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„Ein Bett allein ist zu wenig“

Über 3.000 Kinder und Jugendliche sind seit Jahresbeginn alleine, ohne Eltern oder andere Verwandte, in Österreich angekommen – geflüchtet aus Kriegs- und Krisengebieten. Die meisten dieser unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge kommen aus Afghanistan, Syrien und dem Irak.

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Der UNO-Kinderrechtskonvention nach, die Österreich unterzeichnet hat, haben sie die gleichen Rechte wie österreichische Kinder und Jugendliche – auf Schule oder Ausbildung und auf geeigneten Wohnraum etwa.

Die Realität sieht allerdings anders aus: Etwa 2.400 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind derzeit in Massenquartieren untergebracht, allein 1.800 in der Erstaufnahmestelle Ost, besser bekannt als Flüchtlingslager Traiskirchen. Sie haben nicht die Möglichkeit, die Schule zu besuchen oder eine Ausbildung zu machen. Auch geeigneter Wohnraum sieht anders aus, wie aktuelle Fotos zeigen.

Von Afghanistan nach Wien-Meidling

Alinaqi verbrachte 2011 zweieinhalb Monate in Traiskirchen. Mit 13 war der Afghane damals nach drei Monaten Flucht über den Iran, die Türkei, Griechenland und Italien am Bahnhof Wien-Meidling gelandet. Dort sagte ihm jemand, er solle mit der Lokalbahn nach Traiskirchen fahren. „Damals waren dort nicht so viele Menschen wie jetzt“, erzählt der heute 17-Jährige im Gespräch mit ORF.at.

Nur acht Kilometer von Traiskirchen entfernt, in Mödling, hat für Alinaqi inzwischen ein neues Leben begonnen - im Tralalobe-Haus, einer Einrichtung der Diakonie für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. 41 Burschen zwischen 13 und 18 Jahren leben hier, die meisten kommen aus Afghanistan, Syrien und Somalia. Eigentlich bietet das Tralalobe-Haus nur 38 Plätze, angesichts des aktuellen Mangels an Quartieren wurde vom Land eine Überbelegung erlaubt.

Minderjährige Flüchtlinge in einem Zimmer

Roland Unger

Das Tralalobe-Haus - ein neues Zuhause abseits von Massenquartieren

Die jungen Burschen im Tralalobe-Haus gehen zur Schule oder machen eine Lehre, sie bekommen Deutschunterricht, spielen Fußball und Schach, einige machen bei einer Theatergruppe mit. Auch Besuch kommt regelmäßig ins Tralalobe-Haus: Ehrenamtliche helfen den jungen Burschen beim Deutschlernen und bei den Hausaufgaben. Viele Leute von Jung bis Alt würden kommen und sagen: „Ich möcht’ gern was machen“, erzählt Andreas Diendorfer, der Hausleiter, gegenüber ORF.at.

Betreute Wohneinheiten für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge wie das Tralalobe-Haus werden von Organisationen wie Diakonie, Caritas, Samariterbund und anderen in ganz Österreich betrieben. Rechnet man alle Plätze zusammen, die in diesen Wohnungen und Häusern zur Verfügung stehen, kommt man auf 1.300. Alle diese 1.300 Plätze sind zurzeit belegt. Erst wenn ein Bewohner 18 wird und ausziehen muss, kann ein anderer Flüchtling nachrücken.

„Immer am Limit“

Nur etwa ein Drittel der Kinder und Jugendlichen, die derzeit in Massenquartieren untergebracht sind, werden bis Ende des Jahres in einer betreuten Wohneinheit unterkommen, schätzt Katharina Glawischnig von der Asylkoordination Österreich. In den Erstaufnahmestellen kommen außerdem nahezu täglich neue Flüchtlinge an. Ein Ausbau der betreuten Einrichtungen ist dringend nötig, die Mittel fehlen allerdings.

Große Unterschiede

Während es in der Kinder- und Jugendhilfe Tagsätze von 120 bis 200 Euro gibt, erhalten Einrichtungen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge von den Ländern nur zwischen 39 und 77 Euro.

„Das Problem sind die Tagsätze für minderjährige Flüchtlinge“, so Glawischnig im Gespräch mit ORF.at. Diese seien zu gering, um neue Einrichtungen zu schaffen. Die Angleichung der Tagsätze für minderjährige Flüchtlinge auf die für österreichische Kinder und Jugendliche ist seit Langem eine der Hauptforderungen österreichischer NGOs an die Regierung.

„Wir sind immer am Limit“, sagt auch Diendorfer vom Tralalobe-Haus. Die Personalkosten, sämtliche Reparaturen und Anschaffungen, alles muss von den Tagsätzen beglichen werden, „es ist ein ständiges Flicken, was gerade am ärgsten kaputt ist“. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern leisten sehr viel, was nicht bezahlt wird. So betreut etwa die Rechtsberaterin die Jugendlichen weiter, wenn sie volljährig werden, bevor ihr Asylverfahren abgeschlossen ist – denn „du kannst die Jungs nicht einfach wegschicken“.

Familie sein im Georg-Danzer-Haus

Um dort zu handeln, wo der Staat es nicht tut, gründete die Wienerin Marianne Engelmann im vergangenen Herbst den Verein Fluchtweg und mietete ein Haus an, um dort unbegleitete minderjährige Flüchtlinge unterzubringen. Vier Burschen aus Syrien und vier aus Afghanistan haben seitdem im Georg-Danzer-Haus im 19. Bezirk in Wien ein neues Zuhause gefunden.

Und Zuhause, das meint Engelmann wörtlich: „Ein Bett allein ist zu wenig“ – das sei das Einzige gewesen, was ihr von Anfang an klar war, sagt sie gegenüber ORF.at, „die Flüchtlinge mussten ihre Familien verlassen, sich auf eine schwierige Reise in ein ihnen völlig unbekanntes Land begeben und brauchen mehr als alle anderen das Gefühl von Geborgenheit, Sicherheit und Schutz“. Um den Flüchtlingen dieses Gefühl zu geben, wohnen im Georg-Danzer-Haus rund um die Uhr zwei Betreuer mit den Jugendlichen zusammen.

Bei der Auswahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sei Herzensbildung das Wichtigste gewesen, sagt Engelmann, „das ist das Um und Auf in der Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen“. Neben dem Familiesein steht Bildung im Georg-Danzer-Haus „an erster Stelle“. Und, auch nicht unwesentlich: Die Tür zur Küche steht, im Gegensatz zu vielen anderen Einrichtungen, immer offen. „Unsere Jugendlichen werden unser Haus als gebildete, selbstbewusste, selbstbestimmte Menschen verlassen“ – das ist Engelmanns Ziel.

Kein Denkmal, „das nur die Vögel anscheißen“

Der Weg zum ersten Georg-Danzer-Haus war allerdings schwierig. „Als Privatperson ist es fast unmöglich, eine Einrichtung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zu schaffen“, sagt Engelmann. „Die Auflagen sind extrem hoch. Die Auskunftsbereitschaft seitens der Behörden hat sich sehr in Grenzen gehalten, und auch wenn Traiskirchen übergeht, ist man nicht bereit, schnell zu helfen.“

Sie habe schon ein zweites Haus eröffnen wollen, die Antwort der Gemeinde Wien sei gewesen, dass kein Bedarf vorhanden sei. Dennoch: Bei einem Georg-Danzer-Haus soll es nicht bleiben, das steht für Engelmann fest: „Wir werden uns so lange für Georg-Danzer-Häuser einsetzen, bis das letzte Kind Traiskirchen verlassen hat.“

Georg Danzer Haus

Roland Unger

Das erste Georg-Danzer-Haus wurde im Juli offiziell eröffnet

Und warum trägt das Georg-Danzer-Haus den Namen des 2007 verstorbenen Wiener Liedermachers? Sie habe die Ehre gehabt, „den Georg persönlich zu kennen“, erzählt Engelmann, die früher im Kulturmanagement tätig war. Er sei der Einzige gewesen, der bei seinen Konzerten immer Spendenaufrufe machte. Und „er wollte kein Denkmal, das nur die Vögel anscheißen – das waren seine Worte“.

Welle der Hilfsbereitschaft und Solidarität

Wie Engelmann haben in den letzten Monaten immer mehr Privatpersonen die Initiative ergriffen: Sie schnüren Willkommenspakete für Flüchtlinge, sammeln Kleidung, Schuhe und Kinderwägen, helfen beim Deutschlernen und übernehmen Patenschaften für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge – die Hilfsbereitschaft und Solidarität ist groß. Viele dieser Initiativen werden über Social-Media-Seiten koordiniert und verbreitet. So auch die Initiative Flüchtlinge Willkommen, die Unterkünfte in WGs vermittelt. 33 Flüchtlinge fanden bisher so in Österreich ein neues Zuhause, 55 in Deutschland.

Doch wie sieht das bei Minderjährigen aus? Kann man einfach Kinder oder Jugendliche aus Syrien oder dem Irak bei sich zu Hause aufnehmen? In Schweden etwa leben unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Pflegefamilien. In Österreich sei das momentan noch nicht möglich, sagt Katharina Glawischnig von der Asylkoordination im Gespräch mit ORF.at: „Es fehlen einfach die Strukturen.“ Das klassische Pflegeelternmodell sei für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge schlicht nicht geeignet. Um Missverständnisse zu vermeiden, spricht Glawischnig deshalb auch lieber von Gasteltern anstatt Pflegeeltern.

Guter Wille allein reicht nicht

„Pflegeeltern wollen Kleinkinder. Minderjährige Flüchtlinge, die eine Familie brauchen, sind aber zum Großteil keine Kinder, sondern Jugendliche“, stellt Glawischnig klar. Der klassische Pflegeelterndienst kenne sich mit dem Flüchtlingsthema und Interkulturalität nicht aus, und auch die einjährige Schulung für Pflegeeltern - „überspitzt formuliert ein Wickelkurs“ - sei ungeeignet für zukünftige Gasteltern von Flüchtlingen. Sie müssen sich mit ganz anderen Themen auseinandersetzen: Wie begleite ich mein Gastkind durch das Asylverfahren? Wie helfe ich ihm, wenn es durch Erlebnisse im Krieg und auf der Flucht traumatisiert ist?

Zuallererst sei deshalb dringend eine Clearingstelle nötig, die abklärt, welchen Betreuungsbedarf und welche Bedürfnisse der Jugendliche hat, bevor er an eine Familie vermittelt wird. So schön der gute Wille auch sei, „man kann nicht einen Jugendlichen, der gerade aus Syrien gekommen ist, zu einer Familie bringen und sagen: Jetzt macht!“. Das Interesse in der Bevölkerung sei allerdings groß, sagt Glawischnig, die derzeit für die Stadt Wien ein Konzept für die private Aufnahme von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen ausarbeitet. Allein in Wien würden sich sofort um die 200 Interessierte melden, einen Aufruf könne es aber erst geben, wenn die Strukturen gesichert sind – „frühestens zum Jahresende“.

Blick über Grenze eröffnet neue Möglichkeiten

Dass es auch noch ganz andere Möglichkeiten gibt, jungen Flüchtlingen ein Zuhause und eine Zukunftsperspektive zu bieten, zeigt ein Projekt in Deutschland: Im Münchner Stadtteil Obersendling werden im September 61 junge Flüchtlinge, großteils aus Syrien, und 42 Studierende zusammen ein Studentenwohnheim beziehen. Die Flüchtlinge werden von Condrobs betreut, einem Träger für soziale Hilfsangebote in Bayern. Die Studenten und Studentinnen können etwa durch Nachhilfe oder die Organisation von Freizeitaktivitäten ihren Mietpreis reduzieren.

Studentenwohnheim

Condrobs

Flüchtlinge und Studierende werden hier ab September zusammenleben

„Die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge sollen hier ein neues Zuhause finden, von dem aus sie sich in Ruhe und geschützt neu orientieren können und die Schritte gehen können, die für eine zügige soziale Integration wichtig sind: Deutsch lernen, einen Schulabschluss beenden oder nachholen, eine Ausbildung finden“, so Frederik Kronthaler von Condrobs im Interview mit ORF.at.

„Wie sollen sie in Traiskirchen selbständig werden?“

„Sobald es Zukunftsperspektiven gibt, funktioniert die Integration ganz von alleine“, sagt auch Andreas Diendorfer vom Tralalobe-Haus. „Dann gibt es keinen Grund, Unsinn zu machen oder sich zu radikalisieren.“ Gibt man den Jugendlichen die Möglichkeit, zur Schule zu gehen, eine Ausbildung zu machen und zu arbeiten, werden sie selbständig, aber „wie sollen sie in Traiskirchen selbständig werden?“ „Das Geld, das in diese Jugendlichen gesteckt wird, rentiert sich“, ist Diendorfer überzeugt, „sie zahlen später Steuern und einmal unsere Pension. Wenn man sie nur verwahrt, erzeugt man Sozialhilfeempfänger.“

Flüchtlinge beim Lernen

Roland Unger

Auch beim Lernen wird im Tralalobe-Haus niemand allein gelassen

Alinaqi, der vor vier Jahren alleine am Bahnhof Wien-Meidling ankam, wird bald 18. Dann wird er das Tralalobe-Haus verlassen. Noch im Juli beginnt er in einem Restaurant zu arbeiten, ab September besucht er außerdem berufsbegleitend eine Wiener HTL mit Schwerpunkt IT. Dass es auch mit der Wohnung, die er gemeinsam mit einem anderen ehemaligen jungen Flüchtling sucht, bald klappen wird, daran zweifelt im Tralalobe-Haus niemand.

Romana Beer, ORF.at

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