Themenüberblick

Der Lehrkörper als Musikproduzent

Regisseur Frieder Wittich hat Benedict Wells Bestseller „Becks letzter Sommer“ mit Christian Ulmen in der Hauptrolle verfilmt. Das Ergebnis ist ein Roadmovie, das durch viel Ambition in der musikalischen Umsetzung besticht und die Frage nach den tatsächlichen Wertigkeiten im Leben stellt. Vor allem Christian Ulmen überzeugt als schrulliger Lehrer.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Robert Beck hat wenig Freude an seinem Beruf. Gefangen in einer sich Jahr für Jahr wiederholenden Unterrichtsmaterie, demonstrieren seine Schüler ähnlich viel Elan wie er. Beck kennt das Leben auch von einer spannenderen Seite. Mit seiner Alternative-Rock-Band Cash Punk war er vor Jahren drauf und dran, große Karriere zu machen. Doch er hat sie nach Zerwürfnissen an den Nagel gehängt.

Stattdessen wählte Beck die sichere, aber ungemein langweiligere Variante als Musik- und Sportlehrer. Seitdem versieht er Dienst nach Vorschrift - das Lehrerdasein als Vorstufe zum Tod. Bis er eines Tages durch Zufall das musikalische Talent seines eigenbrötlerischen Schülers Rauli entdeckt. Die beiden freunden sich an. Und Beck beginnt Songs für das Wunderkind zu schreiben. Er ist Feuer und Flamme bei dem Gedanken, im Musikgeschäft nochmals durchzustarten. Ein Plattenvertrag muss her.

Ein Eislaufvater

Doch das Leben kommt meistens anders, als man sich das vorstellt - so auch „Becks letzter Sommer“. Wells hatte damit als 23-Jähriger im Jahr 2008 ein umjubeltes Romandebüt abgeliefert und wurde zum Jungstar des deutschen Literaturbetriebs.

Denn kaum hat Beck diese neue Perspektive eines zweiten musikalischen Frühlings in Greifweite, tun sich bei ihm ganz prinzipielle Fragen zum Leben auf. Ist dem Herzen oder dem Hirn zu folgen? Wie viel Selbstverwirklichung lässt das Leben zu? Wie viel sind Freundschaft und Loyalität wert? Für welche immateriellen Werte lohnt es zu kämpfen?

Dass sich Beck währenddessen in die Kellnerin Lara verliebt, macht die Sache emotional nicht einfacher. Und wenn sich so wie Beck Männer als „Eislaufmütter“ präsentieren, entwickeln diese als Selbstlosigkeit verkauften Eigeninteressen ohnehin eine ordentliche Portion Eigendynamik. „Becks letzter Sommer“ stellt das auch mit viel subtilem Witz dar.

Quer über den Balkan

Als sich Beck, Rauli und Charlie, ein alter Bandkollege Becks, der an einem mittelschweren Drogenproblem laboriert, mit dem Auto auf den Weg nach Istanbul machen, um die vermeintlich sterbenskranke Mutter Charlies im Krankenhaus zu besuchen, beginnt ein turbulenter Roadtrip quer über den Balkan.

Wittich tat dabei vor allem gut daran, die Rolle des Beck mit Ulmen zu besetzen, der ohnehin auf nicht ganz einfach gestrickte Männer spezialisiert ist. Der vielseitige Grimme-Preisträger („Herr Lehmann“, „Elementarteilchen“) mit der großen Popmusik-Affinität, der selbst in einer beruflichen Rolle als MTV-Moderator einst Geist bewahrte, gibt nicht nur den frustrierten Lehrer höchst überzeugend. Vor allem die immer wieder zu sehenden Rückblenden in die Zeit, als Beck rockender Frontmann von Cash Punk war, zeigen Ulmen, der die Songs auch mit der nötigen Überzeugung selbst singt, in authentischen Bühnenposen.

Soundtrack mit Ambition

Überhaupt bezieht „Becks letzter Sommer“ einen Großteil seines Charmes aus einem liebevollen musikalischen Zugang. Raulis Indiepop-Songs zwischen schrummelnden Lo-Fi-Sounds und Elektropop stammen von der hoch gehandelten Berliner Rockband Bonaparte, die mit dieser neuen musikalischen Leichtigkeit auch in Musikkreisen überraschte. Sie verleihen dem an und für sich turbulenten Roadtrip ein angemessenes Tempo. Doch die Ereignisse beginnen sich weiter zu überschlagen, und die Fragen zum Leben wollen noch dringender beantwortet werden.

Wittich hat mit „Becks letzter Sommer“ ein Roadmovie geschaffen, das existenzielle Fragen aufwirft. Dabei bezieht sich die Romanverfilmung auch auf eine Generation, deren große Entscheidungen im Leben immer später gefällt werden - die auch jenseits der Dreißig die Musik und das Partyfeiern verinnerlicht hat und keinesfalls aufgeben will.

Es ist eine Generation, die damit immer wieder in einen inneren Konflikt gerät, der sich zwischen verlängerter Adoleszenz und dem gleichzeitigen Bedürfnis, endlich Nägel mit Köpfen zu machen, abspielt. Und es ist umso schöner, wenn in diesem Wechselbad zwischen der Leichtigkeit des Lebens und den großen Existenzängsten letzten Endes doch sehr viel Mut gemacht wird. „Becks letzter Sommer“ läuft dieser Tage in den heimischen Kinos an.

Johannes Luxner, ORF.at

Link: