Themenüberblick

„Störende Eindringlinge“

Genf ist derzeit das Zentrum der Autobranche, und diese zeigt sich beim traditionellen Auftakt des europäischen Autojahres wie gewohnt von ihrer besten Seite. Etliche auf Hochglanz getrimmte neue Modelle und Prototypen reihen sich in den Ausstellungshallen. Geboten werden soll ein Blick darauf, wohin die Reise in Sachen Mobilität geht. Das Thema sorgt heuer aber nicht zuletzt für auffallend viel Gesprächsstoff abseits der gezeigten Premieren.

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Mit alternative Antrieben und zunehmender Vernetzung versuchen die Autokonzerne in diesem Bereich zwar durchaus jetzt schon zu punkten. Im Raum steht aber, dass es mit Assistenzsystemen wie Einparkhilfen, Abstandstempomaten und Spurwechselassistenten sowie dem einen oder anderem Elektro- bzw. Hybridmodell schon bald nicht mehr getan sein könnte. Kaum jemand rechnet zwar mit einem schnellen Durchbruch selbst fahrender Autos - allein die von der Autobranche mit Argusaugen verfolgte Entwicklung eines derartigen Fahrzeugs durch den IT-Konzern Google macht aber deutlich: Nicht nur das Thema an sich, auch die neue, bisher branchenfremde Kokurrenz wird von den herkömmlichen Autokonzernen ernst genommen.

„Schrittweise Realität“

Geht es nach dem Schweizer Autovisionär und Rinspeed-Chef Frank Rinderknecht, wird der Übergang vom traditionellen zum autonomen Fahren „schrittweise Realität“. Wie diese aussehen könnte, zeigt Rinspeed in Genf gleichzeitig mit dem vielbeachteten Konzeptauto „Budii“. Der bereits als „Europas Antwort auf das Google Car“ gefeierte Prototyp auf Basis des elektrisch angetriebenen BMW i3 ist dank „sensitivem Roboterarm“ nicht nur von Fahrer- und Beifahrerseite aus fahrbar - das „lernfähige“ und mit reichlich Technik ausgestattete Auto soll auch völlig autonom fahren können.

Budii im Autosalon in Genf

Reuters/Arnd Wiegmann

„Denkanstoß“ für selbst fahrende Fahrzeuge: der in Genf vorgestellte „Budii“

Über die Praxistauglichkeit ist derzeit noch wenig bekannt - der „Budii“ soll Rinderknecht zufolge in erster Linie aber ohnehin „Sinnbild und Denkanstoß“ sein. Beim selbst fahrenden Auto gehe es zudem „um mehr als die Lösung technischer Probleme und juristischer Fragen. Wir müssen die Beziehung zwischen Mensch und Maschine neu definieren, aber auch Fragen um Verantwortung, Toleranzen und Erwartungshaltungen in den Raum stellen“, wie Rinderknecht vom Branchenblatt „Auto-Reporter“ weiter zitiert wurde.

„Wir haben keine Angst“

Auf der Suche nach einem Weg in die Zukunft setzen unterdessen immer mehr Autokonzerne nicht zuletzt auf die Hilfe der an sich branchenfremden IT-Konzerne. Wenn beide Industriezweige enger zusammenwüchsen, böte dss ganz neue Möglichkeiten, sagte etwa Daimler-Chef Dieter Zetsche am Dienstag in Genf. Neben dem laufenden Google-Car-Projekt droht mittlerweile aber auch Apple zu einem direkten Konkurrenten zu werden. Die zuletzt immer lauter gewordenen Spekulationen über ein in Entwicklung befindliches Apple-Auto sorgen jedenfalls auch in Genf für reichlich Gesprächsstoff.

Google Auto auf der Straße

APA/EPA/Google

Das Google-Auto sucht man in Genf vergeblich - gesprochen wird darüber aber um so mehr

„Wir heißen jeden Wettbewerber willkommen, wir haben keine Angst“, zeigte sich etwa Zetsche betont zuversichtlich. Auch BMW-Chef Norbert Reithofer und VW-Konzernlenker Martin Winterkorn sprachen von einer begrüßenswerter Annäherung, dank der man nun Mobilität und Digitalität näher zusammenbringen könne. Reithofer rechnet aber auch damit, dass Apple und Google nun durchaus auch zu gewichtigen Konkurrenten heranwachsen werden. Winterkorn gab laut „Manager Magazin“ zudem zu bedenken: „Wenn die beiden vorhaben, Elektrofahrzeuge zu bauen, kann das schnell gehen.“

Zetsche erwartet „große Veränderungen“

Laut Zetsche habe man „momentan“ zwar noch „die gesamte Wertschöpfungskette in unserer Hand“. Durch das Vordringen der IT-Branche in das Geschäft der Autoindustrie stünden aber nun „große Veränderungen“ an, so Zetsche laut „Frankfurter Allgemeiner Zeitung“ („FAZ“) weiter. Man müsse das laut Reithofer sehr ernst nehmen und sich „darauf einstellen, dass Wettbewerber in Zukunft Autos bauen, die bisher noch nicht auf dem Markt waren“.

Der BMW-Chef verwies in diesem Zusammenhang auch auch auf Tesla. Der Elektroauto-Pionier aus den USA hat die herkömmlichen Autobauer nach Meinung von Experten mit seinen leistungsstarken Wagen erst dazu gebracht, sich ernsthaft mit der Elektromobilität auseinanderzusetzen. Der „sehr, sehr, sehr starken Marke“ Apple habe nicht nur laut Reithofer durchaus das Potenzial, eine ganze Branche umzukrempeln. Auch Fiat-Chef Sergio Marchionne sprach laut BBC etwa von einem „störenden“, aber ernstzunehmenden „Eindringling“.

Kooperationspartner als Konkurrent

Autos, so Reithofer weiter, seien aber auch sehr komplexe Gebilde, die von branchenfremden Unternehmen nicht ohne Weiteres gebaut werden könnten. Apple und Google werden sich von Aussagen wie diesen aber wohl wenig beeindrucken lassen. Nicht vergessen werden dürfe laut dem „Time“-Magazin vielmehr, dass die IT-Konzerne über eine prall gefüllte Kriegskasse verfügen. Allein aus diesem Grund wäre es auch laut Marchionne „töricht“, die derzeit noch in der Anfangsphase befindlichen Google- und Apple-Projekte einfach zu ignorieren.

„Es ist schon Drohpotenzial genug wegen der schieren Größe dieser Unternehmen“, sagte in diesem Zusammenhang auch der Analyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. Er sieht die Autopläne der IT-Riesen derzeit aber noch als „Versuchsballon“. Mit 178 Milliarden US-Dollar (159 Mrd. Euro) in der Kasse könnte Apple - zumindest theoretisch - aber auch fast jeden Autobauer der Welt samt Produktionsnetz gleich ganz übernehmen.

Milliarden für Forschung und Entwicklung

Die IT-Konzerne werden zudem auch als Kooperationspartner für die traditionellen Autokonzerne immer wichtiger. Didier Leroy, Europachef des derzeit weltgrößten Autobauers Toyota, machte in diesem Zusammenhang in Genf klar: „Wir wollen nicht nur der Lieferant einer leeren Kiste sein.“ Ob er denn das Risiko sehe, dass es so kommen könne? „Das hängt von den Kunden ab, was die unter Mobilität und Auto verstehen.“ Angst vor Apple habe er nicht. Aber: „Sie können sehr harte Konkurrenten in einigen Bereichen sein.“

Das Feld wollen die Autokonzerne jedenfalls nicht kampflos der drohenden Konkurrenz überlassen. Man werde nicht mit einer weißer Flagge ins Silicon Valley gehen, so Marchionne. Winterkorn verweist zudem auf jene 11,5 Mrd. Euro, die im vergangenem Jahr allein von Volkswagen in die Entwicklung neuer Fahrzeuge gesteckt wurden. Mit 46.000 Forschern und Entwicklern, darunter 10.000 IT-Experten, betrachte man sich laut „FAZ“ bei VW jedenfalls ausreichend gerüstet, um die Vernetzung von Autos und des autonomen Fahrens aus eigener Kraft voranzutreiben.

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