„Keine Anzeichen für Gewalteinwirkung“
Nach dem Ableben von Rachat Alijew, der am Dienstag erhängt in seiner Zelle in der Justizanstalt (JA) Wien-Josefstadt aufgefunden wurde, deutet alles auf Suizid hin. „Aufgrund des vorläufigen Obduktionsergebnisses gibt es keinen Hinweis auf Fremdverschulden“, teilte Gerhard Jarosch, stellvertretender Leiter der Staatsanwaltschaft Wien, am Mittwoch mit.
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Der Tote sei von einem erfahrenen Gerichtsmediziner obduziert worden, der bei der Leichenbeschau keine Anzeichen für eine äußere Gewalteinwirkung gefunden habe, so Jarosch weiter. Aus der Untersuchung der Zelle durch die Tatortgruppe des Wiener Landeskriminalamts sowie der Auswertung der Videobänder in der Justizanstalt hätten sich ebenfalls keine Anzeichen ergeben, dass Alijew von fremder Hand zu Tode gebracht worden wäre, gab Jarosch bekannt.
„Es wurden unverzüglich Untersuchungsmaßnahmen gesetzt“, hatte Behördensprecherin Nina Bussek bereits am Dienstag gesagt. Zuvor wurde seine Einzelzelle, in der in der Früh die Leiche entdeckt wurde, von einer Tatortgruppe des Landeskriminalamts untersucht. Auch der diensthabende Journalstaatsanwalt nahm an diesem Lokalaugenschein teil.
Toxikologisches Gutachten fehlt noch
Das Ergebnis eines toxikologischen Gutachtens, das grundsätzlich fixer Bestandteil justizieller Obduktionsgutachten ist, wird in einigen Tagen erwartet. Mit der Untersuchung des Blutes wäre nachweisbar, ob Alijew neben den Medikamenten gegen seine Herzerkrankung, die er in der Justizanstalt verschrieben bekommen hatte, zum Zeitpunkt seines Ablebens sonstige giftige Substanzen in sich hatte.
Keinen Hinweis gibt es vorerst auf ein Tagebuch, das Alijew in seiner Zelle geführt haben soll. Das habe für die Klärung der Todesursache aber auch nicht erste Priorität, so Jarosch. Das Wiener Landeskriminalamt (LKA) prüft zudem das „Häftlingsbuch“. Die Kriminalisten wollen klären, welche Besucher Alijew hatte.
„Eindeutig Selbstmord“
Die Leiterin der Justizanstalt, Helene Pigl, sieht sich durch das Obduktionsergebnis bestätigt. „Für mich war es eindeutig Selbstmord“, so Pigl am Mittwoch unter Hinweis auf Türstandsanzeigen. Diese Technik registriere jegliche Bewegungen des Zelleneingangs. Demnach habe sich die Tür zur Einzelzelle Alijews zuletzt am Montag um etwa 17.30 Uhr geschlossen, so Pigl. Der Ex-Diplomat wurde beim nächsten Öffnen am Dienstag um 7.20 Uhr in seiner Zelle mit Mullbinden auf einem Kleiderbügel erhängt aufgefunden, so Pigl weiter. Es sei also „eindeutig, dass er in dieser Zeit alleine war“.
Anwalt: Zeitpunkt „höchst auffällig“
Auch für die Vollzugsdirektion handelte es sich am Dienstag „eindeutig“ um Selbstmord. Alijews Verteidiger äußerten jedoch Zweifel an einem Suizid des 52-Jährigen und sprachen sogar von Mord. Anwalt Stefan Prochaska: „Die Vermutung ist, dass ihn jemand umgebracht hat.“ Der Zeitpunkt des Todes kurz vor Beginn der Hauptverhandlung gegen Alijew sei „höchst auffällig“. In den vergangenen Wochen und Monaten habe er viel Zeit mit seinem Mandanten verbracht, der alles andere als in Selbstmitleid zerflossen sei. „Er war eher der Fighter.“
Peter Prechtl, Leiter der Vollzugsdirektion, kann einer Mordtheorie nichts abgewinnen. „Es gibt keinerlei Anzeichen dafür", sagte Prechtl in der ZIB2. Um in eine Einzelzelle zu gelangen, müssten der oder die Mörder zuerst über den entsprechenden Schlüssel verfügen. „Und der ist ja nicht leicht zu bekommen“, so Prechtl.
Was hat sich im Haftraum abgespielt?
Um zu klären, was sich in Alijews Haftraum, der über Nacht verschlossen war, abgespielt hat, wurden auf Betreiben der Staatsanwaltschaft am Dienstag auch erste Einvernahmen durchgeführt. Befragt wurden „Personen, die als Auskunftspersonen infrage kommen könnten“, so Bussek. Leiter der Ermittlungen soll das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) sein.
Prechtl dazu: „Der gesamte Gangbereich ist videoüberwacht. Das entsprechende Material wurde bereits gesichtet und der Staatsanwaltschaft übergeben. Auch hier fänden sich keinerlei Anzeichen auf eine Straftat.“ Gegen eine Gewalteinwirkung von außen spreche auch, dass es keine Kampfspuren gegeben habe bzw. keinerlei entsprechende Geräusche aus der Zelle wahrgenommen worden seien. Jemanden lautlos und ohne Gegenwehr gegen seinen Willen zu erhängen, sei nur schwer vorstellbar. „Für uns ist es eindeutig ein Suizid, wie sie leider in Haftanstalten vorkommen. Auch wenn wir alles tun, um sie zu verhindern“, sagte Prechtl.
Hauptprozess startet vermutlich nach Ostern
Gegen Alijew wurde im Dezember Mordanklage eingebracht. Dem früheren Schwiegersohn des kasachischen Machthabers Nursultan Nasarbajew wurde die Tötung zweier Bankmanager in Kasachstan angelastet. Die Anwälte wiesen diese Vorwürfe stets zurück. Ungeachtet des Ablebens Alijews wird vermutlich nach Ostern der Prozess um die Entführung und Ermordung der zwei kasachischen Bankmanager im Straflandesgericht über die Bühne gehen. Nach dem Tod des ehemaligen kasachischen Botschafters in Wien wird jedoch die zentrale Figur in den von der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Wien umfassten Vorgängen fehlen.
Chefinspektor: Alijew lebte in Angst
Immer brisantere Details über das Alltagsleben Alijews im Gefängnis wurden bekannt. So soll er von zwei Mithäftlingen erpresst worden sein. Auch soll es Morddrohungen gegen ihn gegeben haben. Das sagte am Dienstag ein Chefinspektor der Polizei am Wiener Straflandesgericht, wo sich die beiden Mithäftlinge wegen Erpressung verantworten mussten. Bei diesem Prozess hätte auch Alijew als Zeuge aussagen sollen, doch wenige Stunden zuvor wurde er tot in seiner Zelle aufgefunden.
Der 52-jährige Alijew teilte nach seiner Inhaftierung im Sommer des vergangenen Jahres zunächst mit den zwei Mithäftlingen - einem schwer vorbestraften 41-Jährigen und einem 20-jährigen Burschen - eine Zelle. Auch nach seiner Verlegung in eine Einzelzelle soll Alijew von ihnen psychisch unter Druck gesetzt worden sein. Demnach habe man von ihm 3.000 Euro verlangt. Der Chefinspektor gab zu Protokoll, dass Alijew deshalb in ständiger Angst lebte. „Er war in Furcht und Unruhe und hatte die Befürchtung, dass die Drohungen wahrgemacht werden“ - mehr dazu in oesterreich.ORF.at.
Alijew soll Mithäftlingen 1.000 Euro gezahlt haben
Die Mithäftlinge hätten Alijew erklärt, dass es in der Justizanstalt „viele verrückte Leute“ gäbe. Wenn er, Alijew, überleben wolle, müsse er bezahlen, ansonsten könne ihn jemand während des Waschens im Duschraum (wo Alijew schließlich auch tatsächlich tot aufgefunden wurde) umbringen und das wie einen Selbstmord aussehen lassen. Die beiden sollen ihn derart eingeschüchtert haben, dass Alijew dem Älteren über seinen Anwalt 1.000 Euro zukommen ließ. Der Jüngere soll Alijew Schläge angedroht haben, um in den Besitz eines T-Shirts und einer Telefonwertkarte des 52-Jährigen zu gelangen.
Auch habe Alijew im Gefängnis laut dem Chefinspektor Tagebuch geführt. Dort soll er die ihm widerfahrenen Einschüchterungen auch aufgezeichnet haben. Er habe der Polizei dieses Tagebuch aber nicht zur Verfügung stellen wollen, hielt der Chefinspektor fest. Ob dieses Tagebuch nach dem Ableben Alijews in seiner Zelle sichergestellt werden konnte, ließ sich vorerst nicht klären.
Mithäftlinge bestreiten die Vorwürfe
Die Angeklagten stellten die Vorwürfe entschieden in Abrede. Er wäre aufgrund einer sprachlichen Barriere gar nicht in der Lage gewesen, Alijew einzuschüchtern, meinte der 41-Jährige. Alijew habe kaum Deutsch, er nicht Englisch gesprochen: „Ich hätte ihn nicht bedrohen können, ich hätte nicht mit ihm reden können.“ Die angebliche Zahlung von 1.000 Euro hätte Alijew freiwillig getätigt.
Wie ihr Verteidiger Nikolaus Rast bemerkte, hätte Alijew ein Motiv gehabt, die Männer fälschlicherweise zu belasten. Unter Verweis auf die angeblich erlittene Erpressung habe Alijew um seine Verlegung in eine Einzelzelle angesucht und das in weiterer Folge auch genehmigt bekommen.
Als Zeuge befragt wurde auch ein 31-jähriger Häftling, den Alijew angeblich gebeten hatte, ihn in seinem Haftraum „aufzunehmen“. „Er wollte nur raus aus der Zelle“, sagte der Mann unter Verweis auf die beiden Angeklagten. Alijew sei allerdings selbst „link“ gewesen: „Er wollte sich im Gefängnis mit allen Mitteln einen Namen machen. Er wollte auch mir Geld überweisen. Ich habe das immer dankend abgelehnt.“
„Schlechte Stimmung“ in der Zelle
Ein weiterer ehemaliger Häftling erinnerte sich, in der Zelle, in der Alijew zunächst mit den beiden Angeklagten gesessen sei, habe „eine sehr schlechte Stimmung“ geherrscht. Alijew sei ihm „eingeschüchtert“ vorgekommen: „Das hat man schon gespürt.“ Die Zellengenossen hätten Alijew offenbar auch bestohlen, gab der 49-Jährige an. So sei diesem ein Gürtel abhandengekommen. Seine Uhr habe Alijew wiederum „in der Zelle des Hausarbeiters in Sicherheit gebracht“.
Der Prozess mit Alijews Mithäftlingen wurde auf unbestimmte Zeit vertagt. Für Richter Norbert Gerstberger war es „eine Frage des Anstands“, den abschließenden Bericht der Justizanstalt zum Ableben Alijews beizuschaffen. Das Gericht möchte darüber hinaus noch weitere Zeugen hören.
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