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Hat der 27-jährige Kopilot 149 Passagiere und Besatzungsmitglieder des Germanwings-Flugs 4U9525 mit in den Tod gerissen? Laut derzeitigem Ermittlungsstand weist vieles darauf hin, doch die Ermittler untersuchen weiterhin die Möglichkeit eines technischen Defekts. Vor allem die Auswertung der zweiten Blackbox, nach der noch gesucht wird, soll Licht in die Vorgänge an Bord des Airbus A320 bringen.

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Auch wenn vieles darauf hindeutet, dass der Kopilot am Dienstag dem Flug von Barcelona nach Düsseldorf mutwillig in ein Bergmassiv nordöstlich von Marseille gesteuert hat, könne „die Hypothese eines technischen Fehlers nicht ausgeschlossen werden“, sagte der Chef der in Düsseldorf eingesetzten französischen Ermittler, Jean-Pierre Michel, am Samstag dem französischen Sender BFMTV. Die Ermittlungen gingen Michel zufolge voran, es fehlten aber noch „technische Details“. Unter anderem wird noch immer nach dem zweiten Flugdatenschreiber gesucht.

Die „Persönlichkeit“ des Kopiloten wurde von Michel zwar als „ernsthafte“, aber nicht einzige Spur bezeichnet. Gegenüber AFP gab der Ermittler unter anderem zu Bedenken, dass noch kein „spezielles Element“ im Leben des 27-Jährigen - wie Liebeskummer oder berufliche Probleme - identifiziert wurde, das dessen mögliches Verhalten erklären könne.

„Schlussfolgerungen verfrüht“

Vor verfrühten Schlussfolgerungen warnte unterdessen auch die deutsche Pilotenvereinigung Cockpit, wobei sie betonte, dass es hierbei nicht um Solidarität unter Kollegen gehe. Cockpit verwies vielmehr darauf, dass man es bisher lediglich mit einer „Schnelluntersuchung“ des Stimmrekorders zu tun habe.

Laut Cockpit-Sprecher Jörg Handwerg müsse nun aber noch genau geschaut werden, „dass alle Puzzleteile ineinander passen, und wir haben bislang sehr wenige“. Ausständig sei etwa noch eine „gründliche Auswertung“ des Stimmrekorders - notwendig sei aber nicht zuletzt auch die Auswertung der nach wie vor verschollenen zweiten Blackbox, wie Handwerg gegenüber der ZIB2 sagte.

Verweis auf lange Ermittlungsarbeit

Auch der frühere deutsche Verkehrsminister Peter Ramsauer warnte davor, den Absturz des Germanwings-Airbus für aufgeklärt zu halten. Gegenüber dem ZDF sagte der CSU-Politiker am Donnerstagabend, auch wenn die französische Staatsanwaltschaft behaupte, der Kopilot habe die Maschine absichtlich zum Absturz gebracht, heiße das „noch lange nicht, dass es wirklich definitiv so ist“. Viele Staatsanwaltschaften hätten „schon viel in die Welt gesetzt“, viele Urteile hätten aber am Ende ganz anders ausgesehen, so Ramsauer weiter.

„Die Welt“ verwies unterdessen auf die „meist Jahre“ dauernde Ermittlungsarbeit bei der Untersuchung anderer Flugzeugunglücke, allein bis zur Bekanntgabe erster Ermittlungsergebnisse würden meist Monate verstreichen. Beim Germanwings-Absturz habe ganz im Gegensatz dazu bereits „nach 48 Stunden alles klar“ erschienen.

Zerrissene Krankschreibungen

Der Kopilot hatte nach Erkenntnissen der Ermittler vor seinem Arbeitgeber Germanwings eine Erkrankung verheimlicht. Die Fahnder entdeckten in der Wohnung des 27-Jährigen „zerrissene, aktuelle und auch den Tattag umfassende Krankschreibungen“, wie die Staatsanwaltschaft Düsseldorf am Freitag mitteilte. Über die Art der Erkrankung wurde nichts mitgeteilt, die Zeitung „New York Times“ berichtete jedoch unter Berufung auf Ermittlerkreisen, der Mann wegen Sehproblemen in Behandlung gewesen.

Von der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft wurde bestätigt, dass bei der Durchsuchung „Dokumente medizinischen Inhalts“ sichergestellt worden seien, die auf eine bestehende Erkrankung und entsprechende ärztliche Behandlungen hinwiesen. Das unterstütze „nach vorläufiger Bewertung“ die Annahme, dass der Verstorbene „seine Erkrankung gegenüber dem Arbeitgeber und dem beruflichen Umfeld verheimlicht hat“. Die Düsseldorfer Universitätsklinik bestätigte, dass der Mann in den vergangenen zwei Monaten in Behandlung war, zuletzt am 10. März. Details wurden keine genannt, Berichte, wonach er wegen Depressionen behandelt wurde, wurden jedoch verneint.

„Eines Tages werde ich etwas tun“

Nährstoff für Spekulationen lieferten am Samstag die Aussagen einer ehemaligen Freundin des Kopiloten. Gegenüber der „Bild“-Zeitung erzählte die Stewardess, er habe im Vorjahr zu der Frau gesagt haben: „Eines Tages werde ich etwas tun, was das ganze System verändern wird, und alle werden dann meinen Namen kennen und in Erinnerung behalten.“ Zudem spekuliert das Magazin „Der Spiegel“ über eine aktuelle „Beziehungskrise“.

Bekannt wurde am Samstag zudem, dass der Kopilot die Unglücksregion als Jugendlicher mehrfach besucht hatte. Seine Eltern seien dort mit ihrem Flugverein hingereist, sagte Francis Kefer vom Flugplatz in Sisteron dem französische Sender iTele. Sisteron liegt rund 40 Kilometer westlich der Absturzstelle in den südostfranzösischen Alpen.

Blumen um einen Gedenkstein

APA/EPA/Guillaume Horcajuelo

In Le Vernet wurden Blumen für die Opfer niedergelegt

Trauerfeiern an mehreren Orten

Unterdessen geht die schwierige Bergung der Opfer weiter. Am Samstag musste sie mehrmals unterbrochen werden, da die Hubschrauberpiloten bei ihrer Arbeit durch die Sonne zu stark geblendet wurden. In der Kathedrale von Digne-les-Bains nahe des Unglücksortes wurde am Samstag ein Trauergottesdienst abgehalten. Vor dem Altar waren 150 Kerzen aufgestellt, für jedes Todesopfer eine. Auch in Deutschland fanden an mehreren Orten Trauerfeiern statt.

Soforthilfe für die Opfer

Eine Lufthansa-Sprecherin bestätigte indes einen „Tagesspiegel“-Bericht, wonach der Konzern den Angehörigen der Opfer eine Soforthilfe zahlen will. „Lufthansa zahlt bis zu 50.000 Euro pro Passagier zur Deckung unmittelbarer Ausgaben“, zitierte die Zeitung einen Germanwings-Sprecher. In der Nähe der Absturzstelle eröffnet Germanwings am Samstag ein Betreuungszentrum für Angehörige. In großen deutschen Tageszeitungen bekundeten die Lufthansa und ihre Tochter Germanwings den Hinterbliebenen der Absturzopfer ihre Anteilnahme mit ganzseitigen Anzeigen.

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