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Die Bomben vor Bullerbü

Von wegen Idylle: Adolf Hitler wünscht sie Magenkrebs, den eigenen Sohn will sie lieber erschießen, als ihn in den Krieg ziehen zu lassen. Astrid Lindgrens soeben auf Deutsch erschienene Kriegstagebücher, „Die Menschheit hat den Verstand verloren“, präsentieren Pippi Langstrumpfs Schöpferin als scharfsichtige politische Beobachterin und glühende Pazifistin.

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Am 1. September 1939 beginnt die Stockholmer Hausfrau und ausgebildete Sekretärin, Astrid Lindgren, ihr Tagebuch mit dem Ausruf: „Oh! Heute hat der Krieg begonnen. Niemand wollte es glauben“, um von diesem Eintrag an den Kriegsverlauf in siebzehn ledergebundenen Tagebüchern nachzuzeichnen. In einfachen, fast kindlichen Worten gibt sie ihrer Haltung Ausdruck. Hier blitzt sie bereits durch, die Schriftstellerin, die Lindgren offiziell erst fünf Jahre später, mit der Veröffentlichung der Jugendromane „Britt-Mari erleichtert ihr Herz" (1944) und „Pippi Langstrumpf“ (1945) werden sollte.

Archivbild von Sohn Lasse, Astrid Lindgren, Tochter Karin und Sture Lindgren

Ullstein Verlag

Astrid Lindgren (Zweite von links), links von ihr Sohn Lars, rechts Tochter Karin, daneben ihr Mann Sture Lindgren

Zunächst aber dienen ihr die Tagebücher dazu, das Unbegreifliche zu begreifen. Wie viele Zeitgenossen will Lindgren nicht glauben, dass im zivilisierten Europa eine derart barbarische gegenseitige Vernichtung möglich ist. Darum sammelt sie Zeitungsmeldungen aus der schwedischen Tagespresse und klebt sie ein. Der deutsche Ullstein-Verlag hat diese Collagen aus Druckwerk und Handschrift dankenswerterweise als Faksimiles zwischen den Übersetzungen platziert - wie überhaupt diese Ausgabe liebevoll editiert und layouterisch wunderbar gelungen ist.

Buchcover von "Die Menschheit hat den Verstand verloren: Tagebücher 1939-1945"

Ullstein Verlag

Buchhinweis

Astrid Lindgren: Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939-1945. Ullstein, 573 Seiten, 24,70 Euro.

Pippi Langstrumpfs Geburt

Zu Kriegsbeginn ist Lindgren verheiratet mit dem Geschäftsführer des königlichen Automobilclubs, Sture Lindgren, mit dem sie eine gemeinsame Tochter, Karin, hat. Aus einer früheren Beziehung gibt es bereits Sohn Lars, den sie als Achtzehnjährige ledig zur Welt brachte und der – gemäß damaliger Moralvorstellungen – die ersten Jahre seines Lebens bei Pflegeeltern aufwuchs. 1939 hat Lindgren es geschafft, ein solides Zuhause für sich und ihre Kinder aufzubauen. Leicht war es sicher nicht. Und nun muss sie mitansehen, wie der Krieg und eine gleichzeitige, in den Tagebüchern nur angedeutete, Ehekrise alles, was ihr fest und sicher erschien, ins Wanken bringt.

Aus dieser Not heraus beginnt Lindgren zu erzählen. Zunächst nur der ständig bronchien- und lungenkranken Tochter, dann einer wachsenden Kinderschar aus der Nachbarschaft, die immer mehr Geschichten von Pippi Langstrumpf hören will. Nur am Rande erwähnt sie in den Tagebüchern die Freude, die ihr dieser „Übermensch in Kindgestalt“ (wie sie Pippi Langstrumpf in einem Brief an einen Verleger nennt) selbst bereitet. Zugleich verliert sie auch in den Kriegsschilderungen nie ihren Humor. „Der Krieg ist drei Jahre geworden, und ich habe seinen Geburtstag nicht gefeiert“, schreibt sie im September 1942 und wundert sich, warum nicht alle sehen, „dass es sich bei einem, der so redet wie Hitler, um einen psychisch kranken Menschen handeln muss“.

Tagebücher von Astrid Lindgren

Astrid Lindgren, die Erfinderin von Pippi Langstrumpf, gilt nicht nicht nur als die wahrscheinlich bekannteste Kinderbuchautorin der Welt. Sie war auch eine wichtige politische Stimme in ihrer Heimat Schweden.

„Magenkrebs für Adolf Hitler“

Als Mussolini stirbt, jubiliert sie, denn „wenn irgendwer verdient hat, Magenkrebs zu kriegen, dann ja wohl er. Und jetzt, bitte, Adolf Hitler!“ Auch macht sie sich Gedanken, was geschähe, sollte Schweden je seine Neutralität verlieren. Immer gilt ihr Mitgefühl den Kindern aller Kriegsnationen. Den Abtransport jüdischer Kinder aus Dänemark in die deutschen Vernichtungslager betrauert sie ebenso wie die deutschen Kindersoldaten, die in den letzten Kriegstagen sinnlos in den Tod getrieben wurden. Und sollte jemals ihr eigener Sohn Lars einberufen werden, so würde sie ihn „lieber erschießen, als ihn in den Krieg ziehen zu lassen“. Das sind starke, in diesem Fall wohl auch polemisch zugespitzte Worte von einer, die sich mit größter Empathie auf die Seite der Unschuldigen und Schwachen stellt.

Auszug aus dem Kriegstagebuch von Astrid Lindgren

Ullstein Verlag

Faksimiles aus dem Tagebuch im Krieg: Lindgren klebte oft etwas ein.

Während der Kriegsjahre öffnet Lindgren, die bei der geheimen staatlichen Briefzensur arbeitet, Tausende Briefe mit Wasserdampf und liest ihren Inhalt. Abschriften diverser Privatbriefe finden sich ebenfalls als Faksimile im Ullstein-Band. Durch diese Briefe ist sie früher als andere über die Existenz der deutschen Todeslager informiert. Man spürt, wie sie sich zwingen muss zu glauben, was ihr Herz nicht glauben will.

Auszug aus dem Kriegstagebuch von Astrid Lindgren

Ullstein Verlag

Das Buch ist mit Faksimiles und Fotos reich ausgestattet

Pippi, Ronja und Michel als Vorkämpfer

Bereits im August 1943 ahnt Lindgren die historische Bedeutung des Holocaust voraus: „Die unausprechlichen Wunden, die der Krieg geschlagen hat, werden nicht mit ein bisschen Kaffee geheilt. Jene, deren Angehörige in deutschen Konzentrationslagern zu Tode gequält wurden, vergessen nichts, nur weil Frieden ist.“ Lindgrens Tagebücher sind ein Beleg dafür, was die jugendlichen und erwachsenen Leser ihrer Romane bisher nur ahnten. Figuren wie Pippi Langstrumpf, Ronja Räubertochter und Michel aus Lönneberga wurden von ihrer politisch hochsensiblen Autorin ganz bewusst ausgeschickt: als Vorkämpfer für eine menschlichere, gerechtere und endlich friedliche Welt.

Maya McKechneay, ORF.at

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