Zugeständnisse als Wahlzuckerl?
Wer nach der überraschenden Entscheidung der Schweizer Notenbank, den Franken nicht mehr an den Euro zu binden, Verluste oder Zusatzkosten realisieren muss, wird sich erst in den kommenden Wochen und Monaten zeigen. Unter ihnen dürften auch prominente „Opfer“ wie Goldman Sachs oder Deutsche Bank sein.
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Auf politischer Ebene sind vor allem die Auswirkungen in Mittel- und Osteuropa von Interesse - für Österreich umso mehr, als dies einer der wichtigsten Märkte, etwa auch für die heimischen Banken, ist. Die Raiffeisen-Aktie etwa bekam die Franken-Aufwertung unmittelbar zu spüren und fiel vorübergehend sogar unter die Zehn-Euro-Marke.
Die größten Folgen könnte der Franken-Auftrieb laut dem britischen Wirtschaftsmagazin „Economist“ in Polen haben. In der größten Volkswirtschaft der „neuen“ EU-Mitgliedsländer stehen im Herbst Parlamentswahlen an.
Polen zahlen Raten
Derzeit würden polnische Kreditnehmer ihre Raten pflichtgemäß zahlen, nur drei Prozent der ausstehenden Kredite seien im Verzug, so das Magazin. Selbst wenn diese Zahl nun steigen sollte, würde das nicht ausreichen, das polnische Bankensystem ernsthaft ins Wanken zu bringen. Auch die allgemeine Wirtschaftsentwicklung - für heuer ist ein Wachstum von 3,5 Prozent prognostiziert - werde nicht ernsthaft betroffen sein.
Allerdings erwartet der „Economist“, dass die Aktienkurse jener Banken, die Franken-Krediten „aggressiv verkauften“, gebeutelt werden. Besonders hebt das Magazin aber hervor, dass der teure Franken politische Wellen schlagen könnte. Wenn die Schweizer Währung stark bleibe, bringe das die rund 550.000 betroffenen polnischen Haushalte stark unter Druck, wenn ihre Raten in die Höhe schnellen sollten.
Verführung für Politik
Die oppositionelle Partei Recht und Gerechtigkeit von Jaroslaw Kaczynski habe sich bereits in der Vergangenheit dafür starkgemacht, die Kreditnehmer vor den Folgen ihrer Entscheidung zu beschützen. „Solche Aufrufe werden wahrscheinlich zunehmen, je näher die Parlamentswahlen rücken“, so der „Economist“. Aktuelle Umfragen würden Kaczynskis Partei Kopf an Kopf mit der regierenden Bürgerplattform sehen. Jeder Schachzug, der einer Partei einen Vorteil verschafft, „wird verführerisch“. „Keine politische Geste ist populärer als ein Zugeständnis an Hausbesitzer“, so das Magazin. Banken, die in Polen Franken-Kredite vergaben, würden die Umfragen in nächster Zeit mit Interesse verfolgen.
Ungarn schaffte Absprung
Anders stellt sich die Situation in Ungarn dar: Für die Ungarn erwies sich im Nachhinein der aggressive Ausstieg aus den Franken-Krediten als Segen. Die Banken, darunter viele in österreichischem Besitz, wurden von der Regierung Viktor Orban gezwungen, Hunderttausende Privatkredite von Fremdwährung (in der Regel Franken) auf Forint umzustellen. Die Kosten dafür mussten großteils die Banken zahlen. Das Franken-Problem in Ungarn ist dadurch überschaubar und trifft die schwache Wirtschaft nicht. Rumänen nahmen Kredite meist in Euro auf. In Kroatien wies die Finanzmarkaufsicht die Banken vor zwei Jahren an, Franken- in Kuna-Kredite umzuwandeln. Und die drei baltischen Staaten waren ebenfalls Euro-Anhänger und sind mittlerweile allesamt Mitglieder der Euro-Zone.
Jordan verteidigt Wechselkursentscheidung
Der Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB), Thomas Jordan, sieht unterdessen in den heftigen Marktbewegungen nach der Aufhebung des Mindestwechselkurses für den Schweizer Franken eine Überreaktion. In einem am Samstag von den Zeitungen „Neue Zürcher Zeitung“ und „Le Temps“ veröffentlichten Interview sagte Jordan, der Franken sei gegenüber dem Dollar stark überbewertet. Der Markt werde „nach und nach“ feststellen, dass diese Überbewertung „nicht gerechtfertigt“ sei. Es werde aber „einige Zeit“ dauern, bis die Märkte zu „geordneten Verhältnissen“ zurückkehrten.
Der Nationalbank-Präsident verteidigte die überraschende Entscheidung der SNB vom Donnerstag, den Mindestwechselkurs aufzuheben. Das habe zwar nun für viele „schmerzhafte Folgen“, und es gebe „Unmut“, aber irgendwann hätte der Mindestkurs ohnehin wieder aufgehoben werden müssen.
Wirtschaft soll nicht überreagieren
Der vor rund drei Jahren in einer „Phase extremer Verwerfungen“ eingeführte Mindestkurs zum Euro leistete der Schweiz Jordan zufolge „große Dienste“. Dadurch sei ein Teil der „massiven Überbewertung“ des Franken korrigiert worden. Die Wirtschaft habe Zeit bekommen, sich auf einen starken Franken einzustellen. Er vertraue darauf, „dass die Wirtschaft jetzt nicht überreagiert“, fügte Jordan hinzu.
Nach der Aufhebung des Mindestwechselkurses war der Kurs des Franken gegenüber anderen Devisen augenblicklich in die Höhe geschossen. Damit wurden Schweizer Waren in anderen Ländern mit einem Schlag teurer.
Angesichts eines anhaltenden Höhenflugs des Franken hatte die Schweizer Nationalbank 2011 die Notbremse gezogen und den Mindestwechselkurs von 1,20 Franken für einen Euro festgelegt. Das hatte es Schweizer Unternehmen ermöglicht, von ausländischen Käufern feste und nicht zu hohe Preise zu verlangen.
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