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„Hier ist doch Europa"

Idomeni, ein kleiner Ort an der griechisch-mazedonischen Grenze, scheint in der Flüchtlingskrise ein blinder Fleck zu sein. Menschenrechtsorganisationen habe man hier kaum gesehen, erzählen Helfer aus dem Dorf, die jede Woche tausend Mahlzeiten zubereiten und die Flüchtlinge mit dem nötigsten versorgen. Auch Ärzte helfen mit. Der Bedarf an Medikamenten ist groß, immer wieder müssen auch schwere Wunden versorgt werden.

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„Die Syrer gelten als wohlhaben, sie werden von allen Seiten attackiert. Jeden Tag gibt es Angriffe gegen Männer, Frauen und Kinder. Die Leute werden verprügelt und beraubt“, berichtet einer der Unterstützer, ein Journalist und Filmemacher, der seit elf Monaten versucht, die Hilfe zu koordinieren, und als Ortskundiger den Menschen Ratschläge für ihre Weiterreise gibt.

Griechenlandkarte inklusive Grenzländer

APA/ORF.at

In möglichst großen Gruppen sollen sie unterwegs sein, Frauen und Kinder in der Mitte, die Männer an den Seiten, am besten mit Stöcken bewaffnet, so der Journalist. Große Gruppen seien für Mafia-Banden eher uninteressant.

Flüchtlinge in Idomeni

Cornelia Krebs/Ö1

Schwierige Versorgung von Flüchtlingen an der Bahnstrecke nach Norden

Als besonders gefährlich gelten die Afghanen. Die weit über die Grenzen Mazedoniens operierende Mafia rekrutiere unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus Afghanistan, Menschen ohne Geld und Hoffnung, die nichts zu verlieren hätten, so der Journalist aus der nordostgriechischen Stadt Polycastro. Diese Jugendlichen würden auf die syrischen Flüchtlinge angesetzt. Zugleich seien die afghanischen Flüchtlinge die ersten Opfer in diesem System.

Viele von ihnen würden einfach verschwinden. Es gebe auch Gerüchte, dass Flüchtlinge auf der Route durch Mazedonien zu Tode kommen und verscharrt werden. Das Schleppergeschäft ist fest in der Hand der albanischen Mafia. Rund eine Million Euro werden täglich allein mit dem Schleppen von Menschen erwirtschaftet, wobei es für die Flüchtlinge keine Erfolgsgarantie gibt – wer gefasst und nach Griechenland zurückgeschoben wird, zahlt beim nächsten Versuch noch einmal, im Schnitt 1.500 Euro. Viele werden in den Bergen Mazedoniens ausgesetzt, manche gehen freiwillig über die Grenze zurück nach Griechenland.

Flüchtlinge in Idomeni

Cornelia Krebs/Ö1

Hunderte hausen in den Wäldern von Idomeni - sie zu versorgen ist schwer

Angst vor der Mafia

Seit drei Tagen schon würden sie versuchen, über die Grenze zu gelangen, klagt eine Frau mit einem Kleinkind im Arm. Drei Kinder habe sie, die sich alle fürchten würden. Es sei so kalt in der Nacht, und sie alle hätten große Angst vor der Mafia. „Ich verstehe es einfach nicht“, meint ein anderer.

Flüchtlinge in Idomeni

Cornelia Krebs/Ö1

Flüchtlinge können von Helfern nur notdürftig versorgt werden

„Hier ist Europa, und über der Grenze doch auch? Warum darf ich zwar sechs Monate in Griechenland bleiben, in Mazedonien aber keinen einzigen Tag? Seit sechs Tagen stehe ich hier nun schon herum, habe kaum geschlafen, es ist in der Nacht einfach zu kalt. Heute habe ich nach Tagen etwas zu Essen bekommen. Geld habe ich schon lange keines mehr. Ich konnte es mir doch nicht einmal leisten, meine Frau und mein Kind mitzunehmen. Das hätte 10.000 Euro gekostet, das habe ich als einfacher Matrose nicht. Ich werde stattdessen versuchen, einen sicheren Platz für uns alle zu finden und sie nachzuholen“, sagt der Flüchtling.

Angespannte Stimmung

An diesem Tag ist die Stimmung besonders angespannt. Auf einmal beginnen Hunderte von Menschen, auf den Bahngleisen nach vorne Richtung Grenze zu drängen. Drei Beamte stellen sich den aufgebrachten Menschen in den Weg, die Schlagstöcke einsatzbereit. Fotografiert werden sie nicht gerne, Bild- und Tonmaterial können gerade noch vor dem polizeilichen Zugriff bewahrt werden. Schließlich beginnen die nervös wirkenden Beamten zu brüllen, treten nach den Männern in der ersten Reihe. Die Menge protestiert, zieht sich aber zurück. „Wir werden es heute Nacht probieren, über die grüne Grenze“, geben sich einige zuversichtlich.

Polizei hindert Flüchtlinge am Weiterkommen

Cornelia Krebs/Ö1

Die Polizei sperrt Flüchtlingen den Weg ab. Für viele beginnt jetzt der Versuch, über die grüne Grenze nach Europa zu kommen.

Mit jedem Tag schlagen mehr Flüchtlinge ihr Lager in Idomeni auf, die meisten aus Syrien. Der Großteil der Bevölkerung zeigt sich solidarisch, viele teilen das wenige, das sie haben, mit den Reisenden. Doch Not und Verzweiflung der vor Krieg und Terror Geflohenen sind für die Zivilgesellschaft nicht allein zu stemmen. Und gegen die Willkür an und über der Grenze können sie nichts ausrichten. Höchste Zeit, dass Europa - nicht zuletzt in Zeiten mazedonischer EU-Ambitionen - auf den blinden Fleck aufmerksam wird.

Cornelia Krebs, Ö1

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