Themenüberblick

Eine Frage der Internationalität

Wenn am 27. September die Oberösterreicher ihren Landtag wählen, dann stimmen sie auch über die Wirtschaftspolitik im Land ab. Dieser kommt im „Industriebundesland Nummer eins“ eine große Rolle zu. Rühmt sich das Land ob der Enns doch als Wirtschaftsmotor und bedeutendstes Industriezentrum Österreichs.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Bei Oberösterreich und Industrie kommt den meisten wohl zuallererst die voestalpine in den Sinn. Der weltweit agierende Konzern mit Firmensitz in Linz ist noch immer der größte Arbeitgeber im Bundesland und Sinnbild für Oberösterreichs Industrie. Das Unternehmen habe gemeinsam mit anderen „grundstofforientierten“ Unternehmen in der Vergangenheit sicher einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass Oberösterreich zum wirtschaftlichen Vorzeigebundesland geworden sei, sagt Peter Mayerhofer im Gespräch mit ORF.at.

Der Wirtschaftswissenschaftler ist beim Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) im Bereich Strukturwandel und Regionalentwicklung tätig und immer wieder mit Oberösterreich befasst. Unter anderem war er maßgeblich an der Studie „Oberösterreichs Wirtschaft im europäischen Wettbewerb“ beteiligt, die das WIFO 2012 im Auftrag der Wirtschaftskammer Oberösterreich erstellte.

Günstige geografische Lage

Den entscheidenden Punkt für Oberösterreichs wirtschaftlichen Aufstieg sieht Mayerhofer allerdings nicht allein in der Großindustrie des oberösterreichischen Zentralraums. Es sei vor allem der Erfolg auf den internationalen Märkten, der dem Bundesland den wirtschaftlichen Spitzenplatz eingebracht habe. Und das hat für Mayerhofer zwei Gründe: Einerseits grenze Oberösterreich an den süddeutschen Raum und liege damit geografisch äußerst günstig. Andererseits hätten die Unternehmen eine „Position als technologierelevante, systemische Zulieferer“. Oder anders und etwas einfacher ausgedrückt: Oberösterreichs Exportbetriebe „sind wirklich in den Zuliefersystemen drinnen“.

Die gewichtigste Rolle spielt dabei wenig überraschend der Zentralraum, also die Gegend rund um die Städte Linz, Wels und Steyr. Hier sitzen die wirklich großen Betriebe, die Metall- und Chemieindustrie und die Fahrzeugbauer. Doch auch im Rest des Landes spielt die Industrie eine große Rolle. Die produzierende Wirtschaft sei „regional sehr, sehr breit“ aufgestellt, sagt Mayerhofer - und führt Sparten wie den Maschinenbau, die Nahrungsmittelproduktion oder auch die Textilindustrie an, die wiederum über Netzwerke in die Industrie im Zentralraum eingebunden seien.

Welthandel als Achillesferse

Dafür, dass das bis jetzt recht gut funktioniert hat, sprechen die Exportzahlen des Bundeslandes. Auf Oberösterreich, in dem 17 Prozent der österreichischen Bevölkerung leben, entfallen mehr als ein Viertel aller Exporte Österreichs. Die Orientierung auf den ausländischen Handel ist allerdings auch die Achillesferse des Bundeslandes. Dass Oberösterreich die Wirtschaftskrise stärker zu spüren bekam als Österreich im Durchschnitt, liegt für Mayerhofer darin begründet. 2008 und 2009 sei der Welthandel zusammengebrochen. Das habe direkt auch auf Oberösterreich durchgeschlagen.

Grundsätzlich sei das Land aber wieder relativ gut aus der Krise gekommen, meint der Ökonom. Davon ist freilich nicht jeder überzeugt: „Das frühere Wirtschaftswunderland sackt ab“, titelte etwa im August das „profil“. Unternehmer kritisierten in dem Artikel die Überregulierung und ein zu starkes Augenmerk auf den Umweltschutz. Am schwersten wog aber wohl die von der Industriellenvereinigung vorgebrachte Kritik, dass in Oberösterreich die öffentliche Hand zu wenig für Forschung und Entwicklung leiste.

Zu klein und regional?

Auch Mayerhofer bestätigt, dass die Unternehmen in Oberösterreich einen im Österreichischen Vergleich hohen Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung übernehmen: 76 Prozent der rund 1,7 Milliarden Euro werden von der Wirtschaft selbst investiert. In Österreich sind es im Schnitt 46 Prozent. Einen Teil davon bekommen die Unternehmen freilich wieder über Förderungen zurück. Für die ist aber vor allem der Bund zuständig.

Der Grund dafür, dass Forschung und Entwicklung im oberösterreichischen Landesbudget nur einen relativ geringen Anteil ausmacht, sieht Mayerhofer vor allem in der vergleichsweise kleinen Universität des Landes begründet. Andere Bundesländer wie Wien oder die Steiermark hätten weitaus größere Unis und investierten über diese eben auch mehr in Forschung und Entwicklung. Dabei ist die Linzer Johannes Kepler Universität (JKU), genauso wie die Fachhochschulen des Landes stark mit der oberösterreichischen Wirtschaft vernetzt. Doch es mangelt an Größe und Internationalität.

Johannes Kepler Universität Linz

ORF.at/Dominique Hammer

Die Linzer JKU gehört zu den kleineren Unis Österreichs

Das machen auch die Studierendenzahlen deutlich. So stammen um die 70 Prozent der rund 17.000 Studierenden an der JKU aus Oberösterreich. Dennoch studiert die Mehrheit der Oberösterreicher außerhalb des eigenen Bundeslandes. Man könne hier durchaus von einem „Brain-Drain“ sprechen meint Mayerhofer. Besonders in den „MINT“-Fächern, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, sieht der Wirtschaftswissenschaftler Aufholbedarf. Eine Kritik, die so auch Joachim Haindl-Grutsch, Geschäftsführer der IV Oberösterreich, im „Profil“ äußerte.

Wirtschaftswissenschaftler Mayerhofer geht aber noch einen Schritt weiter. Oberösterreich müsse sich nicht nur um steigende Akademikerzahlen kümmern, sondern zugleich aufpassen, dass der mittlere Bildungsstand, also Facharbeiter und Handwerker, nicht wegbreche. Mayerhofer ist nicht allein, wenn er moniert, dass gerade in diesem Bereich noch zu wenig auf die Förderung von Menschen mit Migrationshintergrund gesetzt werde.

Oberösterreicher unter sich

Überhaupt ortet Mayerhofer „ein bisschen ein Problem“, dass „Outsider“ in Oberösterreich eher draußen blieben. Das hat womöglich auch mit den starken Netzwerken zu tun, die Oberösterreichs Wirtschaft auszeichnen. Die einzelnen Unternehmen sind miteinander gut verbunden. Neben der Linzer Uni sind die FHs des Landes vor allem für kleinere und mittelgroße Betriebe ein wichtiger Ansprechpartner im Innovationsbereich. Aber ob das ausreicht, wenn, wie Mayerhofer prognostiziert, vermehrt „radikale Innovationen“ nötig werden? Es also nicht mehr reicht, bestehende Technologien weiterzuentwickeln, sondern verstärkt neue, eigene entwickelt werden müssen.

In einem „strategischen Wirtschafts- und Forschungsprogramm“, will das Land nun genau solche Probleme angehen. „Innovatives Oberösterreich 2020“ ist das Programm übertitelt, das die Landesregierung in diesem Jahr gestartet hat. Fünf große Themenbereiche - darunter „industrielle Dienstleistungsprozesse“, „Energie“, aber auch „Gesundheit und alternde Gesellschaft“ - soll es abdecken und dabei immer die Felder Bildung, Wirtschaft und Forschung im Blick haben. Ein Urteil darüber, ob es erfolgreich war, können die Wähler dann bei der übernächsten Landtagswahl 2021 abgeben. Denn abgeschlossen wird es, wie der Name bereits andeutet, erst in fünf Jahren sein.

Martin Steinmüller, ORF.at

Links: