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15.000 Kilometer neue Wasserstraßen

Indiens Regierungschef Narendra Modi hat sich ambitionierte Großprojekte auf die Fahnen geschrieben: Umfangreiche Infrastrukturprogramme sollen mehr Stromleitungen, Wasseranschlüsse, saubere Gewässer und gute Straßen schaffen. Umgesetzt wurde davon bisher noch nicht allzu viel. Demnächst könnte nun aber ein Mammutprojekt zur Verbindung von 37 indischen Flüssen starten.

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Gigantische Kanäle sollen entstehen und zum Beispiel Regenwasser aus dem Himalaya in die Wüsten Rajasthans leiten oder im Süden Indiens die Bucht von Bengalen mit dem Arabischen Meer verbinden. Durch die neuen Dämme und Kanäle soll vor allem die landwirtschaftliche Produktivität erhöht werden, so die zuständige Behörde für Wasserentwicklung (National Water Development Agency, NWDA).

Indischer Regierungschef Narendra Modi

APA/EPA/Farooq Khan

Narendra Modi ist für seine vollmundige Ankündigungspolitik bekannt

Wasser soll aus Regionen, in denen es durch die immer wiederkehrenden heftigen Monsunregen häufig zu verheerenden Überschwemmungen kommt, in trockenere Gebiete geleitet werden. Privathaushalte und Industrie könnten besser mit Wasser versorgt und Indiens Energiehunger besser gestillt werden: An den Staudämmen, die für das Projekt gebaut werden, können laut Plan 34 Gigawatt Strom produziert werden.

175 Billionen Liter Wasser pro Jahr

Die Idee dafür gibt es bereits seit den 1970er Jahren, doch wurde sie wegen Umweltbedenken wieder begraben. Nun macht sich Modi, der 2014 an die Macht kam und eine national-hinduistische Regierung führt, im Rahmen seiner Agenda für Wirtschaftsentwicklung für das Projekt stark: „Gebt unseren Bauern Wasser und seht, welche Wunder sie vollbringen können.“ Das Vorhaben umfasst mehr als 3.000 Wasserspeicher und 30 Kanäle. 175 Billionen Liter Wasser sollen pro Jahr umgeleitet werden. Veranschlagt werden dafür mehr als 150 Mrd. Euro.

Flussökologe beklagt „gewaltige Fehler“

Umweltschützer befürchten allerdings, dass durch die Stauseen mehr als eine halbe Million Menschen vertrieben wird. Außerdem soll in den zugrundeliegenden Studien für die Projekte nicht sauber gearbeitet worden sein, wie der Flussökologe Brij Gopal vom unabhängigen Zentrum für Binnengewässer laut dpa sagt: „In den Berichten finden sich gewaltige Fehler.“

Pandav-See im Panna Nationalpark in Indien

Corbis/Dinodia

Der Panna-Nationalpark liegt im Bundesstaat Madhya Pradesh

Gopal nennt als Beispiel Indiens Naturreservat Panna, das viele vom Aussterben bedrohte Tierarten beheimatet. Die Gegend soll, obwohl selbst nicht gut mit Wasser versorgt, Wasser abgeben: Der Wasserverlauf des Flusses Ken soll aufgestaut werden, jährlich sollen 660 Millionen Kubikmeter in den Fluss Betwa im benachbarten Bundesstaat Uttar Pradesh umgeleitet werden.

Geht es nach der Regierung, könnte dort bereits im Dezember mit den Bauarbeiten begonnen werden können. Noch fehlt für den Bau des Dammes und des 220 Kilometer langen Kanals allerdings die endgültige Genehmigung durch einen Ausschuss, der vom Obersten Gericht eingesetzt wurde.

„Da wurde nur rumkopiert“

Laut Gopal wurde im Panna-Bericht schlampig gearbeitet: Zum Beispiel werde darin das Sangai-Reh erwähnt, obwohl dieses 2.000 Kilometer weiter östlich lebe. „Da wurde nur rumkopiert“, so der Flussökologe. Ein Drittel des Parks soll geflutet werden. 1.600 Familien müssten laut dpa ihr zu Hause verlassen. 32 Tiger des Reservats würden von anderen Schutzgebieten abgeschnitten. Gopal warnt außerdem vor den Schäden für die Umwelt, wenn in den Mündungen der Flüsse plötzlich viel Wasser fehle.

Übermäßige Bewässerung wiederum führe dazu, dass die fruchtbare Erde davongeschwemmt wird, so Infrastrukturberater Himraj Dang gegenüber der dpa. Laut Dang ergibt es „keinen Sinn, zwei Flüsse zu verbinden, die den Monsunregen zur gleichen Zeit abbekommen“.

„Soziales und ökologisches Desaster“

Das Projekt sei „ein zukünftiges soziales und ökologisches Desaster“, zitiert die dpa einen Umweltschützer. Der örtliche Aktivist Ashish Sagar ist sich sicher, dass die Menschen nur eine dürftige Summe für ihr Land bekommen - „alles im Namen des Fortschritts“.

Solche „verbohrten“ Umweltschützer sähen die großen Zusammenhänge nicht, holte die dpa die Stimme eines NWDA-Mitarbeiters, der anonym bleiben wollte, ein: „Sie vergessen leicht, dass eigentlich die Armut Indiens größtes Übel ist.“ Wirtschaftliche Entwicklung sei nötig, um den Menschen zu einem besseren Leben zu verhelfen.

Schlecht ergeht es laut einem Experten auch den Tigern der Region: Durch den Stausee würden die Tiere des Naturreservats von benachbarten Tigerpopulationen getrennt, zitiert dpa den Wissenschaftler Raghu Chundawat: „Die Raubkatzen müssen dann in andere Richtungen gehen, was zu Konflikten zwischen Mensch und Tier führen wird - und wohl auch zu mehr Wilderei.“

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