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„Man muss in der Politik ein Ziel haben“

Der frühere deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker ist am Samstag im Alter von 94 Jahren gestorben. Das teilte das Bundespräsidialamt in Berlin mit. „Wir verlieren einen großartigen Menschen und ein herausragendes Staatsoberhaupt“, schrieb der amtierende Bundespräsident Joachim Gauck in einem Kondolenzschreiben an die Witwe Marianne Freifrau von Weizsäcker.

Der CDU-Politiker Weizsäcker war von 1984 bis 1994 Bundespräsident - er beeinflusste mit wegweisenden Reden das politische Klima in Deutschland und scheute auch nicht vor Konflikten mit Kanzler Helmut Kohl (CDU) zurück. Gemeinsam feierten sie am 3. Oktober 1990 die Deutsche Einheit im wiedervereinigten Berlin.

Richard von Weizsäcker bei der Vereidigung

APA/EPA/Horst Ossinger

1984 wurde Weizsäcker als deutscher Präsident angelobt

Weizsäcker wurde am 15. April 1920 als Sohn eines der ältesten deutschen Adelsgeschlechter geboren. Sein Studium in Oxford und Grenoble wurde 1938 vom Kriegsbeginn unterbrochen, bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 leistete er Militärdienst. Nach dem Krieg schloss Weizsäcker sein Studium ab und promovierte schließlich in Jura. 1954 trat er der CDU bei. Er arbeitete für Mannesmann, das Bankhaus Waldthausen und in den 60er Jahren schließlich für das Chemieunternehmen Boehringer in Ingelheim.

Von Helmut Kohl in die Politik geholt

Auf Vorschlag von Kohl, der sich Jahre später allerdings von Weizsäcker distanzierte, kam er 1966 in den CDU-Bundesvorstand. In den Bundestag zog Weizsäcker 1969 ein, wo er zum stellvertretenden Unionsfraktionschef aufstieg. Zu dem Zeitpunkt war er schon Vater von vier Kindern, 1953 hatte er Marianne von Kretschmann geheiratet. Das bezeichnete er später einmal als die „beste und klügste Entscheidung meines langen Lebens“.

1984 wurde Weizsäcker in der Bundesversammlung mit 80,0 Prozent der Stimmen gewählt, bei der Wiederwahl 1989 bekam er mit 84,9 Prozent eines der bisher besten Wahlergebnisse. Vor seiner Zeit als Bundespräsident war der in Stuttgart geborene Weizsäcker unter anderem Regierender Bürgermeister von Berlin (1981 bis 1984).

Kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit

Nach seinem Amtsantritt hatte er versprochen, „Präsident aller Bürger“ sein zu wollen. Als ein wichtiger Markstein seiner Amtszeit gilt die Rede vom 8. Mai 1985 zum 40. Jahrestag des Kriegsendes, in der er sich ohne Beschönigung mit den deutschen Verbrechen der Nazi-Zeit auseinandersetzte. Er bezeichnete den Tag des Kriegsendes und den Zusammenbruch des Nazi-Regimes als „Tag der Befreiung“.

Weizsäcker räumte auch mit dem Mythos auf, die Ermordung von Millionen Juden sei im Verborgenen geschehen. „Wer seine Augen und Ohren aufmachte, wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, dass Deportationszüge rollten“, sagte er. Vielleicht habe die Phantasie der Menschen nicht ausgereicht, um Art und Ausmaß der Vernichtung zu erkennen. Allzu viele Menschen aber hätten bewusst weggeschaut und zu den Verbrechen der Nationalsozialisten geschwiegen. „In Wirklichkeit trat zu den Verbrechen selbst der Versuch allzu vieler (...), nicht zur Kenntnis zu nehmen, was geschah“, rügte der ehemalige Bundespräsident. „Es gab viele Formen, das Gewissen ablenken zu lassen, nicht zuständig zu sein, wegzuschauen, zu schweigen.“

Als Offizier im Zweiten Weltkrieg

Weizsäcker selbst wurde immer wieder für sein eigenes Verhalten in der Vergangenheit kritisiert, unter anderem dafür, dass er in Hitlers Armee kämpfte. Bei den Nürnberger Prozessen 1948 und 1949 verteidigte der junge Rechtsanwalt auch seinen Vater Ernst, der zwischen 1938 und 1943 im Außenministerium der Nazi-Regierung gearbeitet hatte und Mitglied der SS war. Weizsäcker rechtfertigte sich mit der Aussage, er habe als Offizier stets nach seinen eigenen Prinzipien gehandelt und seine untergebenen Soldaten keine Befehle der Nazi-Führung ausführen lassen, die er unmenschlich gefunden habe.

Zum zehnten Jahrestag der Wiedervereinigung war Weizsäcker im Jahr 2000 einer der wenigen deutschen Politiker, die sich offen kritisch über die Entwicklung äußerten. Die Westdeutschen zeigten zu wenig Respekt gegenüber den Ostdeutschen, deren mutige Opposition die Diktatur gestürzt habe, fand der Politiker. Die deutsche Gesellschaft sei noch immer gespalten. Im gleichen Jahr führte Weizsäcker eine nach ihm benannte Kommission der Regierung zum Umbau der deutschen Bundeswehr. Führende Politiker seiner eigenen CDU kritisierten ihn damals für die Empfehlung, die Gesamtstärke der Truppe radikal zu verkleinern und die Wehrpflicht zu verkürzen.

Engagement für Frieden in Europa

Auch nach dem Ausscheiden aus dem Amt blieb Weizsäcker weltweit ein gefragter Mann - sei es in der Kommission zur Reform der UNO, sei es als Mahner für eine Welt ohne Atomwaffen. Unzählige Auszeichnungen unterstreichen seine hohe internationale Reputation. Zu seinem 90. Geburtstag schrieb Kanzlerin Angela Merkel: „Mit Würde, Augenmaß und Umsicht haben Sie schon jetzt einen bedeutenden Platz in der politischen Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gefunden.“

Heute noch werden seine Nachfolger mit ihm verglichen - ein schweres Erbe. „Man muss in der Politik ein Ziel haben“, war eine seiner Maximen. Seine Generation, die den Zweiten Weltkrieg erlebt hat, habe die Aufgabe gehabt, sich den damaligen Gegnern wieder zu nähern. Das gipfelte am Ende in der Wiedervereinigung. Unter anderem deswegen bezeichnete Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher ihn einmal als „Glücksfall für unser Land“.

Richard von Weizsäcker mit US-Präsident Ronald Reagan

APA/EPA/Martin Athenstaedt

Weizsäcker mit US-Präsident Ronald Reagan und Bundeskanzler Helmut Schmidt

„Er kann zum Volk reden und gleichzeitig doch einen Saal voller Professoren fesseln“, beschrieb Altbundeskanzler Helmut Schmidt das Charisma Weizsäckers in einer ARD-Reportage. Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger (1973 bis 1977) nannte ihn hier einen Mann, „der die besten Werte seines Landes repräsentiert“.

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