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BIP um 25 Prozent gesunken

Das griechische Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist seit Beginn der Krise im Jahr 2008 um ein Viertel gesunken, hat die Royal Bank of Scotland (RBS) am Dienstag bekanntgegeben. Einen ähnlich starken wirtschaftlichen Niedergang habe ein Land in Friedenszeiten seit der „Großen Depression“ der USA in den 1930er Jahren nicht mehr erlebt. Die Versorgungslage der Bevölkerung spitzt sich indes zu.

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Finnland hatte in den 1990er Jahren mit einem wirtschaftlichen Abschwung (im Fachjargon Depression genannt) zu kämpfen, Irland und Island erst vor Kurzem - doch die Lage der griechischen Wirtschaft stelle alles bisher in den Industrienationen Dagewesene in den Schatten, so Rupert Seggins, Chefökonom der RBS gegenüber CNN. Das BIP des Landes ist laut einer Berechnung der Finanzexperten in sieben Jahren um 25 Prozent gesunken. Schlechtere Werte erzielten die europäischen Staaten nur in Kriegszeiten, etwa nach dem Ende des Ersten und Zweiten Weltkriegs.

In den USA wurde zwischen 1930 und 1933, in der Zeit der „Großen Depression“, ein Wirtschaftsrückgang von 29 Prozent gemessen. Der große Unterschied: Sieben Jahre nach der „Großen Depression“ hatten sich sowohl die wirtschaftlichen Zahlen als auch die Arbeitslosenrate in den Vereinigten Staaten weitgehend stabilisiert. In Griechenland dagegen ist kein Ende der Krise in Sicht. Trotz eines harten Sparkurses beträgt die Staatsverschuldung nach wie vor mehr als 170 Prozent des BIP.

Lage in den Spitälern dramatisch

Die Schuldenkrise verschärft die sozialen Probleme im Land. Massiv zeigt sich das etwa in den Spitälern, wo es zunehmend am Nötigsten fehlt. Engpässe gebe sowohl bei Nahrungsmitteln für Patienten als auch bei Arzneimitteln, berichtete ein Korrespondent der Tageszeitung „Die Presse“ aus Griechenland. Herz- und Krebsmedikamente seien knapp, Spritzen, Verbandsmaterial, Kanülen und Handschuhe kaum vorhanden.

Grafik zeigt die stärksten BIP-Rückgänge in den Industriestaaten

Grafik: ORF.at; Quelle: Royal Bank of Scotland Economics (Auswahl)

Griechenlands BIP ist seit 2008 um ein Viertel gesunken - ein beinahe beispielloser Einbruch der Wirtschaftsleistung eines Industriestaates

Der Gesundheitskonzern Fresenius hat wegen der angespannten Finanzlage Griechenlands den Verkauf einiger Medikamente in das südosteuropäische Land eingestellt. Standardprodukte wie Kochsalzlösungen würden schon seit März nicht mehr nach Griechenland geliefert, sagte ein Sprecher des deutschen Unternehmens. Die Pharmakonzerne Merck, Boehringer Ingelheim und Bayer liefern weiter Medikamente nach Griechenland, wie Sprecher der Unternehmen gegenüber Reuters betonten.

Die Schulden Griechenlands bei internationalen Pharmakonzernen hatten die Milliardengrenze bereits vor einiger Zeit überschritten. Das Land stehe bei den Unternehmen mit 1,1 Milliarden Euro in der Kreide, sagte Richard Bergström, Generaldirektor des europäischen Branchenverbandes EFPIA, Ende Mai.

Engpässe bei Importlebensmitteln

In den nächsten Tagen könnte es zudem zu Problemen mit der Lebensmittelversorgung kommen. Die Lebensmittelhersteller warnen, dass bestimmte Nahrungsmittel knapp werden könnten. Das dürfte vor allem für Fleisch- und Milchprodukte gelten, die Griechenland größtenteils aus dem Ausland bezieht und die die Importeure wegen der Zahlungsbeschränkungen nicht mehr beschaffen können.

Die Engpässe könnten wiederum drastische Auswirkungen auf die für das Land so wichtige Tourismusbranche haben: „Die großen Hotelketten haben vielleicht noch Lebensmittelvorräte für zehn Tage, dann kommen sie in Schwierigkeiten“, warnte Athanassios Kelemis, Geschäftsführer der deutsch-griechischen Handelskammer in Athen. „Wenn es keine schnelle Lösung gibt, dann haben wir bald Kurzarbeit und am Ende der Woche vielleicht schon erste Entlassungen“, so Kelemis weiter.

Transportwesen vor dem Kollaps

Die Kapitalverkehrskontrollen führen zudem zunehmend zum Zusammenbruch des Transportwesens. Die Transportunternehmen können ihre Lastwagen nicht betanken, weil die Besitzer täglich nur 60 Euro von ihren Konten abheben können. Hunderte griechische Lastwagenfahrer im In- und Ausland haben keine Möglichkeit, die Treibstoffe zu bezahlen.

„Ein Lastwagenfahrer braucht 4.000 Euro, um aus Deutschland nach Griechenland zu kommen“, sagte Petros Skoulikidis, Präsident der Transportunternehmen Griechenlands (PSXEM) im griechischen Fernsehen. Die griechischen Kreditkarten werden im Ausland nicht mehr akzeptiert. Auch im Inland gebe es große Probleme. Lieferungen auf die Inseln sind nur gegen Barzahlung möglich. Auf den Inseln könne es bald zu Versorgungsengpässen kommen, sagten übereinstimmend Bürgermeister im griechischen Fernsehen.

Probleme Arbeitslosigkeit und Braindrain

Ein gravierendes Problem bleibt auch die Arbeitslosigkeit: Im ersten Quartal 2015 erreichte sie 26,6 Prozent (25,5 Prozent im Vorjahreszeitraum). Besonders dramatisch: Knapp 50 Prozent der jungen Leute bis zum Alter von 24 Jahren sind ohne Job.

Noch im Jahr 2008 - dem Beginn der globalen Finanzkrise - lagen Deutschland (damals 7,4 Prozent) und Griechenland (7,8 Prozent) nach Daten der europäischen Statistikbehörde Eurostat fast gleichauf. In Griechenland kommt Schwarzarbeit als verbreitetes Problem hinzu. Zahlreiche Unternehmen, vor allem im Bereich Hotellerie und Gastronomie, beschäftigen junge Menschen zu minimalen Tageslöhnen, ohne Arbeitgeberbeiträge in die Sozialversicherung zu zahlen. Berichten zufolge gibt es sogar Fälle, in denen Kellner ohne Lohn arbeiten und ausschließlich vom Trinkgeld leben müssen - vor allem auf den Inseln.

Zudem gibt es einen starken Braindrain, die Abwanderung von Fachkräften ins Ausland. Nach Angaben der griechischen Ärztekammer sollen allein in den vergangenen drei Jahren mehr als 6.000 Ärzte ins Ausland gegangen sein. Auch andere Wissenschaftler wie Ingenieure und Chemiker sind bereits ausgewandert.

Reisebranche in Alarmstimmung

Die Reisebranche ist wegen des griechischen Schuldendramas in Alarmstimmung. Am Montag hätten mehrere Fluggesellschaften griechischen Reisebüros und Reiseveranstaltern untersagt, ihre Flugtickets zu verkaufen. Das berichtete der TV-Sender n-tv unter Berufung auf die griechische Zeitung „To Vima“.

Unter anderem seien Reisen mit Emirates, Virgin, Turkish Airlines, Qatar, Quantas, Air Baltic, Pegasus, China Airlines, China Eastern, China Southern, Philippines und Cathay betroffen - Flüge der AUA hingegen nicht, wie es von der Airline zur APA hieß.

Grund für den Schritt sind nach Angaben der griechischen Zeitung die seit vergangener Woche verhängten Kapitalverkehrskontrollen. Die Unternehmen fürchten, dass Veranstalter ihre Rechnungen nicht begleichen können. Die Restriktionen der Regierung haben weiters dazu geführt, dass Apple, Google, PayPal und Amazon griechische Nutzer, die über einheimische Konten oder mit Kreditkarten bezahlen wollen, ausgesperrt haben.

Bargeld nur noch für zwei, drei Tage?

Die griechischen Banken bleiben zumindest bis Freitag geschlossen. Fotos und Videos aus griechischen Städten zeigen lange Menschenschlangen vor den Bankomaten. Obwohl jeder Bürger pro Tag nur 60 Euro an den Geldausgabeautomaten beheben kann, könnte dem Land schon in den nächsten zwei bis drei Tagen das Geld ausgehen, wenn die Kreditgeber sich nicht auf weitere Hilfen für das Land verständigen. Ein Informant, der mit dem Finanzsystem des Landes vertraut ist, sagte am Dienstag, die ersten Geldautomaten könnten schon am Mittwoch leer sein. Ein Banker schätzte, dass noch für zwei bis drei Tage Bargeld im System sei.

Die Griechen haben in den vergangenen Monaten sukzessive ihre Konten geleert. Allein von Dezember bis Juni wurde rund ein Fünftel der Spareinlagen von den griechischen Banken abgezogen. „Schon jetzt ist es ein Problem, dass die Bank (...) nur noch 50 Euro auszahlt, weil die 20-Euro-Scheine ausgegangen sind“, beschrieb ein deutscher Auswanderer die Situation in der Stadt Paleochora auf der Insel Kreta gegenüber dem Magazin „Der Spiegel“ (Onlineausgabe). Wegen der geschlossenen Banken könnten sich Restaurantbetreiber nicht mehr mit Münzen eindecken, wodurch es an Wechselgeld mangle.

Dutzende Menschen warten vor einem Bankomaten in Athen

Philipp Naderer

Anstellen vor einem Geldautomaten: „Die Regierung hat vielleicht noch Geld für eine Woche“, sagte ein Mitglied der Geldgeberinstitutionen

Spitzenpolitiker für Hilfsprogramm

Der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger (CDU) forderte, die EU-Kommission und die Euro-Länder müssten nun in Griechenland verhindern, „dass es wegen der akuten Finanznot zu Engpässen bei Medikamenten, Lebensmitteln oder Öl und Gas kommt“. Aus dem EU-Haushalt könnten dafür Mittel verwendet werden, die für mögliche Naturkatastrophen reserviert seien. Oettinger meldete Bedenken gegen einen weiteren Verbleib Griechenlands in der Euro-Zone an. „Ein insolventes Land, das eine Parallelwährung einführt, passt nicht zur Währungsunion“, sagte Oettinger.

Ähnlich äußerte sich auch Finanzminister Hans Jörg Schelling (ÖVP): „(...) irgendeine Art von humanitärer Unterstützung wird es geben müssen“, sagte er vor einigen Tagen gegenüber der „Presse“. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) schrieb in einem Gastbeitrag für die „Rheinische Post": Sie – die griechischen Familien, die Alten, die Kranken und die Einkommensschwachen – sind damit die eigentlichen Verlierer des griechischen Dramas. Sie dürfen wir nicht alleine lassen, und deshalb plädiere ich dafür, dass wir humanitäre Gelder zur Verfügung stellen, um hier schnell zu helfen.“

EU-Geld für die Ärmsten

Um die sozialen Folgen der langen Krisenjahre in Griechenland abzumildern, hilft die Europäische Union Athen schon jetzt - so wie anderen Krisenstaaten auch. Im Kampf gegen die Armut sind in der Haushaltsperiode von 2014 bis 2020 rund 281 Millionen Euro für Griechenland vorgesehen, um die Ärmsten mit Nahrungsmitteln, Kleidern und anderen Dingen für den persönlichen Gebrauch wie Schuhe, Seife und Shampoo zu versorgen. Das Geld kann auch genutzt werden, um Menschen bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu helfen. Die Auszahlung dieser Summen könnte nun vorgezogen werden.

Zudem fließt Geld aus dem Europäischen Sozialfonds nach Athen, um neue Jobs zu schaffen und Arbeitslose wieder in Beschäftigung zu bringen. Die Europäische Jugendgarantie soll unter 25-Jährige binnen vier Monaten in Praktikum, Arbeit oder Ausbildung bringen. Weiters sind bis 2020 insgesamt 35 Milliarden Euro an europäischen Fördergeldern für Griechenland eingeplant.

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