Syrien: Korrupte Behörden bereichern sich an Verschleppten
Amnesty International (AI) wirft der Regierung in Syrien vor, auf verbrecherische Weise vom Schicksal der Zehntausenden verschwundenen Zivilisten im Land und ihrer Angehörigen zu profitieren.
In Syrien gebe es einen „heimtückischen Schwarzmarkt, bei dem verzweifelte Angehörige auf der Suche nach ihren verschwundenen Verwandten auf skrupellose Weise ausgebeutet werden“, heißt es in einem heute veröffentlichten Bericht der Menschenrechtsorganisation. Der syrische Staat profitiere von diesen Machenschaften.
Zehntausende Menschen von Regime verschleppt
Das syrische Regime hat AI zufolge in den vergangenen vier Jahren Zehntausende Menschen verschleppt. Seit 2011 habe die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in England mindestens 65.000 verschwundene Menschen dokumentiert, davon 58.000 Zivilisten, wie Amnesty mitteilte.
Die Angehörigen erhielten keinerlei Informationen über ihren Verbleib und müssten damit rechnen, selbst verhaftet zu werden, wenn sie versuchen, bei den Sicherheitsbehörden etwas zu erfahren.
Informationen kosten Zehntausende Dollar
Dieses System habe einen Schwarzmarkt entstehen lassen, bei dem Zehntausende Dollar an Unterhändler gezahlt würden, damit diese Informationen über die verschwundenen Angehörigen sammeln.
Aus Verzweiflung verschuldeten sich die Familien, sagt Philip Luther, der Leiter der Amnesty-Sektion für den Nahen Osten und Nordafrika. „Sie bleiben mit wachsenden Schulden und einer klaffenden Lücke zurück, die ihr Angehöriger hinterlassen hat.“ Unter anderen wird der Fall eines Mannes geschildert, dessen drei Brüder 2012 verschwanden. Er brachte vergeblich umgerechnet fast 140.000 Euro auf, um sie zu finden. Heute arbeitet er in der Türkei, um seine Schulden zurückzahlen zu können.
Regierungs- und Gefängnisbeamte als Profiteure
Die Verfasserin des Berichts, Nicolette Boehland, sieht hinreichende Beweise dafür, dass der syrische Staat von dem an die Schwarzmarkthändler gezahlten Geld profitiere.
„Wir sind sicher, dass Regierungs- und Gefängnisbeamte von dem Geld profitieren, das wegen der Verschwundenen gezahlt wird. Hunderte Zeugen haben das bestätigt“, sagte Boehland. „Diese Praxis ist so weit verbreitet, dass kaum anzunehmen ist, dass die Regierung nichts davon weiß. Tatsächlich billigt sie diese Praxis, indem sie nichts tut, um sie zu beenden.“