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„Extrem vorbildhaft“

Der Kunstrückgabebeirat der Republik empfiehlt keine Rückgabe des berühmten „Beethovenfries“ von Gustav Klimt. Diese am Freitag vom Beirat getroffene Entscheidung wurde nach der Sitzung am Vormittag bei einem Pressegespräch bekanntgegeben. Minister Josef Ostermayer (SPÖ) muss sich formal nicht an diese Empfehlung halten, will das jedoch tun.

Der Beirat hatte nach jahrelangen Verhandlungen und Prüfungen zu untersuchen, ob bei dem in der NS-Zeit beschlagnahmten und nach Kriegsende formell an Erich Lederer restituierten Kunstwerk ein enger Zusammenhang zwischen einem Ausfuhrverbot und einem später zustande gekommenen Ankauf durch die Republik Österreich bestand. Die Republik kaufte das Werk im Jahr 1972 um den ungewöhnlich niedrigen Preis von 15 Millionen Schilling - weil man den Erben keine andere Wahl ließ, wie deren Rechtsvertreter argumentierten.

Ostermayer verweist auf einstimmige Empfehlung

Ostermayer erklärte nach der Entscheidung des Beirats, er habe „vor dem Beschluss gesagt, dass ich mich an die Empfehlung halten werde - und das gilt natürlich jetzt genauso“. „Ich bin erleichtert, dass der Beschluss einstimmig erfolgt ist“, so Ostermayer außerdem. Er habe sich den präzise begründeten Beschluss angeschaut und spreche den hochrenommierten Experten sein völliges Vertrauen aus. Es zeige sich, dass Österreich „ein extrem vorbildhaftes Rückgabegesetz“ habe, an dem er auch nichts ändern wolle.

„Der Verlust hätte bedeutet, dass die Menschen in Österreich dieses extrem wichtige Werk nicht mehr im Untergeschoß der Secession hätten anschauen können. Das wäre natürlich ein Verlust für den Kunst- und Kulturstandort Österreich gewesen“, so Ostermayer weiter, ohne darauf einzugehen, wie die Republik zu dem Bild kam. Der Beirat hatte in seiner Argumentation gemeint, zweifellos habe sich die Republik gegenüber den ursprünglichen Eigentümern „schäbig“ verhalten, im konkreten Fall des „Beethovenfrieses“ sei das aber nicht zu belegen.

Legendäre Sammler der Zwischenkriegszeit

Das 1901 entstandene monumentale Wandgemälde, das als ein Hauptwerk des Wiener Jugendstils gilt, ist seit 1986 (wieder) in der Secession untergebracht und gehört zur Sammlung des Belvedere. Ursprünglich war das Werk nur als Teil der damaligen Beethoven-Gedenkausstellung in der Secession gedacht. Der Mäzen Carl Reininghaus kaufte und bewahrte das Kunstwerk jedoch. 1915 verkaufte er es schließlich über Vermittlung von Egon Schiele an den jüdischen Industriellen August Lederer und dessen Gattin Serena.

Die Sammlung Lederer ist als wichtigste und größte private Sammlung von Werken Klimts in die Kunstgeschichte eingegangen - der Künstler ging bei der Familie auch ein und aus. Teil der Familiensammlung waren außerdem zahlreiche Werke von Schiele, aber auch unschätzbarer Kunstwerke vergangener Epochen. August Lederer starb 1936, seine Frau Serena, treibende Kraft hinter dem Mäzenatentum der Familie, musste 1939 vor den Nazis nach Ungarn flüchten, wo sie 1943 starb.

Von den Nazis gestohlen

Der Großteil der Sammlung war bereits 1939 von den Nazis gestohlen worden. Schon während der Kriegsjahre stritten sich Profiteure und Museumsdirektoren um die besten Bilder. 1944 schließlich wurde die Sammlung mehrheitlich in das niederösterreichische Schloss Immendorf ausgelagert, wo eine unbekannte Zahl von unschätzbaren Kunstwerken verbrannte, nachdem abziehende SS-Einheiten das Schloss in Brand gesteckt hatten. Damit war das Unrecht, das der Sammlerfamilie angetan wurde, allerdings nicht zu Ende.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Zweite Republik widerrechtlich von den Nazis erlangte Kunstwerke nicht hergeben wollte. Mit vielen Sammlern wurden schmutzige Deals geschlossen: Unter Androhung, dass sie sonst gar nichts von ihrem Eigentum wiedersehen würden, wurden ihnen oder den Erben Schenkungen oder Billigstverkäufe an die Republik im Austausch gegen zumindest einige Werke ihrer Sammlungen schmackhaft gemacht. Zahlreiche andere Restitutionsfälle bekannter Kunstwerke belegen allzu oft entsprechende Vorgangsweisen auch lange nach 1945.

Beirat ohne Spielraum

Der Kunstrückgabebeirat hatte den Fall über Jahre hinweg verhandelt, revidiert und wieder neu verhandelt. Das Problem des Beirats war dabei auch, dass er sich nach dem Kunstrückgabegesetz richten musste. Dieses gilt für Kunstwerke im Besitz von staatlichen Museen und sieht - anders als etwa bei Privatmuseen und Stiftungen wie beispielsweise dem Wiener Leopold Museum - nicht die Möglichkeit finanzieller Einigungen und Ausgleichszahlungen vor. Nach dem Kunstrückgabegesetz ist ein Kunstwerk schlicht zurückzugeben. Oder eben nicht.

Start für Clinch zwischen Secession und Belvedere

Mit der Entscheidung des Beirats begann sich ein Streit zwischen Belvedere und Secession abzuzeichnen. Der Präsident der Secession, Herwig Kempinger, begrüßte die Entscheidung zwar ebenso sehr wie Belvedere-Direktorin Agnes Husslein-Arco. Kempinger meinte, nun könne der „Fries weiterhin an dem Ort, für den er geschaffen wurde, der Öffentlichkeit gezeigt werden“. Der Verbleib des Frieses in der Secession gewährleiste den kunsthistorischen Zusammenhang zwischen Haus und Werk. „Hier ist der schlüssigste Ort, um dieses wichtige Werk des Wiener Jugendstils zu präsentieren“, so Kempinger.

Das Werk müsse der Öffentlichkeit zugänglich bleiben - das müsse aber nicht die Secession sein, meinte wiederum Husselin-Arco: Der „derzeitige Aufstellungsort“ sei „in kunsthistorischer Hinsicht problematisch“ und berge „konservatorische Gefährdungspotenziale“: Man befürchte, dass „der Fries an seinem derzeitigen Standort langfristig Schaden nimmt“. Zielsetzung des Belvederes sei eine Lösung des „Standortproblems“ - wenn möglich in Kooperation mit dem Verein Secession.

Auch für Grüne „Sache vom Tisch“

Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) ließ in dem museumsinternen Clinch klare Sympathien erkennen: „Selbstverständlich“ sei die Stadt erfreut über die Entscheidung, „womit der Beethovenfries an seinem Ort in der Wiener Secession verbleiben kann“. Nun dürften die Anstrengungen hinsichtlich einer lückenlosen Restitution aller von den Nazis entwendeten Kunstgegenstände natürlich nicht nachlassen. Die Stadt Wien selbst habe „25.000 fragliche Erwerbungen (...) überprüft und davon 5.880 restituiert“.

Der Kultursprecher der Grünen im Nationalrat, Wolfgang Zinggl, zollte der Entscheidung des Kunstrückgabebeirats seinen Respekt, zumal dieser hohes Ansehen genieße: „Damit ist die Sache für mich vom Tisch.“

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