Die 70er Jahre sind zurück
Jedem Jahrzehnt sein eigener Stil - doch offenbar findet Altbewährtes immer wieder seinen Weg zurück. Nach dem etwas fragwürdigen Comeback der 90er Jahre dominieren noch ältere Klassiker dem Modeherbst. Schlaghosen, Blockabsatz und Rollis - die 70er Jahre feiern fröhliche Urstände.
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„Retro ist in diesem Herbst das große Thema“, erklärt Ö3-Modeexpertin Romana Nachbauer. Vieles, was sich heuer in den Regalen stapelt, ist demnach nicht ganz unbekannt. Zumindest finden sich in fast jedem Familienalbum vergilbte Fotos von Familienmitgliedern in Schlaghosen und engen Rollkragenpullovern. Doch nun in Dachböden nach alte Kleiderkisten zu suchen bringt wenig - denn die „neuen“ 70er Jahre sind deutlich mit der Zeit gegangen.
Weder Rock noch Hose
Nichts symbolisiert die 70er Jahre besser als der Hosenrock. Einst als Symbol der emanzipierten Frau gefeiert, erlebte er in den 70er Jahren seine Hochblüte. Anfang der 90er Jahre hatte man sich an dem Kleidungsstück jedoch so stattgesehen, dass es völlig von den Laufstegen und damit auch aus den Geschäften verschwand. Nun ist er wieder zurück und zeigt sich unter dem neuen, schicken Namen Culotte wandelbarer als jemals zuvor.

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Herbsttrend auf einen Blick: Mantel im Nude-Ton über einer bodenlangen Culotte
Ob midi oder bodenlang, ob unifarben oder wild gemustert - Hauptsache, sie darf frei schwingen. „Modemutige tragen sie lang und weit im Marlene-Dietrich-Stil“, erklärt Christine Gerlach, Trendexpertin bei Peek & Cloppenburg, „mit hohen Schuhen sind sie dann auch durchaus bürotauglich.“ Wie Röcke, die heuer auch sehr stark im Kommen sind, werden sie im Herbst mit voluminösen Strickoberteilen kombiniert.
Flared, Cropped oder doch Karotte?
Die Jeanshose gehört zu den 70er Jahren wie die Schulterpolster zu den 80ern. Dementsprechend findet in diesem Winter eine kleine Revolution in den Jeansgeschäften statt. „Die Zeit der Röhrenjeans ist endgültig vorbei“, erklärt Nachbauer gegenüber ORF.at. Zwar würden sie aus dem Straßenbild nicht so schnell verschwinden, doch „wer sich jetzt einkleidet, der greift zu den neuen Jeansschnitten“, ist die Modeexpertin überzeugt.

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Die Schlaghose löst die Röhrenjeans ab
Und das neue Beinkleid präsentiert sich deutlich raumgreifender. Neben den Flared Jeans (besser bekannt als Schlaghose) sind in diesem Herbst die Cropped Jeans voll im Trend. Wurde in den letzten Jahren bei den hautengen Röhrenjeans durch Aufkrempeln noch nachgeholfen, enden die weiten 70er-Jahre-Modelle kurz über dem Knöchel. „In Kombination mit Stiefeln ist das im Herbst besonders angesagt“, so Nachbauer. Nicht zu verwechseln mit den Karottenhosen der 80er Jahre, die zuletzt ebenfalls den Sprung in die Jetztzeit geschafft haben. Diese werden an den schmalen Hosenbeinen aufgekrempelt, ab Kniehöhe plustern sie sich jedoch figurschmeichelnd auf.
Ein Cape für alle Fälle
Wer im Herbst seine Garderobe mit einem einzigen Trendteil aufrüsten will, der greift am besten zu einem Cape oder Poncho. „Es kann über alles getragen werden und sieht im Ethnolook besonders schön aus“, erklärt Gerlach. Wird es richtig kalt, dann investiert man heuer am besten in einen langen Mantel in den angesagten Nude-Tönen Pudrig-Rosa, Camel oder Hellgrau. „Die dürfen dann auch mit Kunstfell besetzt sein, was wieder an die 70er Jahre anschließt“, ergänzt Nachbauer.

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Einfach drüberwerfen: In diesem Herbst trägt jeder Cape
Man(n) versinkt im Pullover
Die Männer hingegen können aufatmen. Ihnen bleibt (vorerst) eine Rückbesinnung auf die 70er Jahre erspart. Dafür wartet auch auf sie in diesem Herbst Neues, wobei sich die Trends oberhalb der Gürtellinie abspielen. Denn die Shirts wachsen auf XXL an, und auch die Pullover dehnen sich bis auf die Knie hinunter. „Sie sehen dann fast wie Minikleider aus“, so Nachbauer.

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Pullunder waren auch bei den Gucci-Schauen großes Thema
Des Weiteren sind Pullunder der letzte Schrei für den modebewussten Mann. Wobei nur die Härtesten die kratzige Wolle direkt auf nackter Haut tragen, im Winter werden sie mit kuscheligen Rollkragenpullovern kombiniert. „Rollis sind in diesem Herbst ein großes Thema, sowohl bei Männern als auch bei Frauen“, erklärt Modeexpertin Nachbauer. Womit sich auch hier der Kreis zu den 70er Jahren wieder schließt.
Das Karohemd wird zum Accessoire
Die Farbpalette in diesem Herbst ist breit gefächert. Auf der einen Seite dominieren Erdtönen wie Senf, Braun und Bordeaux, bei Mänteln oder Strickkleider setzt sich der Nude-Trend fort. Aber auch Blau und Beerentöne sind auffällig stark vertreten. Wer auf seine Karohemden so gar nicht verzichten will, der darf sich freuen. „Karos sind und bleiben Trend“, beruhigt Nachbauer. Nur werden die Hemden nicht mehr getragen, sondern wie ein Accessoire lässig um die Hüfte gebunden.

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Wer keinen Rucksack trägt, greift zur kleinen Handtasche
Nach dem wichtigsten Accessoires nach in diesem Herbst gefragt, zögert Trendexpertin Gerlach keine Sekunde: „Der Rucksack.“ In allen möglichen Farben und Materialien wird er brav auf dem Rücken getragen. Nach den XL-Bags sind damit Haltungsschäden so gut wie ausgeschlossen. Und auch die Handtaschen fallen heuer wenig ins Gewicht. „Sie werden wieder kleiner. Geld, Schlüssel und Handy finden darin Platz, aber nicht mehr der halbe Haushalt“, so Gerlach. Dafür werden sie dann auch gerne an einer langen Kette über der Schulter getragen.
Mit Blockabsatz sicher durch den Winter
Sonst sind in diesem Winter - ganz dem 70er-Jahre-Trend entsprechend - Schlapphüte ein „Must“. Auch lange Handschuhe sind angesagt, müssen sie doch die Lücke, die Capes offen lassen, überbrücken. Bei den Schuhen heißt das Schlagwort des Winters: Blockabsatz. Und auch bei den Stiefelformen wird es wieder quadratischer. „Die spitzen Formen sind vorbei, es wird wieder kastenförmiger“, bestätigt Nachbauer. Wie in den 70er Jahren eben.
Gabi Greiner, ORF.at
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