Motiv weiter unklar
Nach der Amokfahrt eines 26-jährigen Mannes in der Grazer Innenstadt haben bis Dienstag auch die letzten beiden Opfer den Überlebenskampf gewonnen: „Es befinden sich keine Opfer mehr in kritischem Zustand“, sagte LKH-Graz-Sprecherin Simone Pfandl-Pichler auf APA-Anfrage.
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Bis Montag waren noch zwei Menschen der insgesamt sechs mit lebensbedrohlichen Verletzungen in Spitäler eingelieferten Patienten zwar in stabilem, aber kritischem Gesundheitszustand. „Nun haben es alle geschafft“, so die Sprecherin am Dienstag. Auch die verletzten Kinder seien auf dem Wege der Besserung.
Entscheidung über U-Haft
Unklar bleibt das genaue Motiv hinter der Tat. Die bisherigen Einvernahmen des Mannes hätten nichts Neues ergeben, bestätigte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Graz, Christian Kroschl, Montagabend im Interview in der ZIB 24. Auch ein psychiatrischer Sachverständiger habe den Mann am Montag zwei Stunden lang untersucht. Sollte dieser zu der Ansicht gelangen, dass der mutmaßliche Täter zum Tatzeitpunkt unzurechnungsfähig war, werde anstatt der Untersuchungshaft eine vorläufige Unterbringung in einer Krankenanstalt für psychisch Kranke erfolgen, so Kroschl - mehr dazu in steiermark.ORF.at.
Am Dienstag soll der Mann dem Haftrichter vorgeführt werden - dieser soll das Pflichtverhör durchführen und dann entscheiden, ob über den Mann die Untersuchungshaft verhängt oder ob er in eine Klinik eingeliefert wird. Momentan werde das Ermittlungsverfahren wegen Mordes und versuchten Mordes geführt, so Kroschl.
Gutachten bestätigten Verlässlichkeit
Laut einem Bericht der „Kleinen Zeitung“ bestätigten zumindest zwei waffenpsychologische Gutachten dem mutmaßlichen Amoklenker, dass er „verlässlich“ sei. Beide Dokumente stammen laut Zeitung aus dem Jahr 2014. Nach Vorlage des ersten habe der Mann im Fürhjahr 2014 eine Waffenbesitzkarte erhalten. Das zweite habe er im Sommer bei der Behörde eingebracht, nachdem gegen ihn ein Verfahren eingeleitet worden war.
Nachdem er mit einem halbautomatischen Gewehr mehrmals in der Gegend herumgeschossen habe, sei er angezeigt und ihm die Waffe abgenommen worden. Das Vefahren gegen den Mann ist laut „Kleiner Zeitung“ allerdings noch nicht abgeschlossen, da er gegen den Bescheid der Behörde beim Landesverwaltungsgericht Beschwerde eingebracht habe.
Kurzschlusshandlung oder geplante Tat?
Laut dem Staatsanwalt konzentrieren sich die Ermittlungen nun darauf, ob der Täter alles bis in das kleinste Detail geplant hatte oder es eine Kurzschlusshandlung war: „Es wird jetzt gerade versucht, von den Geschäften, die auf der Wegstrecke der Amokfahrt gelegen sind, Videoaufzeichnungen sicherzustellen, und bei der Auswertung dieser Aufzeichnungen wird jedenfalls zutage kommen, ob der Amokfahrer bewusst auf Passanten zugefahren ist oder eben nicht“, so Kroschl.
Bereits am Montag hatten die Ermittler neben dem Täter auch dessen Frau vernommen, die von dem 26-Jährigen getrennt lebt. Im Zuge der Befragung wurde bekannt, dass die Mutter zweier Kinder zum Zeitpunkt der Amokfahrt nicht - wie von Medien kolportiert - in Bosnien gewesen sein dürfte. Die Polizei hatte die Ehefrau angerufen und um eine Zeugenaussage gebeten, bestätigte Kroschl bereits am Montagnachmittag. Über ihre Angaben vor der Polizei wollten die Ermittler vorerst nichts öffentlich bekanntmachen, ihr Noch-Ehemann dürfte die Amokfahrt aber nicht bei ihr angekündigt haben, sagte Kroschl.
Fünfminütige Amokfahrt
Insgesamt fünf Minuten hatte die Amokfahrt des 26-Jährigen am Samstag gedauert. Laut Stadtpolizeikommandant Kurt Kemeter startete der Täter gegen 12.15 Uhr in der Zweiglgasse. „Er beschleunigte bis zur Kreuzung mit der Lagergasse, fuhr auf den Gehsteig und rammte zwei Personen, wobei eine davon getötet wurde.“ Anschließend fuhr der Täter Richtung Augartenbrücke und wollte auf Höhe der dortigen Synagoge einen weiteren Fußgänger anfahren. Dieser konnte sich hinter einer Säule in Sicherheit bringen und wurde nur leicht verletzt.

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In der Zweiglgasse begann die Amokfahrt des 26-Jährigen
Danach raste der Lenker weiter in die Grazbachgasse, wo ein Paar aus einem Geschäft bei einer Grünanlage kam. Er sprang aus dem Auto und attackierte beide mit einem Messer. Dabei wurde der Mann schwer, seine Freundin leicht verletzt. Nach weiteren Attacken lenkte er in die Herrengasse ein, fuhr durch diese „mit hohem Tempo“ und erfasste dabei mehrere Personen, wobei zwei getötet wurden. Zudem krachte der Lenker in einen Schanigarten, wo er acht Menschen verletzte.
Trauerzug am Sonntag
Bundespräsident Heinz Fischer verkürzte indessen seinen Italien-Aufenthalt, um am Trauerzug Sonntagabend in Graz teilnehmen zu können, wie eine Sprecherin am Dienstag bestätigte. Neben der versammelten steirischen Landesregierung und der Grazer Stadtregierung will auch Nationalratspräsidentin Doris Bures (SPÖ) beim Gedenkmarsch dabei sein.
Hilfe für Betroffene
Das Kriseninterventionsteam (KIT) bietet gratis Unterstützung für Betroffene und Angehörige. Die Hotline 0316/877-6551 ist in den nächsten Tagen von 8.00 bis 20.00 Uhr besetzt. Nach 20.00 Uhr kann das Kriseninterventionsteam via Notrufnummer 130 angefordert werden.
Als Treffpunkt wurde von der Stadt ab 16.30 Uhr der Griesplatz festgelegt. Von dort wird es über die Zweiglgasse und Grazbachgasse weiter zum Jakominiplatz und über die Herrengasse zum Hauptplatz gehen. Gegen 18.00 Uhr ist vor dem Rathaus der offizielle Gedenkakt vorgesehen. Die US-Botschafterin in Wien, Alexa Wesner, hatte bereits am Montag in Begleitung von Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP) ihren Eintrag im Kondolenzbuch im Rathaus niedergeschrieben. Andere Veranstaltungen in der Trauerwoche wurden mittlerweile abgesagt oder verschoben - mehr dazu in steiermark.ORF.at.
Mikl-Leitner will verpflichtende Rechtsberatung
Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) präzisierte unterdessen ihren Vorstoß, wonach in Zukunft eine Rechtsberatung für weggewiesene Gewalttäter verpflichtend werden soll. „Derzeit ist Folgendes ein Faktum: Wenn über einen Gewalttäter ein Betretungsverbot verhängt wird, kann er freiwillig mit Polizisten ein Rechtsgespräch führen“, so die Ministerin. Dieses Angebot gebe es seit 2011, dafür seien 500 Beamte speziell geschult worden. „Dieses freiwillige Angebot soll nun verpflichtend im Sicherheitspolizeigesetz (SPG) verankert werden.“
Die Ministerin ging nicht davon aus, dass durch diese Veränderung Mehrkosten entstehen. „Das Personal dafür haben wir ja bereits.“ Mikl-Leitner zufolge sollten die 500 Beamten dafür ausreichend sein, bei rund 7.587 Wegweisungen bundesweit im Jahr 2014 und 755 in der Steiermark. Auch der Amoklenker war Ende Mai von seiner Familie weggewiesen worden.
Runder Tisch zu psychologischer Betreuung
Bei der psychologischen Betreuung von Gewalttätern will Mikl-Leitner eine Expertenrunde aus dem Innen-, dem Frauen-, dem Justiz-, dem Sozial- und dem Familienministerium an einen runden Tisch holen. Dabei soll diskutiert werden, welche Maßnahmen man hier ergreifen könne. Die Ressortchefin verwies darauf, dass solche Maßnahmen auch im Nationalen Aktionsplan gegen Gewalt vorgesehen seien. In den Gewaltschutzzentren habe man mit psychologischer Betreuung sehr gute Erfahrungen gemacht, solche Maßnahmen müssten auch national einheitlich ergriffen werden.
Unter anderem der für Bewährungshilfe zuständige Verein „Neustart“ hatte am Montag darauf hingewiesen, dass bei Wegweisungen auch Täter eine Betreuung benötigen würden. Ein Konzept unter dem Titel „Krisenhilfe für weggewiesene Männer“ hatte der Verein bereits 2013 vorgelegt. Die Umsetzung war aber letztlich an den Ressourcen gescheitert. Auch der Gründer des Grazer Männernotrufs, Eduard Hamedl, forderte am Montag eine bessere Betreuung von weggewiesenen Männern - mehr dazu in steiermark.ORF.at.
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