Themenüberblick

Die „ewigen Götter“ der Literatur

Am 18. April wird das erste Museum eröffnet, in dem, wie es heißt, die „ganze Vielfalt österreichischer Literatur vom Ende des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart“ vermittelt wird: das neue Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek in der Wiener Johannesgasse.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Franz Grillparzer war ein Leidender - Franz Kafka schrieb in einem Brief an seine Verlobte Felice Bauer: „Daß sich in Wien ordentlich leiden läßt, das hat Grillparzer bewiesen.“ Und wo litt Grillparzer ganz besonders? Genau dort, wo jetzt das Literaturmuseum beheimatet ist: „Hier sitz ich unter Faszikeln dicht, Ihr glaubt verdrossen und einsam, und doch, vielleicht, das glaubt Ihr nicht, mit den ewigen Göttern gemeinsam“ - so geschrieben in jenem Raum, der heute als Grillparzer-Zimmer zu besichtigen ist.

Grillparzer war von 1832 an 24 Jahre lang der Archivdirektor der k. u. k. Hofkammer, aus dem später das Finanzministerium hervorging. An einem Stehpult soll er dort Teile seiner Dramen verfasst haben. Heute ist in dem Gebäude, das die Hofkammer seit dem 16. Jahrhundert beherbergt hat, ein Teil des Staatsarchivs untergebracht. Aus konservatorischen Gründen waren aus einem Teil des Hauses historische Akten abgesiedelt worden.

Der Amtsschimmel darf weiterreiten

Bernhard Fetz, der Nachfolger Wendelin Schmidt-Denglers an der Spitze des Literaturarchivs der Nationalbibliothek, verfolgte deshalb seit Jahren den Plan, dort ein Literaturmuseum unterzubringen. Leicht war das Unterfangen nicht, wie er im Gespräch mit ORF.at erzählt. Denn nicht nur das Haus, sogar die Regale der Hofkammer sind denkmalgeschützt. Das Museum musste also mit der bestehenden Einrichtung auskommen, lediglich ein paar Regale durften entfernt werden, weil sonst überhaupt kein Raumgefühl aufgekommen wäre.

Literaturmuseum in Wien

ORF.at/Zita Köver

Denkmalgeschützte Regale - gefüllt mit Literatur statt mit Finanzakten

Nicht einmal eine Schraube durfte in die Regale gedreht werden, die in den hohen, langgezogenen Räumen bis zur Decke reichen. Trotzdem ließ sich unter diesen Gegebenheiten eine moderne Ausstellung mit multimedialen Elementen machen. Hörstationen, Videos und Schaukästen mit Originaldokumenten wie Manuskriptseiten und Briefen finden sich da - neben zahlreichen Büchern, hervorgehobenen Zitaten und Fotografien. Es ist gerade der leicht verschrobene, verschachtelte Amtscharakter, der dem Museum seinen Charme verleiht.

Museale Kanonisierung?

Am Mittwoch wurde zunächst nur eines der drei Stockwerke vor Medienvertretern präsentiert. Erster Weltkrieg, Austrofaschismus, Zweiter Weltkrieg, die ersten Jahre der Zweiten Republik, der Ausbruch aus verstaubten Strukturen, der Kalte Krieg - es sind historische Bruchlinien, anhand derer die Ausstellung aufgebaut ist. In einem ersten Rundgang fallen etwa „Schreine“ für Robert Musil, Thomas Mann, die Wiener Gruppe, Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard und Peter Handke ins Auge. Braucht es denn diese museale Kanonisierung mit Reliquien der immer gleichen Säulenheiligen? Fetz widerspricht vehement - und das gleich in mehrerlei Hinsicht.

Bernhard Fetz, Leiter des Österreichischen Literaturarchvs

ORF.at/Zita Köver

Bernhard Fetz, Leiter des Literaturarchivs

Erstens müsse man den Begriff des Kanons mittlerweile infrage stellen. Als Leiter des Literaturarchivs könne Fetz versichern: Von Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ werde bestenfalls - wenn überhaupt - der Titel gekannt. In der Schule lese man das Werk nicht, und selbst viele Literaturstudenten würden es nicht kennen. Soll heißen: Viele Schriftstellerinnen, Schriftsteller und Werke des sogenannten Kanons könne man getrost wie „Entdeckungen“ vorstellen.

Und zweitens seien beileibe nicht nur „große Namen“ vertreten. Als Beispiel nennt er Alfred Kneucker, dessen Biografie er exemplarisch und kulturhistorisch interessant nennt. 1939 wanderte Kneucker über London nach Schanghai aus, um Jahre später schließlich in den USA zu landen. Gezeigt werden in dem neuen Literaturmuseum im Grillparzerhaus etwa seine Reisedokumente.

Offenes Literaturhaus

Überhaupt, so Fetz, versuche man dem rein musealen Charakter auch durch die Programmierung des Museums zu entkommen. Zahlreiche Veranstaltungen und Führungen für Schüler inklusive Autorenlesungen soll es geben. Neben der Dauerausstellung werden sich thematische Schauen schwerpunktmäßig mit jüngerer und unbekannterer Literatur beschäftigen. Lesungen sind selbstverständlich auch für das größere Publikum geplant.

Literaturmuseum in Wien

ORF.at/Zita Köver

Thomas Bernhard - vom Beelzebub zum Säulenheiligen

All zu lange durften Journalisten am Mittwoch noch nicht im Museum verweilen. Auf den ersten Blick lässt sich vermuten, dass die Dauerausstellung zum Schmökern einlädt, zum Stehenbleiben, zum Einordnen der eigenen Lektüren in das größere Ganze. Wer nur rasch durchgeht, hat wenig davon. Literaturarchivdirektor Fetz sagt, dass die Ausstellung auch für Experten Besonderheiten birgt - besonders, was die Hörstationen betrifft.

Neue Leser für „den Mann“

Alle anderen können sich zum Nachholen von Versäumtem inspirieren lassen. Vielleicht nimmt ja der eine oder die andere doch noch den „Mann ohne Eigenschaften“ zur Hand, der bisher nur zur Zierde im heimatlichen Regal gestanden war. Bei aller Didaktik und Bemühung wird aber auch in Zukunft im Grillparzerhaus gelitten werden - und zwar von zwangsbeglückten Schülern, die sich für nichts außerhalb des eigenen Tablets interessieren. Wenigstens müssen sie nicht wie Grillparzer über 20 Jahre lang ausharren.

Simon Hadler, ORF.at

Link: