„Was hier passiert, ist moderne Sklaverei“
Um weniger als 90 Cent kann man in einem österreichischen Supermarkt Orangensaft kaufen - in ganz Europa gilt dieser Fruchtsaft als besonders nachgefragt. Der Weg des Produkts auf die Supermarktregale ist dabei in den meisten Fällen der gleiche: 80 Prozent des Konzentrats kommen aus Brasilien. Eine neue Studie widmet sich nun der erschreckenden Realität für Erntekräfte und Umwelt.
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Im Fokus der Produktion steht dabei die Region Sao Paulo, wo die Zitrusfrüchte auf gigantischen Plantagen angebaut werden, wie die Studie unter dem Titel „Ausgepresst: Hinter den Kulissen der Orangensaftproduktion“ schildert. Ebenso wird erklärt, dass Anbau, Ernte und Fertigung unter der Leitung ganz weniger geschieht - überhaupt verkaufen nur drei multinationale Unternehmen, namentlich Citrosuco, Cutrale und Luis Dreyfus Commodities, 50 Prozent des weltweit produzierten Orangensaftkonzentrats an Saftabfüll- und Verpackungsunternehmen.
Enorme Marktkonzentration
Zusätzlich bestimmen EU-weit nur drei bis vier Supermarktketten pro Land etwa 80 bis 90 Prozent des gesamten Handels und bauen über Eigenmarken ihre Marktmacht bei den Preisverhandlungen mit Produzenten noch weiter aus. Und das, was ein Packerl Orangensaft dann am Ende an der europäischen Supermarktkassa kostet, kommt aufgrund der zynischen Regeln des Marktes auch nur zu einem kleinen Bruchteil bei jenen an, die am härtesten arbeiten.

GLOBAL 2000
Eine Orangensaftfabrik nahe Sao Paulo
Gefährliche Schwerstarbeit
Vor allem diese erschreckende Realität wurde von der Umweltschutzorganisation Global 2000 und der entwicklungspolitischen NGO Südwind bei der Studienpräsentation am Freitag in Wien beschrieben: Denn im Sinne der Profit- und Gewinnmaximierung gehen die Niedrigpreise der Saftproduzenten auf Kosten der Arbeiter auf Plantagen und in Fabriken. Der Ernteumfang nur eines Arbeiters beträgt 1,5 Tonnen, wie es vonseiten der NGO Südwind hieß. Das geschehe unter extremem Zeitdruck: Gearbeitet werde zehn bis elf Stunden täglich - unter gefährlichen Bedingungen.
„Es wäre besser, wenn die Menschen gar nicht arbeiten würden, bevor sie diese Arbeit ausführen“, sagte Alcimir Antonio de Carmo, ein brasilianischer Gewerkschaftsvertreter zur Situation auf den Plantagen. „Was hier passiert, ist moderne Sklaverei“, kommentierte Global 2000. Die Rede ist von brüchigen Leitern und 30-Kilogramm-Körben, die geschleppt werden müssen. Als Lohn dafür gibt es zehn Euro pro Tag.
Viele Todesfälle
Außerdem verursacht der enorme Einsatz von Pestiziden gesundheitliche Probleme. Wegen unzureichender Schutzkleidung hat sich die Zahl der gemeldeten Pestizidvergiftungen seit 2007 verdoppelt. Auch die Arbeitsunfälle stiegen um 67 Prozent. Zudem wurden innerhalb der letzten acht Jahre 206 Todesfälle gemeldet. Das sind freilich nur die offiziellen Zahlen, die Dunkelziffern sind weitaus höher. Doch nicht nur die Arbeiter leiden unter den Produktionsbedingungen. Auch die Umwelt ist stark belastet.

GLOBAL 2000
Die Lebensbedingungen der Plantagenarbeiter sind inferior
Freihändiger Einsatz von Pestiziden
Unter dem freihändigen Einsatz von Pestiziden leiden vor allem die Wildbienen, die zur Bestäubung der Orangenblüten essenziell sind. Die Umweltorganisation Global 2000 spricht von einem „explodierten Einsatz von bienengefährdenden Mitteln“, insbesondere seit dem Ausbrechen einer aus Asien eingeschleppten Orangenbaumkrankheit. Mit schädlichen Neonicotinoid-Insektiziden versucht man, den Überträger dieser bakteriellen Krankheit, eine Blattlausart, zu vernichten. Langfristig werden auf diese Weise natürliche Ressourcen geschädigt und im schlimmsten Fall sogar zerstört.
Die NGO Fairtrade kritisiert insbesondere die Entlohnung der Arbeiter, die „weit unter dem liegt, was ein Mensch zum Leben in Würde braucht“. Auch Global 2000 und Südwind argumentieren ähnlich und fordern gemeinsame Anstrengungen, hin zu „fairer Bezahlung“, „fairen Supermärkten“ und einem „menschenwürdigen Leben“.
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