Die Mitverantwortung der UNO
Die Täter des Massakers von Srebrenica sind bekannt. Sie wurden vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) angeklagt. Doch immer wieder wird auch der UNO eine Mitverantwortung an dem Kriegsverbrechen zugeschrieben. Nun zeigen Dokumente des US-Geheimdienstes CIA, dass sie über die Brutalität der serbischen Milizen in Srebrenica informiert gewesen sein soll, wie die deutsche „Welt“ berichtete.
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Der amerikanische Geheimdienst soll seit dem Beginn des Bosnien-Krieges im Frühling 1992 die Vorzeichen des drohenden Genozids an den muslimischen Bosniern dokumentiert haben. Das zeigten Dokumente, die der US-Militärhistoriker Matthew Aid ausgewählt und in der Datenbank Cold War Intelligence des Brill-Verlages veröffentlicht hat, wie die „Welt“ vergangene Woche berichtete. Mehr als 4.000 Dokumente sollen sich auf das Kriegsverbrechen vom Juli 1995 beziehen, das unter dem Namen Massaker von Srebrenica bekanntwurde.
Ethnische Säuberung als Methode
Bereits 1992 berichteten Augenzeugen der CIA über das Ziel der Serben, eine serbische Bevölkerungsmehrheit durch ethnische Säuberungen zu schaffen. In Sturmangriffen sollen demnach bosnische Dörfer und Städte überrannt worden sein. Nicht serbische Bewohner - meist bosnische Muslime - seien zu Sammelstellen verfrachtet worden, die eilig an Bushaltestellen, auf Sportplätzen und in Schulgebäuden errichtet wurden.
Das berichteten im Frühjahr 1992 US-Geheimdienst- und Militärangehörige der Aufklärungstruppe DCI Interagency Task Force. Sie versorgten, laut „Welt“, auch die UNO mit Informationen aus dem Kriegsgebiet.
Internierungslager und Krematorien
Außerdem soll die CIA über Internierungslager, Erschießungen und Massengräber berichtet haben. Ab Herbst 1992 seien aufseiten der bosnisch-serbischen Militärs Krematorien zur Verbrennung von Leichen eingesetzt worden.
Als die Armee der selbst ernannten „Republika Srpska“ unter der Führung von Radko Mladic die ostbosnische Stadt Srebrenica belagerte und immer näher rückte, stieg die Gefahr ethnischer Säuberungen in der Enklave. Im Juli 1993 ließ der damalige CIA-Direktor Robert James Woolsey Jr. notieren, dass die bosnisch-serbische Armee, in der Lage sei, alle verbliebenen „muslimisch kontrollierten“ Gebiete zu erobern, wie die „Welt“ berichtete.

AP
Radko Mladic (links) und der Chef der niederländischen Blauhelmtruppen Ton Karremans (Mitte) trinken am 12. Juli 1995 gemeinsam
Schlecht gerüstete Blauhelme
Die Taskforce soll in einem Bericht vom März 1993 auf die Einrichtung einer Sicherheitszone um Srebrenica gedrängt haben. Sie empfahl, die Soldaten der Vereinten Nationen mit einem „robusten Mandat“ auszustatten, also der Berechtigung, Waffen einzusetzen. Nur durch „gepanzerte Fahrzeuge, Helikopter und schweres Verteidigungsequipment wie panzerbrechende Waffen und, wenn möglich, Luftüberwachung“ könne Srebrenica geschützt werden.
Im April erklärte die UNO Srebrenica zur Schutzzone. Entgegen der Empfehlung der Taskforce stattete die UNO die ausgesandten Friedenstruppen nur mit einem „weichen Mandat“ aus: Kampfhandlungen waren nur zur Selbstverteidigung erlaubt. Die Blauhelme entwaffneten den Großteil der Verteidiger Srebrenicas und übernahmen die Verantwortung für die Sicherheit der Bewohner. Je heftiger die Kämpfe um Srebrenica wurden, desto höher wurde die Zahl der Flüchtlinge, die in die Stadt flohen. Srebrenicas Einwohnerzahl vervielfachte sich von 6.000 auf ungefähr 40.000.
Zu wenige Soldaten
1994 forderte der damalige UNO-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali eine Aufstockung der etwa 7.000 Mann starken UNO-Friedenstruppe für ganz Jugoslawien auf mindestens 34.000 Soldaten. Der Weltsicherheitsrat bewilligte aber lediglich 7.600 Blauhelme mehr. Als die Truppen Mladics Srebrenica 1995 angriffen, hatten sie leichtes Spiel: Die Verteidiger hatten zu wenig Waffen.
Am 6. Juli fing die bosnische Armee einen Funkspruch Mladics ab: „Schießt nur auf die Lebenden. Sie haben keine Waffen.“ Am gleichen Tag begann sie die Schutzzone zu beschießen. Die geforderten Luftschläge der niederländischen Dutchbat-Bataillon, die sechs Kilometer von Srebrenica entfernt stationiert war, lehnte der UNO-Stab ab. Am 11. Juli war Srebrenica gefallen.
Wenig Widerstand
„Die bosnischen Anführer zählten darauf, dass UNO und NATO irgendetwas unternehmen würden, um die bosnisch-serbische Armee zu stoppen, bevor sie die von der UNO deklarierte Sicherheitszone überrennt“, heißt es in einem Bericht der Taskforce vom 3. August 1995.
Rund 25.000 Menschen versuchten auf den Stützpunkt der Blauhelme zu fliehen, 6.000 konnten aufgenommen werden. Doch die 450 Blauhelmsoldaten in der Ortschaft Potocari nördlich von Srebrenica ergaben sich den Truppen Mladics kampflos. Beim anschließenden Massaker ging die bosnisch-serbische Armee so vor, wie es die CIA bereits seit 1992 beobachtet hatte. Die Zahl der Opfer und der logistische Aufwand, den die Täter betrieben, erreichten jedoch ein Ausmaß, das von niemandem vermutet worden war.
Schwere Vorwürfe des „Guardian“
Die moralische Mitverantwortung der UNO wird immer wieder diskutiert. Auch der britische „Guardian“ erhob schwere Vorwürfe gegen die Vereinten Nationen. Sie sollen Srebrenica für ihre Friedensbemühungen „geopfert“ haben.
Die britische Tageszeitung belastet auch Großbritannien, Frankreich und die USA schwer: Sie sollen bereits sechs Wochen vor dem Massaker gewusst haben, dass Srebrenica fallen würde. Zugunsten eines schnellen Friedens hätten sie aber auf wirksame Unterstützung verzichtet. „Ein Überblick über die Masse an Beweisen zeigt, dass der Fall Srebrenica Teil einer Politik der drei großen Mächte war“, schreibt der „Guardian“.
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