Themenüberblick

Ab der Früh wieder Sonderzüge

An der Grenze zwischen Österreich und Ungarn ist vorerst Ruhe eingekehrt. Gegen Mitternacht waren noch einmal mehr als 1.000 Flüchtlinge in Nickelsdorf angekommen. In den folgenden Stunden habe es keinen weiteren Zuzug von Flüchtlingen gegeben, sagte der stellvertretende Landespolizeidirektor Burgenlands, Christian Stella, am Sonntagmorgen.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

An die 1.500 Flüchtlinge wurden noch in der Nacht mit Bussen aus Nickelsdorf weggebracht und auf Quartiere in Österreich verteilt, listete der stellvertretende Landespolizeidirektor Stella die nächtlichen Aktivitäten auf: „Rund 500 nach Schwechat, 450 nach Oberösterreich und 490 nach Wien.“ Doch nicht alle der Neuankömmlinge kamen in der Nacht in festen Quartieren unter. 700 Flüchtlinge mussten die Nacht in Nickelsdorf im Freien verbringen, wie die ZIB berichtete. Am späten Samstagabend waren mit Zügen der ungarischen Bahn rund tausend Menschen in Hegyeshalom eingetroffen. Von dort mussten sie etwa zehn Kilometer lang über die Grenze marschieren.

Menschen an der Grenze zu Nickelsdorf

Carina Koth

Nicht für alle Flüchtlinge gab es in der Nacht in Nickelsdorf ein Bett

Mehrere Flüchtlinge mussten nach Angaben des Roten Kreuzes in Krankenhäuser behandelt werden. Insgesamt seien bis zum Morgen 16 Menschen in Kliniken nach Kittsee und Eisenstadt gebracht werden. Unter ihnen seien sieben schwer kranke Kinder, so der Einsatzleiter des Roten Kreuzes, Reinhold Renner - mehr dazu in burgenland.ORF.at.

ZIB-Bericht aus Nickelsdorf

In Nickelsdorf im Burgenland werden die Flüchtlinge mit dem Notwendigsten versorgt. Viele mussten die Nacht aber dennoch unter freiem Himmel verbringen.

Direktbusse nach Deutschland?

In der Früh und während des Vormittags sollen nun weitere Flüchtlinge mit regulären und Sonderzügen nach Wien gebracht werden. Vom Bahnhof Nickelsdorf soll demnächst wieder ein Sonderzug mit rund 400 Flüchtlingen nach Wien abfahren. Man habe bereits 350 Personen zum Bahnhof transportiert. Sobald die restlichen 50 auch hingebracht wurden, könne der Zug abfahren, so Stella.

In den nächsten Stunden sollen 520 Personen zum Salzburger Hauptbahnhof gebracht werden, 120 bis 130 in die Schwarzenberg-Kaserne in Salzburg und 170 in die Kaserne nach St. Pölten. Rund 500 wurden in der Früh mit Bussen nach Graz gebracht Sie werden in der Grazer Messehalle vom Roten Kreuz versorgt - mehr dazu in steiermark.ORF.at.

Rund 150 Flüchtlinge könnten möglicherweise nach Wien in die Pfarre am Akkonplatz in Wien-Rudolfsheim-Fünfhaus gebracht werden - das sei aber noch nicht bestätigt, so Stella. „Wir hätten auch ein Angebot, dass wir 20 Busse direkt nach Deutschland bringen.“ In Deutschland würden jedoch zwei Fahrer pro Bus verlangt. Man wisse nicht, ob die ÖBB das stellen können, zumal am Montag Schulbeginn in Wien sei.

Flüchtlinge in Zügen Richtung Österreich

Wie viele Neuankömmlinge im Tagesverlauf zu erwarten sind, war für Stella nicht abschätzbar. Es sei aber zu erwarten, dass mit den ersten Regionalzügen weitere Schutzsuchende eintreffen werden. Am späten Samstagabend war bekanntgeworden, dass Flüchtlinge auf dem Bahnhof in Budapest offenbar wieder in die Züge Richtung Österreich steigen.

„Flüchtlinge können jetzt in die Züge in Ungarn. Gute Nachrichten heute Abend“, teilte die ungarische Nichtregierungsorganisation Migration Aid mit. Menschen, die einen Asylantrag gestellt haben, dürfen öffentliche Verkehrsmittel benützen. Direktzüge nach Wien gibt es derzeit nicht. Ungarn lasse auch eine Einreise von Zügen der ÖBB nicht zu, erklärte ÖBB-Chef Christian Kern im ZIB2-Interview.

ÖBB-Generaldirektor Kern im Interview

Christian Kern kritisiert die mangelnde Auskunftsfreudigkeit Ungarns über weitere Flüchtlingszüge und räumt ein, dass Flüchtlinge auch ohne Fahrkarten von den ÖBB transportiert würden.

Kern übte heftige Kritik an Ungarn. Es gebe nur spärliche Informationen. Erst am Samstagabend habe er erfahren, dass noch ein Zug mit 1.500 Menschen nach Österreich unterwegs ist - „eine Überraschung“ seitens der Ungarn. Diese Menschen müssten die Nacht jedenfalls in Österreich verbringen, weil sie die Deutschen nicht in der Nacht übernehmen würden. „Das meiste erfahren wir von unseren Mitarbeitern in Ungarn. Orban (Premier Viktor, Anm.) wollte ein Exempel statuieren.“

Bisher 8.000 in München angekommen

Der Großteil der Flüchtlinge, die Österreich in den vergangenen Stunden erreichten, blieb nicht im Land, sondern reiste nach Deutschland weiter. In der Nacht auf Sonntag trafen etwa 1.000 Flüchtlinge über Österreich in der bayerischen Landeshauptstadt München ein. Dort mussten sie kurz nach ihrer Ankunft in einen Zug mit Ziel Dortmund umsteigen. Insgesamt erreichten seit Samstag etwa 8.000 Flüchtlinge München.

Die Regierungen in Wien und Berlin hatten am späten Freitagabend zugesagt, Flüchtlinge - etwa aus dem Kriegsgebiet in Syrien - aus Ungarn nach Österreich und Deutschland einreisen zu lassen. Seither sind damit rund 10.000 potenzielle Asylwerber aus Ungarn nach Österreich gekommen.

Zwischenstation in Österreich

Mehrere tausend Menschen mit dem Ziel Deutschland verbrachten die Nacht von Samstag auf Sonntag noch in Österreich. In Linz wurden rund 860 Flüchtlinge kurzfristig in der ehemaligen Tabakfabrik und in leerstehenden ÖBB-Gebäuden untergebracht - mehr dazu in ooe.ORF.at.

In Salzbug verbrachten rund 600 Menschen die Nacht in einem Zug auf dem Hauptbahnhof. Für den letzten Intercity von Wien, der gegen 1.00 Uhr in Salzburg eintraf, gab es unmittelbar keinen Anschlusszug mehr nach München. Deshalb blieb der Zug in Salzburg stehen und wurde weiter beheizt, auch die Toiletten waren weiter in Betrieb - mehr dazu in salzburg.ORF.at

Spannungen zwischen Österreich und Ungarn

Im Zuge der Entwicklungen der vergangenen Tage verschärfte sich der Ton zwischen Ungarn und Österreich. Der Staatssekretär im Budapester Außenministerium, Levente Magyar, kritisierte am Sonntag Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann. Laut Nachrichtenagentur MTI sagte Magyar, Faymann würde neuerdings „jene Wut an Ungarns Regierung und dem Premier auslassen, die durch seine eigene Handlungsunfähigkeit in der Migrationskrise verursacht wurde“.

Im Interview mit der „Presse am Sonntag“ übte Ungarns Regierungssprecher Zoltan Kovacs scharfe Kritik an dem Verhalten von Österreich und Deutschland. Er bemängelte, dass Österreich in der Nacht auf Samstag Tausende über die Grenze ließ, „ohne sie zu identifizieren“. Für Deutschland und Österreich sei es Zeit, ihre „Doppelzüngigkeit“ zu beenden und „über ihre Inkonsistenz nachzudenken“.

Faymann wiederum kritisierte im ZIB2-Interview seinen ungarischen Amtskollegen Orban und das Vorgehen der ungarischen Regierung. „Es geht um den Umgang mit Flüchtlingen. Es geht darum, wenn man eine Grenze hier sichern möchte, zu wissen, das geht in Europa nur gemeinsam. Da soll man nicht auf stark spielen, das bringt nichts.“ Es könne nicht sein, dass die Anerkennungsquote in Ungarn im Vorjahr bei zehn Prozent gelegen ist, kritisierte der Bundeskanzler die ungarischen Asylbehörden. „Das macht doch Menschen, die so weit geflüchtet sind, Angst, in diesem Land zu bleiben“, so Faymann.

Große Hilfsbereitschaft

Abseits der Politik zeigte sich nicht nur in Nickelsdorf an vielen Bahnhöfen in Österreich wie in Deutschland, aber auch in Ungarn am Samstag eine große Welle der Hilfsbereitschaft und Solidarität mit den erschöpften Ankommenden. In Österreich und Deutschland brachten zahlreiche private Helfer Nahrungsmittel, Hygieneartikel und andere Hilfsgüter zu den Bahnhöfen und nach Nickelsdorf. In Ungarn wurden etwa jene Flüchtlinge, die zu Fuß auf Landstraßen unterwegs waren, von der Bevölkerung mit Decken, Kinderwagen, Essen und Trinken versorgt. Für die Hilfe in Wien wurde nun auch eine eigene Website Hilfe am Bahnhof eingerichtet.

Kinder am Westbahnhof in Wien

ORF.at/Roland Winkler

Zahlreiche Helfer versuchten die Flüchtlinge am Westbahnhof mit dem Nötigsten zu versorgen

„Mein Herz bebt, wenn ich dieses Leid sehe. Wenn Menschen so lange auf der Flucht sind und erschöpft nach Österreich kommen“, sagte Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) bei ihrem Besuch auf dem Westbahnhof. Hier seien die Flüchtlinge „in Sicherheit“. Die Zusammenarbeit zwischen ÖBB, Hilfsorganisationen und Polizei sei „großartig. Es funktioniert wirklich reibungslos trotz Tausender Menschen“, sagte die Innenministerin. Bei einem Besuch Mikl-Leitners in Nickelsdorf kam es zu einem Zwischenfall mit einer Aktivistin. Diese stellte die verbal aggressive Frage: „Frau Minister, was machen Sie hier? Können Sie ruhig schlafen?“ Daraufhin kam es zu einem kurzen Gerangel mit einem Begleiter der Innenministerin.

Erneut Hunderte in Budapest

Wie lange diese - laut Faymann - „Ausnahmesituation“ noch andauern werde, ist unklar. Der kurzzeitig leere Platz rund um den Budapester Ostbahnhof ist inzwischen wieder voll. Allein am Samstag sollen mindestens 1.500 neue Flüchtlinge angekommen sein. Viele übernachten in den umliegenden Unterführungen, angewiesen auf die Hilfsbereitschaft der ungarischen Bevölkerung, denn die Regierung in Ungarn stellt weder Schlafhilfen wie Decken oder Liegen noch Getränke zur Verfügung.

Die zwischen Deutschland und Österreich abgesprochene Öffnung der Grenzen wollen Aktivisten nun offenbar für einen für Sonntag geplanten Konvoi mit privaten Autos von Ungarn nach Wien nützen. Die Aktion ist heikel, und am Freitag hatte es auch geheißen, dass man aufgrund der rechtlichen Konsequenzen „nicht mehr verantworten“ könne, dass die Aktion stattfinde. Das hat sich nun geändert. „Wir haben auch keine Angst mehr vor juristischer Verfolgung, weil sich die politische Lage über Nacht offensichtlich verändert hat“, sagte die Organisatorin Erszebeth Szabo - mehr dazu in wien.ORF.at.

Zusammenstöße im Sammellager Röszke

Im Aufnahmelager Röszke in Südungarn an der serbischen Grenze kam es Samstagabend erneut zu Zusammenstößen zwischen Flüchtlingen und der Polizei, wie Hir.TV berichtete. Die Polizei teilte den Flüchtlingen mittels Dolmetschern mit, dass sie in das Sammellager zur Registrierung müssten. Doch die Betroffenen riefen: „No Camp“.

Rund 300 Menschen, die am Abend die Grenze von Serbien nach Ungarn passierten, weigerten sich, in das Sammellager Röszke zu fahren und sich registrieren zu lassen. Sie begannen einen Sitzstreik auf einem Kreisverkehr zwischen Röszke und Szeged.

Links: