Alle zusammen, nichts gemeinsam
Die Ausstellung „Destination Wien 2015“ zeigt Werke von über 70 zeitgenössischen Künstlern, die entweder in Wien leben oder zumindest hier Kunst geschaffen haben. Aber ist ein solcher Überblick zeitgemäß? Bei der Pressekonferenz kommt es zum Streit mit Kunsthallendirektor Nicolaus Schafhausen.
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Zunächst ein Blick in die Ausstellung. Geht man in den ersten Stock und dann rechts, taucht ein seltsamer Baum auf. In zwei Betongrundpfeilern stecken weiß lackierte Metallstangen, an denen Müll hängt. Ein Schokoladenpapierl, ein Plastiksackerl, eine zerdrückte Dose. Und: Ein Notepad, auf dessen Screen die 3-D-Visualisierung einer Hochhaussiedlung gezeigt wird. Zivilisation versus Natur? Ein vom Menschen verdreckter Baum? Nein. Selbstbewusst tritt der junge Künstler Mitya Churikov hinzu und erklärt seine multimediale Skulptur: „Das ist der Wohnpark Alterlaa.“
Der breite Betonsockel und das dünnere Konstrukt darüber sollen an den Sozialbau aus den 70er Jahren erinnern und gleichzeitig bebaute (Beton) und unbebaute Landschaft (das „Geäst“ als Naturmetapher) einander gegenüberstellen. Der Müll stammt aus dem Wohnpark. Alterlaa sei ein positives Beispiel für einen Sozialbau und trage diesen Begriff zu Recht. Alterlaa sei kein Ghetto geworden, im Gegensatz zu zahlreichen anderen Beispielen. Das Gestänge mit dem Müll weise zudem auf das Verschwinden festgeschriebener Territorien hin - zugunsten einer „assoziativen Topografie“. Alles sei eine Frage der Perspektive. Das künstlerische Alterlaa sehe aus jedem Blickwinkel anders aus.

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Mitya Churikov hinter seinem Kunstwerk „Untitled (Alterlaa-AG 1968)“, 2015
„Multisubjektivität“ statt Trends
Churikov ist einer von 120 Künstlern, deren Positionen die Kunsthalle zeigt, jeweils mit bis zu vier Werken. Kein repräsentativer Querschnitt sei das, sagt Direkter Schafhausen bei der Präsentation der Ausstellung, um Objektivität sei es bei der Auswahl nicht gegangen. Kurator Lucas Gehrmann nennt als Stichwort „Multisubjektivität“. Auch die Zusammenstellung an Ort und Stelle sei nicht nach Gruppen, Trends oder Strömungen erfolgt, sondern nach ästhetischen, assoziativen Kriterien. Und die Offenheit des Konzepts wird noch dadurch unterstrichen, dass die Schau sich auf zahlreiche Wiener Galerien und alternative Offspaces ausdehnt, von Diskussionsveranstaltungen sowie Vorträgen flankiert wird und mit dem Musikfestival Electric Spring kooperiert.
Die anwesenden Journalisten stutzen. Im Ankündigungstext zu „Destination Wien“ heißt es wörtlich: „Die Wiener Szene wird sowohl auf aktuelle Trends hin abgeklopft als auch auf Positionen, die maßgeblich beteiligt waren an der Entwicklung eben dieser Trends.“ Also welche Strömungen macht das Kuratorenteam nun aus in der aktuellen Wiener Kunst? Auf diese Frage folgt zunächst sichtlich Verstörung am Rednerpult, es entsteht eine lange Pause. Der Direktor schaut den Kurator an, der Kurator die Kuratorin (Anne Faucheret), die Kuratorin den Direktor. Damit hat sich offenbar niemand auseinandergesetzt.

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Anna Hoffner: „The Queer Family Album“
Der „Wiener Minimalkompromiss“
Etwas vage sprechen Schafhausen und die Kuratoren von der Gender-Thematik, die in zahlreichen Werken abgehandelt werde. Viele Künstler würden Privates in ihren Arbeiten beleuchten. Die Bedingungen des Kunstschaffens würden thematisiert. Die Stadt an sich sei ein Thema. Ausgerufen worden sei lose als thematische Klammer: „Wie wir miteinander leben“. Und was ist jetzt mit den Strömungen, den Trends, den Kunstgattungen? Schaffhausen wird ungehalten. Man wolle ihn missverstehen. Es sei zu eingrenzend, von Trends und Strömungen zu sprechen. Er lehne auch den Modebegriff „Post Internet Art“ ab (die einzige Strömung, die er konkret nennt). Verärgert verlässt der Direktor kurz darauf das Rednerpult. Der gemeinsame Rundgang fällt aus.
Vielleicht ist es ja das, was die Wiener Szene - und nicht nur diese - der aktuellen Kunstschaffenden ausmacht: dass sie alle ihnen zur Verfügung stehenden Materialien und Techniken nutzen, von Malerei und Zeichnung über Skulptur, Fotos und Videos bis hin zu Technikspielereien, um in ihren (oft multimedialen) Werken Themen der Zeit zu kommentieren. Die ganze Kunstszene, eine einzige Warhol-Factory. Mit G.R.A.M. und ihrem „Wiener Minimalkompromiss“. Mit Anna Hoffner, die „The Queer Family Album“ zeigt.

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Tanja Widmanns „OMG ONG OH NO“: das Roboterauto mit dem Projektor
Tanja Widmann schickt ein Projektionsroboterauto ins Rennen, im Katalogtext ist von Kant und Ontologie die Rede. Assoziativ könnte man das auch ganz anders interpretieren: Unsere Daten verschwinden hier nicht irgendwo in dunklen Kanälen - und als solche werden privatwirtschaftliche Datenbanken gemeinhin angesehen. Hier wird unser Privates nach außen projiziert. Google fährt mit Kameraautos herum und kartografiert die Städte fotografisch. Hier jedoch, ganz im Gegenteil, fährt der Roboter herum und projiziert soziales Geschnatter samt gelangweilter Aufgeregtheit („OMG“, „Oh no“) nach außen.
Ausstellungshinweis:
„Destination Wien 2015“: Kunsthalle Wien im Museumsquartier und am Karlsplatz, 17. April bis 31. Mai. Inklusive zahlreicher Veranstaltungen und „Destination Wien Extended“ in ausgewählten Galerien und Offspaces.
Jedem seine eigene Ausstellung
Und Churikov - Stichwort Alterlaa - freut sich über real existierenden sozialen Wohnraum. Hätte die Kunsthalle das umgesetzt, was im Ankündigungstext gestanden war, es wäre eine Überraschung gewesen. Edukatorische Überblicksausstellungen, die brav in Themen und Gattungen unterteilt sind und dort noch chronologische Anordnungen nach Einflüssen und Auswirkungen aufweisen - das gibt es kaum noch, und wenn, dann nur zu historischen Themen. Mittlerweile seit Jahrzehnten gilt ein solcher Blick als einschränkend und reduktionistisch.
Dass ein solcher Blick gleichzeitig auch vom Inklusionsgedanken her seine Berechtigung hätte, weil er für interessierte Laien eine Schneise durch den unwegsamen, verwirrenden Dschungel zeitgenössischer Positionen schlägt, und dass es ein handverlesenes Kuratorenteam wie jenes der Kunsthalle auch hinbekommen hätte, das ohne Reduktionismus umzusetzen, sei dahingestellt. Es ist möglich, Komplexität zu erklären, ohne sie zu reduzieren. So jedenfalls bleibt es dem durchschnittlichen Ausstellungsbesucher einmal mehr, auf intuitive Entdeckungsreise zu gehen und sich inspirieren, unterhalten und zum Nachdenken anregen zu lassen. Das muss ja nicht schlecht sein. Sieht eben jeder seine eigene Ausstellung. Ist eben jeder sein eigener Kurator.
Simon Hadler, ORF.at
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