„Psychische Probleme keine Krankheit“
Als „Amoktaten“ bezeichnete Handlungen werden zumeist nicht von psychisch Kranken verübt. Angebliche „psychische Probleme“, wie sie nach den Ereignissen in Graz als Tathintergrund genannt wurden, sind an sich noch keine „Krankheit“, auf Distanz schnell geäußerte „spekulative diagnostische Mutmaßungen“ unseriös. Das stellte die Österreichische Gesellschaft für Psychiatrie (ÖGPP) am Dienstag fest.
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In einer von federführenden Experten unterzeichneten Erklärung der Gesellschaft, unter ihnen ÖGPP-Präsident Georg Psota und die Gerichtspsychiater Reinhard Haller und Regina Prunlechner, treten die Fachleute vehement für Besonnenheit und Expertise in der Aufarbeitung der Hintergründe für die „Amokfahrt“ in Graz ein. Sie beriefen sich dabei auch auf Empfehlungen der deutschen und der amerikanischen Fachgesellschaften.
Vorschnelles Urteil „Amoklauf“
Das betreffe allein schon die Begriffe, mit denen Medien die Tat beschreiben: „Eine Amoktat wird definiert als ‚eine für Außenstehende plötzliche, unverständliche und ungewöhnlich aggressive Handlung, die zur Verletzung oder Tötung von Menschen geführt hat‘. Nicht jede Tat, die in den Medien als Amok bezeichnet wird, ist auch tatsächlich ein Amoklauf im engeren Sinne.“
Neu seien solche Aggressionsakte nicht. Es gebe sie seit Menschengedenken. In einem „Amoktäter“ sofort einen psychisch Kranken zu sehen ist laut der Fachgesellschaft falsch: „Handlungen im Sinne von ‚Amok‘ werden von Menschen verübt, die zumeist nicht psychisch krank sind. ‚Psychische Probleme‘ sind keine Krankheit. Gewaltbereitschaft und Gewaltausübung sind nicht mit psychisch krank gleichzusetzen“, so die ÖGPP. Die Assoziation insbesondere von Schizophrenie mit Gewalt und Gefährlichkeit werde häufig deutlich übertrieben dargestellt.
Umfangreiche psychiatrische Untersuchung nötig
„Hinzu kommt, dass sich wegen der vielschichtigen Entstehungsbedingungen von Amokläufen schlichtweg keine einheitliche ‚Täterpersönlichkeit‘ bestimmen lässt“, schreiben die Experten in ihrer Aussendung. Dafür benötige die Aufarbeitung des Hintergrunds solcher Ereignisse Zeit und Expertise, so die Gesellschaft, die sich bereits ähnlich nach dem von dem Piloten herbeigeführten Absturz der Germanwings-Maschine geäußert hatte.
„Erforschung der Motivlage eines Amokläufers erfordert eine umfangreiche Untersuchung des Werdegangs, des aktuellen Zustandsbildes, verschiedener körperlicher und psychopathologischer Parameter und ist das Spezialgebiet von forensischen Psychiaterinnen und Psychiatern (...). In Summe ergeben die genannten Abläufe eine seriöse forensische psychiatrische Untersuchung und Diagnose“, so die ÖGPP.
Unseriöse Mutmaßungen
Schnellschüsse seien nicht angebracht, stellten die Experten fest: „Unseriös sind spekulative diagnostische Mutmaßungen, die trotz unzureichender Erkenntnislage über die Medien transportiert werden. Diese führen zu Missverständnissen, Verwirrung und Verunsicherung und entspringen im besten Fall dem psychologisch gut nachvollziehbaren Erklärungsbedürfnis bei besonderen Gewalttaten.“
Im Endeffekt sei die rasche Suche nach Ursachen aktuell nicht das oberste Gebot: „Die ÖGPP stellt daher klar, dass in derartigen Krisensituationen hochprioritär die medizinische und psychologische Betreuung der Opfer, ihrer traumatisierten Angehörigen, Freunde und Bekannten im Fokus zu stehen hat. Dies ist im gegenständlichen tragischen Anlass in vorbildhafter Weise und mit viel Solidarität aus der Bevölkerung geschehen.“ Man habe in Graz vorbildlich auf die Ereignisse regiert.
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