bei den Männern um Attentäter handeln könnte, die die Anschläge überlebt haben und versuchten, sich abzusetzen.

Grafik: APA/ORF.at; Quelle: APA
Drei Tätergruppen an drei Tatorten
Wie der Pariser Staatsanwalt Francois Molins am Samstagabend bekanntgab, waren die Angreifer gut organisiert und gingen sehr professionell vor. „Sehr wahrscheinlich waren es drei Teams von Attentätern, die sich abgesprochen haben“, so Molins. Das erste Team griff laut Molins mit Bomben bewaffnet das Fußballstadion an, die zweite Gruppe nahm die Lokale im Zentrum von Paris unter Beschuss und ein drittes Team ist für den Angriff in der Konzerthalle Bataclan verantwortlich. Die Angriffe erfolgten zeitlich koordiniert binnen einer Zeitspanne von nur 33 Minuten.
Getöteter Angreifer als Franzose identifiziert
Die Identifikation der Angreifer ist schwierig, da diese in fast allen Fällen Sprengstoffgürtel zündeten und ihre Überreste dementsprechend weit verteilt wurden. Die Identifikation eines auf diese Weise getöteten Attentäters gelang den Behörden anhand eines Fingerabdrucks. Der 1985 im Süden von Paris geborene Mann sei in den vergangenen Jahren achtmal wegen gewöhnlicher Straftaten verurteilt worden und den Behörden wegen seiner Radikalisierung aufgefallen.
Der Vater und der Bruder des 29-Jährigen wurden am Samstagabend in Polizeigewahrsam genommen und verhört, wie aus Ermittlerkreisen verlautete. Insgesamt nahmen die Behörden laut Berichten des französisches Fernsehsenders BFMTV sieben Angehörige des Identifzierten in Polizeigewahrsam.
Gefundener syrischer Pass vermutlich gefälscht
Ermittler prüfen außerdem eine Verbindung der Attentäter nach Syrien. Nahe der Leiche eines Selbstmordattentäters sei ein syrischer Pass gefunden worden, sagte Staatsanwalt Molins. Der Pass sei auf einen 25 Jahre alten Syrer ausgestellt, der im Oktober über Griechenland und Serbien in die EU eingereist sei. Ob er, wie auf der Balkan-Route üblich, auch durch Österreich gereist ist, ist ebenfalls nicht klar. „Das sind Mutmaßungen, die im Bereich der Spekulation anzuordnen sind“, so Innenministeriumssprecher Karl-Heinz Grundböck.
Nicht bekannt ist jedoch, ob der Pass echt ist und dem Täter auch gehörte oder ob das Dokument gefälscht wurde oder der Täter eine fremde Identität benutzte. US-Geheimdienstmitarbeiter bezweifeln die Echtheit des Passes, wie der US-Sender CBS News berichtet. Auch die französische Polizei geht von einer Fälschung aus, so der britische Sender Channel 4 News auf Twitter. Ein ebenfalls gefundener ägyptischer Pass stellte sich als Dokument eines Opfers heraus.
Festnahme in Deutschland mit Bezug zu Anschlag?
Deutsche Ermittler prüfen unterdessen einen möglichen Zusammenhang einer bayrischen Festnahme eines Autofahrers mit einem umfassenden Waffenarsenal in verschiedenen Verstecken seines Wagens und den Geschehnissen in Paris. Denn im Navigationssystem des Autos war als Ziel eine Adresse in Paris eingegeben. Der aus Montenegro stammende Mann hatte laut Polizei acht Kalaschnikow-Sturmgewehre, zwei Handgranaten, zwei Pistolen, einen Revolver sowie 200 Gramm TNT-Sprengstoff im Fahrzeug versteckt.
„Es gibt einen Bezug nach Frankreich, aber es steht nicht fest, ob es einen Bezug zu diesem Anschlag gibt“, so der deutsche Innenminister Thomas de Maiziere (CDU). Montenegrinische Regierungsquellen wiesen die Vorwürfe als „bösartige Spekulationen“ zurück.
Hotline für Betroffene
Weiterhin gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass sich Österreicher unter den Todesopfern oder lebensgefährlich Verletzten befinden.
Für Angehörige, die sich informieren wollen, ob Familienmitglieder oder Freunde aus Österreich von den Anschlägen in Paris betroffen sein könnten, wurden nachfolgende Hotlines eingerichtet:
- In Österreich: 050 11 50 44 11
- Für Österreicher in Frankreich: 0043/190 115 44 11
- Hotline der Stadt Paris (lokal): 0800 6 005
Österreicher außer Lebensgefahr
Unter den Toten der Pariser Anschläge sind auch mehrere Ausländer. Je ein Todesopfer stammt aus Deutschland, den USA, aus Schweden und aus Großbritannien, wie die jeweiligen Regierungen mitteilten. Zudem stammen jeweils zwei Todesopfer aus Belgien, Rumänien und Mexiko. CNN berichtete zudem über Getötete auch aus Chile und Portugal.
Ein Österreicher erlitt bei dem Terroranschlag auf den Konzertsaal Bataclan eine Schussverletzung. Laut einem Sprecher des Außenministeriums ist der 20-jährige Tiroler außer Lebensgefahr. Derzeit sei er aber noch nicht transportfähig, hieß es in der Nacht auf Sonntag. Sobald es sein Gesundheitszustand zulässt, soll der junge Mann nach Österreich gebracht werden.
Trauermärsche weltweit
Weltweit bekundeten am Samstag bei Trauermärschen Tausende Menschen ihre Solidarität mit Frankreich. Wahrzeichen wie das One World Trade Center in New York und das Opernhaus in Sydney wurden in den französischen Nationalfarben erleuchtet. Auch das Brandenburger Tor in Berlin erstrahlte in den Farben der Trikolore. In Wien wehten am Samstag die Flaggen vor der Präsidentschaftskanzlei, dem Parlament, dem Bundeskanzleramt und dem Außenamt auf halbmast.

Reuters/Lucy Nicholson
Bei den fast zeitgleichen Anschlägen an sechs verschiedenen Orten in der französischen Hauptstadt waren am Freitagabend mindestens 129 Menschen getötet und über 350 weitere verletzt worden, etwa hundert von ihnen lebensgefährlich. Bis Sonntagvormittag wurden über hundert Leichen identifiziert, wie Frankreichs Premierminister Manuel Valls bekanntgab. 20 bis 30 Opfer würden noch untersucht.
Zu den Anschlägen bekannte sich die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS). „Acht Brüder mit Sprengstoffgürteln und Sturmgewehren“ hätten den Angriff verübt, so der IS im Internet. Augenzeugen berichteten, die Angreifer hätten bei der Erstürmung des Bataclan „Allahu Akbar“ (Gott ist groß) gerufen. Zudem hätten sie die französischen Luftangriffe auf die IS-Miliz in Syrien verurteilt.
Links: