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Mechanismen des politischen Populismus

Selten zuvor ließ sich mit populistischer Politik eine derart breite Wählerschicht gewinnen wie heute. Die aktuelle Ausstellung „Politischer Populismus“ in der Kunsthalle Wien scheint gerade recht zu kommen. Spannende Arbeiten von mehr als 20 Künstlerinnen und Künstlern setzen sich mit unterschiedlichen Facetten des Phänomens auseinander.

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Nein, die Ausstellung sei keine Reaktion auf die jüngsten politischen Entwicklungen und Wahlergebnisse in Europa, betonte Nicolaus Schafhausen bei der Pressekonferenz. Das könne und müsse sie auch gar nicht sein. „Als ich vor zwei Jahren erste Ideen zur Schau entwickelte, hat sich zwar schon eine deutliche Tendenz zum wachsenden Populismus abgezeichnet, aber die aktuelle Flüchtlingsdebatte und das Auseinanderdriften der politischen Parteien in Europa waren noch längst nicht absehbar“, erzählt er.

Exponat

Kunsthalle Wien

Ein Blick in die Ausstellung „Politischer Populismus“

Trotzdem lassen sich in fast allen Arbeiten der mehr als 20 internationalen Künstlerinnen und Künstler – alle Werke entstanden zwischen 1994 und 2015 – erstaunliche Bezüge zu Ereignissen der letzten Wochen und Monate herstellen. Das seien stets Zufälle, wie Schafhausen meint. Erstaunliche Zufälle allemal.

Nazi-Vergangenheit und nationalistische Gegenwart

Da prangt beispielsweise großformatig das Logo des VW-Konzerns im Stiegenhaus, gleich neben der Reichskriegsflagge und dem Logo der Deutschen Bank. Das Emblem mit dem Titel „Deutsches Symbol (VW)“ des Künstlers Marcel Odenbach setzt sich wie viele seiner Arbeiten aus zahlreichen Einzelbildern und Motiven zusammen, die erst bei näherer Betrachtung erkennbar werden.

Vielschichtigkeit, (gelenkte) Kommunikation und Interpretation spielen wesentliche Rollen in seinem Werk. Das passt doch gerade, da war doch ...? Aber nein, es geht nicht um aktuelle Abgasskandale, sondern um die Problematik der Vergangenheitsbewältigung und den Nachhall des Nationalsozialismus bis in die Gegenwart hinein.

Ausstellungshinweis

Die Ausstellung „Politischer Populismus“ ist von 7. November bis 7. Februar bei freiem Eintritt in der Kunsthalle Wien im Wiener MuseumsQuartier zu sehen.

Oder, quasi als massives Zentrum der Schau im ersten Stock, die sieben Meter hohe Skulptur „Model for a Sculpture (Family)“ der polnischen Künstlerin Goshka Macuga aus dem Jahr 2011. Hoch über den Köpfen der Besucher thront das in Gips und Zement gegossene Idealbild der heilen Familie: Vater, Mutter, Kind. Gerade so, als wären sie einem aktuellen Wahlplakat der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) entsprungen, die bei den Parlamentswahlen am 25. Oktober die absolute Mehrheit gewann.

Großformatig, plakativ und eindringlich

Macugas Arbeiten zählen zu den imposantesten der Schau, doch auch die übrigen Positionen, viele von ihnen Foto- und Videoarbeiten, sind großformatig, grell, laut und eindringlich. Form und Inhalt korrelieren, populistische Muster werden auf subversive Art aufgegriffen und weitergedacht bzw. gnadenlos offengelegt.

Etwa in Johanna Kandls Gemälden, die als Verquickungen von Bildern und Zitaten als kritische Zeitdiagnosen gelesen werden können. „It’s the economy, stupid!“ steht auf einem Bild, das eine Flohmarktszene vor dem Hintergrund eines riesigen Wohnblocks zeigt, „modernize or die“ auf einem anderen. Beide Arbeiten entstanden im Jahr 2002.

Exponat

Kunsthalle Wien

Wirtschaftspopulismus trifft Wirtschaftsliberalismus

Komplexe Analysen der Gegenwart

So plakativ die Bildsprache der Arbeiten auch sein mag, so komplex ist der politisch-ökonomische Kontext, auf den sie verweist. „Ich sehe es nicht als Aufgabe der Kunst, aktuelle Missstände unmittelbar zu kommentieren. Kunst muss nicht in kurzer Zeit Antworten auf augenblickliche Probleme finden“, so Schafhausen.

Stattdessen gelte es, aus einer radikal subjektiven Position heraus Zweifel anzubringen und Dinge zu verkomplizieren anstatt sie – wie es der politische Populismus eben so gerne tut – zu vereinfachen, erklärt der Kunsthallen-Chef.

Der Nährboden, auf dem Populismus gedeiht

Und gleich ein zweites mögliches Missverständnis räumt der Chefkurator aus: Wer angesichts des Ausstellungstitels Videos rappender Politiker oder deren mediale Selbstinszenierungen erwartet, muss an dieser Stelle enttäuscht werden.

Es gehe nicht darum, politische Strategien aufzugreifen, sondern das System und die komplexen Phänomene dahinter, die solchen Formen des politischen Populismus erst Grundlage und Nährboden geben: Migration, Überwachung, Globalisierung und globalisierte Finanzwirtschaft oder Zensur. Verkomplizierung statt Vereinfachung also auch in dieser Hinsicht.

Ich kauf mir einen Demonstranten

Dass sich politischer Populismus dabei die Ängste, Emotionen und Unsicherheit der Menschen ebenso zunutze macht wie deren oft schwierige ökonomische Situation, zeigt eindrucksvoll die jüngste Videoarbeit der russischen Künstlerin Anna Jermolaewa.

Zwei Bildschirme hängen im Erdgeschoß nebeneinander an der Wand, auf dem linken gehen alte Frauen und behäbige Männer unbedarft in Zweier- und Dreierreihen durch die aktuelle Moskau Biennale und halten pflichtbewusst Plakate und Schilder in die Höhe. Auf dem rechten Schirm sieht man die Künstlerin selbst, wie sie ebendiesen Menschen nach Eintragung in eine Liste 500 Rubel (umgerechnet rund sieben Euro) in die Hand drückt.

Demonstrieren für ein Taschengeld

„Als die ersten Anti-Putin-Demos in Russland aufkamen, wurden sie nicht verboten, sondern man hat ihnen Pro-Putin-Demos entgegengestellt“, erzählt die Künstlerin. „Gespeist“ wurden diese inszenierten Manifestationen einerseits mit zwangsverpflichteten Studenten (unter Androhung der Exmatrikulation) und mit gekauften Demonstranten. „Seither gibt es eine Plattform im Internet, wo man Demonstranten kaufen kann“, so Jermolaewa.

„Wo trifft man sich? Wie viel wird bezahlt?“ Das sind die wesentlichen Fragen, mehr müssen und wollen die Angeleierten nicht wissen. Jermolaewa ließ ihre Demonstranten in zwei Gruppen einteilen und drei Stunden durch die Messe gehen – die einen demonstrierten für die Biennale, die anderen dagegen. „Viele wussten gar nicht, was Biennale eigentlich heißt“, erzählt die Künstlerin und ergänzt: „Ich hatte zum einen Mitleid mit den Menschen, die das aus ihrer finanziellen Not heraus machen, andererseits wollte ich die herrschenden Mechanismen zeigen.“

Armut als Motor der Macht

Die Arbeit sorgte schon während der Biennale für großes Aufsehen und Diskussionen. „Es ist vielleicht meine bisher wichtigste und emotionalste Arbeit“, so Jermolaewa. Dass sie ihre Demonstranten verlässlich bezahlte, scheint nicht selbstverständlich zu sein und löste Dankbarkeit und Begeisterung unter den Beteiligten aus: „Viele verabschiedeten sich nach der Demo herzlich und baten mich, sie bald wieder anzurufen, wofür oder wogegen auch immer zu demonstrieren sei.“

Freier Eintritt, umfangreiches Begleitprogramm

Begleitend zur Ausstellung findet eine Vielzahl an Kuratorenführungen, auch auf Türkisch und Bosnisch-Kroatisch-Serbisch, Podiumsdiskussionen und Filmvorführungen statt, über den Zeitraum der Ausstellungsdauer hinweg werden alle vertretenen Künstlerinnen und Künstler zumindest einmal in Gesprächen, Diskussionen oder im abschließenden dreitägigen Symposium zu Gast sein.

Der Eintritt zur Ausstellung und zu allen Veranstaltungen des umfangreichen Begleitprogramms ist gratis. „Ist das schon Populismus“, fragt Schafhausen bei der Pressekonferenz, „oder ein Angebot, eine niederschwellige Einladung an alle Gesellschaftsschichten?“

Gelungene, tiefgründige Schau

Jedenfalls ist es eine gelungene Schau, eine große und vielschichtige Zusammenstellung gesellschaftspolitischer und gesellschaftskritischer Positionen, die den von Schafhausen formulierten Anforderungen an die zeitgenössische Kunst sämtlich entsprechen: Es sind radikal subjektive, komplexe Analysen und Stellungnahmen zu jenen Mechanismen, die dem politischen Populismus (nicht nur) in Europa derzeit offenbar so viele Anhänger und Stimmen einbringen wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Judith Hoffmann, ORF.at

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