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Liebevoller Anarchismus für Kinder

Ende September ist Pumuckl-Erfinderin Ellis Kaut verstorben - im Alter von 94 Jahren. Generationen waren in Österreich und Deutschland mit „Meister Eder und sein Pumuckl“ groß geworden.

Der freche Kobold eroberte aber auch Kinderherzen in europäischen Ländern wie Spanien und Frankreich - und sogar in China. Dabei war Pumuckl nicht das einzige Werk der vielseitigen Künstlerin. Für den Bayerischen Rundfunk (BR) schrieb sie Hunderte von Beiträgen für den Schulfunk und für ein Frauenmagazin. Eine Erfolgsstory wurden neben Pumuckl auch die 120 Geschichten vom „Kater Musch“.

Ellis Kaut

APA/dpa/Peter Kneffel

Ellis Kaut: Ihr Pumuckl war das indirekte Produkt einer Schneeballschlacht

„Ein rechter Pumuckl“

Ellis Kaut wuchs in München auf und heiratete 1939 bereits im Alter von 19 Jahren den Schriftsteller Kurt Preis. Tochter Ursula wurde 1945 geboren. Kaut absolvierte eine klassische Schauspielschule und studierte Bildhauerei. Im Alter von 28 Jahren begann sie, als freie Schriftstellerin ihr Auskommen zu finden, in den 50er und 60er Jahren kamen Sprechrollen bei Hörspielen hinzu. Kaut betätigte sich auch als Malerin und Fotografin. In einem Interview sagte sie vor ein paar Jahren, im Gegensatz dazu sei das Schreiben für sie immer harte Arbeit gewesen.

Das große Lebensprojekt von Kaut war jedenfalls Pumuckl. Er erblickte im Jahr 1961 das Licht der Welt. Sieben Jahre lang hatte Kaut zu diesem Zeitpunkt bereits für den BR Hörspiele über den sprechenden Kater Musch und sein Herrl Tonerl geschrieben. Als der Tonerl-Sprecher plötzlich einen besseren Job angeboten bekam (als Intendant in Freiburg), musste rasch Ersatz für die Musch-Geschichten gefunden werden. Zu dieser Zeit befand sich Kaut auf Skiurlaub - wo sie ihren Mann mit Schneebällen bewarf. Der nannte sie daraufhin einen „rechten Pumuckl“, was auch immer er damit meinte.

Hans Clarin mit dem Kobold "Pumuckl"

AP/Bayerischer Rundfunk

Hans Clarin, die Stimme von Pumuckl, gemeinsam mit dem Kobold

Die Figur war damit jedenfalls erfunden. Als Kaut dann noch bei einem alten Tischler ein Regal in Auftrag gab, war auch das Umfeld für den Kobold klar. Der erste Sendetermin der neuen Hörspielreihe war schließlich der 21. Februar 1962. Damals lief im BR das Hörspiel „Spuk in der Werkstatt“, das im Nu die Kinder begeisterte. Die ersten Worte: „Pumuckl neckt, Pumuckl versteckt, niemand entdeckt“ sprach Hans Clarin mit seiner charakteristischen Krächzstimme. Ganz nach dem Pumuckl-Motto „Ui, das reimt sich - und was sich reimt, ist gut“.

Norddeutschland neckt Bayern

Clarin stammte von der Küste aus Wilhelmshaven. Pumuckls Meister Eder dagegen sprach urbayrischen Dialekt. Beim BR sahen sie auch in diesem Gegensatz zwischen dem frechen Norddeutsch des Kobolds und dem Bayrisch des Handwerkermeisters den Grund für den Erfolg. Insgesamt 90 Hörspielfolgen schrieb Kaut. Doch ihre Bekanntheit weit über die deutschen Grenzen hinaus verdankt die Figur dem 1982 ausgestrahlten ersten Kinofilm und der direkt darauf folgenden Fernsehserie mit einem gezeichneten Pumuckl. Da spielte Gustl Bayrhammer den in einer Münchner Hinterhoftischlerei werkelnden Meister Eder.

Filmszene mit Gustl Bayrhammer als Meister Eder mit dem Kobold "Pumuckl" in der gleichnamigen Fernsehserie

AP/Bayerischer Rundfunk

Gustl Bayrhammer als Meister Eder mit seinem Pumuckl

Krokodilstränen und ein gutes Herz

Ein meist gutgelaunter und nur manchmal todtrauriger (oder zumindest dicke Krokodilstränen weinender) Anarchist war Pumuckl in den Büchern genauso wie im Fernsehen. Er machte seinem Meister Eder mit seinen Streichen das Leben schwer - aber der war erstens einsam und hatte zweitens (wie der Kobold) ein gutes Herz, und deshalb beschützte und versteckte er Pumuckl. Denn der wurde nicht nur sichtbar, wenn er selbst das so will. Auch wenn er wo kleben blieb, konnte man ihn sehen. Pumuckl gehörte demjenigen, der ihn zuletzt gesehen hatte.

Vergleichbar war Pumuckl wohl am ehesten mit Pippi Langstrumpf - wie sie hatte er seinen eigenen Kopf und setzte ihn mit allen möglichen und vor allem unmöglichen Mitteln durch. Seine Geschichten machen Kindern Mut, aufmüpfig zu sein - und sie dürfen über seinen Schabernack ungestraft lachen, wenn auch nicht ungestraft nachmachen.

Pumuckl sorgt für Streit

Während der letzten Jahre überschattete ein Rechtsstreit der beiden „Mütter“ die Geschichten vom Kobold. Die Grafikerin Barbara von Johnson hatte den Pumuckl 1965 gezeichnet und stritt mit Kaut über verschiedene Fragen vor Gericht. Für Kaut war klar: Was auch immer mit Pumuckl geschieht - das dürfe nur sie entscheiden.

Am letzten Streit um Pumuckl beteiligte sich Kaut jedoch nur noch indirekt. Der Kobold sollte nach Kritik in Zukunft schlanker gezeichnet werden, damit er in Sachen Gesundheit ein Vorbild ist. Nach lautstarker Kritik am dünneren Pumuckl vor allem in Sozialen Netzwerken wurde eingelenkt: Es soll künftig Vorgaben für das Aussehen des Kobolds geben. „Derzeit wird ein Styleguide erarbeitet, der genau festlegt, wie weit das Schokoladenbäuchlein künftig aus der grünen Hose ragen darf“, teilte eine Sprecherin des Stuttgarter Kosmos-Verlags unlängst mit. Kauts Tochter Bagnall sagte dem „Münchner Merkur“: „Pumuckl bekommt seinen Bauch zurück.“ Ihre Mutter habe gesagt, der dünne Pumuckl sei „scheußlich“.

„Eine eigene Art von Vernunft“

Den Pumuckl-Fans sind solche Debatten egal. Die Hörbücher erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit bei den Kleinen. Alt und grau wird der Klabautermann ohnehin nie werden. Ihr Pumuckl werde immer rothaarig bleiben, und an die Pension denke er auch nicht, sagte Kaut vor ein paar Jahren in einem Interview der dpa. „Ich glaube, dass er sich keine großen Gedanken über die Rente macht - weil er gar nicht weiß, was eine Rente ist.“ Auch die Frage, ob Pumuckl irgendwann vernünftig und erwachsen wird, stellte sich für Kaut nicht. „Er ist ja schon vernünftig - er ist ja viel vernünftiger als die meisten Menschen“, fand Kaut, räumte aber ein: „Es ist allerdings ein eigene Art der Vernunft.“

Damit Kinder auch in Zukunft „Pumuckl“ und „Kater Musch“ lesen können, gründete Kaut vor Jahren eine Stiftung zur Förderung des Lesens und der Kinderliteratur, die sie schon vor ihrem Tod an die Internationale Jugendbibliothek in München übergeben hatte. Ihr Argument für die Fördermaßnahmen: Durch Lesen könne man unglaublich viel lernen. Sie arbeite 16 Stunden am Tag, sagte Kaut einmal über sich. Mit der Veröffentlichung ihrer Autobiografie „Nur ich sag ich zu mir“ hatte sie den Stift endgültig hingelegt. Nun verstarb sie im Alter von 94 Jahren in einem Pflegeheim nahe München nach langer, schwerer Krankheit.

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