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Wie gegen Talfahrt vorgehen?

Der EU-Milchmarkt befindet sich in der Krise. Zwar nicht zum ersten Mal, doch diesmal spielt auch das Embargo aus Russland wegen der Ukraine-Krise zusätzlich eine Rolle. Die Milchbauern bekommen immer weniger für ihre Produkte. Nun proben sie den Aufstand. Mit Protesten wird und wurde bereits in Belgien, Frankreich und Großbritannien auf das Problem hingewiesen.

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Auf EU-Ebene wird es Anfang September einen Sonder-Agrarministerrat zum Thema Milchpreis geben, Milchbauern aus ganz Europa planen bereits Protestaktionen gegen die niedrigen Erzeugerpreise. Der Dachverband European Milk Board (EMB), der die Kundgebung organisiert, forderte zuletzt kostendeckende Milchpreise und ein eigenes Kriseninstrument. Mit dem Geld aus der Milchquoten-Superabgabe der EU müsse sofort ein freiwilliger Lieferverzicht finanziert werden.

Belgische Bauern demonstrieren mit Traktoren

picturedesk.com/Isopix/Frederic Sierakowski

In Belgien blockierten am Mittwoch Milchbauern mit Traktoren Straßen

Landwirtschaftskammer: Preis deckt Aufwand nicht

Die Milchpreisentwicklung gleicht in den vergangenen Jahren einer Berg- und Talfahrt. Der Milchpreis erreichte einen Höhepunkt im Jänner 2008 mit 40,5 Cent/kg. Im Zuge der Wirtschaftskrise 2008/09 stürzte er auf 24,7 Cent/kg im Juli 2009 ab. Dann kletterte er bis Anfang 2014 wieder auf 42 Cent. Aktuell liegt er nun wieder bei 30 Cent.

Auch die heimischen Milchbauern sind von den niedrigen Preisen betroffen. 30 Cent für einen Liter Milch, dieser Erzeugerpreis decke den Aufwand der österreichischen Bauern nicht, so Josef Moosbrugger, Präsident der Landwirtschaftskammer Vorarlberg im Ö1-Morgenjournal am Mittwoch. Das Russland-Embargo spiele eine Rolle, hier trügen die Bauern die ganze Last, so Moosbrugger. Und die Exporte nach Asien und China hätten sich nicht so gut entwickelt. In Österreich selbst wüssten die Konsumenten heimische Qualität zu schätzen, ist Moosbrugger überzeugt. Der Handel gebe aber zu wenig an die Erzeuger weiter.

IG-Milch für weniger Produktion

Für Ewald Grünzweil, Obmann der IG-Milch, ist das hingegen nur die halbe Wahrheit. Die Milchbauern sollten weniger produzieren, damit der Markt wieder ins Gleichgewicht komme, fordert Grünzweil. Die Hälfte der heimischen Milchproduktion gehe in den Export, und das teilweise zu Schleuderpreisen. Ganz anders sei es bei der Biomilch. Da zeige sich, dass bei geringerer Produktion faire Preise möglich seien, sagte Grünzweil weiter. Ohne Exporte werde es nicht gehen, so hingegen Moosbrugger - mehr dazu in oe1.ORF.at.

Rupprechter nimmt Molkereien in die Pflicht

Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter (ÖVP) hatte Mitte Juli die Molkereien angegriffen - auch wenn es in Österreich wie auch in Deutschland eine konzertierte Handelsstruktur gebe. Die Molkereien würden sich gegenseitig unterbieten, anstatt neue Absatzmärkte zu erschließen. Die Forderung Rupprechters nach höheren Milchexporten nach China, war für den Molkereiverband-Präsidenten Helmut Petschar angesichts der derzeit sehr schwierigen Marktlage in China „nicht nachvollziehbar“. Die Exportquote der heimischen Milchwirtschaft betrage bereits rund 50 Prozent.

„Ich würde mir ein stärkeres Engagement auf Drittmärkten wünschen, anstelle sich in der Heimat gegenseitig zu unterbieten - das ist mein Vorwurf“, sagte Rupprechter zur APA in Richtung der Milchverarbeiter. Trotz des Endes der EU-Milchquotenregelung sei die Anlieferungsmenge Rupprechter zufolge gesunken. „Daher ist der Druck vom Markt nicht gerechtfertigt.“

EU-Kommission mahnt faire Preise ein

Unterstützung findet das Anliegen der Milchbauern bei der EU-Kommission. Diese hat faire Preise für die Erzeuger von Milch eingemahnt. Man müsse sich die Preiskette anschauen, um die Verhandlungsposition der Produzenten zu stärken, sagte ein Sprecher der EU-Kommission am Dienstag in Brüssel. Der Sonderrat der EU-Landwirtschaftsminister am 7. September biete eine Möglichkeit, diese Fragen anzusprechen.

Derzeit gebe es informelle Gespräche und Anfragen der EU-Staaten an die EU-Kommission, sagte der Sprecher. Die EU-Kommission sollte die Marktsituation in Hinblick auf das Ministertreffen im September genau beobachten. Offizielle Anfragen um Unterstützung gebe es aber nicht.

Die derzeitige Krise auf dem Milchmarkt hat nach Ansicht der EU-Kommission verschiedene Ursachen. So habe eine nachlassende Nachfrage auf Exportmärkten wie China zu Preisvolatilität geführt. Die Sanktionen Russlands gegen EU-Agrarprodukte habe die Lage verschärft, sei aber nicht der einzige Grund für die Krise. Trotz der gegenwärtigen Probleme glaubt die EU-Kommission, „dass die langfristige Perspektive dieses Marktes eine positive ist“, sagte der Sprecher.

Belgien: Blockaden mit Traktoren

Unterdessen gab es in mehreren Ländern bereits erste Proteste. Landwirte behinderten am Mittwoch mit ihren Traktoren in der Nähe der südbelgischen Stadt Arlon den Verkehr auf der Autobahn zwischen Luxemburg und Brüssel. Die Aktion richtet sich gegen den Preisverfall für Milch und Fleisch, berichteten belgische Medien am Mittwoch. Es komme zu größeren Störungen des Verkehrs. Bauern blockierten in der Nacht auch Gebäude auf dem Areal des Lütticher Flughafens, berichtete der Radiosender RTBF. Dabei kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Bauern im Südwesten Englands protestierten Anfang August mit einer Blockade aus Traktoren gegen den Preisverfall bei Milch. Mit etwa 25 Traktoren versperrten sie die Zufahrt zu einem Verteilerzentrum für Supermärkte in Bridgewater bei Bristol. Viele wüssten nicht, wie sie durch den kommenden Winter kommen sollten, sagte ein Sprecher der Gruppe der BBC. Zuvor hatten Landwirte aus Protest in Supermärkten die Milchregale geleert. Sie fordern Mindestpreise und einen Stopp der Milchimporte für Großbritannien. Supermärkte argumentieren, dass der Verkaufspreis nichts mit dem Preis zu tun habe, den Bauern für ihre Milch bekämen.

F: Heftige Auseinandersetzungen mit Polizei

Auch die französischen Bauern gingen in den letzten Wochen bereits mehrmals auf die Barrikaden. Bei Protesten gegen sinkende Preise für Fleisch und Milch lieferten sich Viehzüchter am Mittwoch in Nordfrankreich heftige Auseinandersetzungen mit der Polizei. Rund 150 Landwirte zündeten Mittwochfrüh in der Stadt Saint-Lo vor der Präfektur Reifen und Stroh an und schütteten Jauche aus, wie eine Journalistin der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Sie versuchten außerdem, das Tor zum Hof des Gebäudes aufzuschweißen, und bewarfen Polizisten mit Wurfgeschoßen. Die Beamten setzten Tränengas ein.

Ein im Juli von der französischen Regierung beschlossenes Hilfsprogramm ist in den Augen der Landwirte unzureichend. In den vergangenen Tagen konzentrierte sich der Streit insbesondere auf sinkende Preise für Schweinefleisch. Die Bretonische Börse für Schweinefleisch blieb zuletzt tagelang geschlossen. Als sie am Dienstag wieder öffnete, sank der Referenzpreis für Schweinefleisch unter die Marke von 1,40 Euro pro Kilogramm, die die Regierung eigentlich gefordert hatte.

Frankreichs Staatschef Francois Hollande bezeichnete die Agrarkrise am Mittwoch bei der ersten Kabinettssitzung nach der Sommerpause als eine der vier großen Herausforderungen der nächsten Monate. Frankreichs Landwirten ist es immer wieder gelungen, mit Protestaktionen Zugeständnisse der Regierung zu erhalten.

Französischer greift deutschen Verband an

In Deutschland sieht der Bauernverband viele Betriebe gefährdet. Der deutsche Agrarminister Christian Schmidt (CSU) will deshalb den Export deutscher Milchprodukte fördern. Die deutschen Bauern fordern angesichts des Preisverfalls bei Fleisch und Milch erneut Hilfen von der EU. Der Präsident des Deutschen Bauernverbands (DBV), Joachim Rukwied, verlangt in der aktuellen Ausgabe des „Focus“ konkrete Beschlüsse für ein Unterstützungsprogramm von Brüssel.

Zuletzt warf allerdings der französische Bauernverband FDSEA vor allem den deutschen Konkurrenten vor, mit Lohndumping den Wettbewerb zu verzerren. Sogar Grenzübergänge waren von wütenden französischen Bauern blockiert worden. Der deutsche Bauernverband rief nun hingegen den Lebensmittelhandel zu einem „Ende der Niedrigpreisstrategie“ auf.

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