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„Sensibler mit historischem Ort umgehen"

Im Vorjahr hat die westdeutsche Stadt Schwerte (Nordrhein-Westfalen) eine dezentrale Unterbringung von Asylwerbern beschlossen: Soweit es möglich ist, sollen Asylwerber in Wohnungen oder kleinen Unterkünften unterkommen. Im Zuge dessen stießen die Verantwortlichen auf Räumlichkeiten eines ehemaligen Außenlagers des Konzentrationslagers Buchenwald.

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Am Dienstag besichtigten Mitglieder des Stadtrates und der Verwaltung den möglichen Unterbringungsort. Während des Zweiten Weltkriegs soll der Bereich Lageraufsehern als Waschbaracke gedient haben. Angegliedert ist der kleine Bereich an das in der NS-Zeit größte Ausbesserungswerk der deutschen Reichsbahn - Ende der Zweiten Weltkriegs waren in dem Außenlager Hunderte Zwangsarbeiter aus Buchenwald (Thüringen) untergebracht.

Stadt sieht pragmatische Lösung

Etwa zwei Dutzend Flüchtlinge sollen laut Medienberichten in der Baracke unterkommen, die zuletzt bereits mehrfach als Domizil diente. Genau das ist die Argumentation aus Sicht der Stadt: Stadtsprecher Carsten Morgenthal versicherte gegenüber dem Magazin „Spiegel“, dass in dem Gebäude nie Lagerhäftlinge untergebracht worden seien. Es handle sich um eine pragmatische Lösung, irgendwo müssten die Asylwerber schließlich unterkommen.

Baracke der SS-Wachen in Buchenwald

Reuters/Ina Fassbender

Die Baracke war Teil der Außenstelle Schwerte-Ost des KZ Buchenwald

Doch gerade in Bezug auf die Unterbringung von Flüchtlingen wirft die Vergangenheit einen sehr dunklen Schatten, wie viele Kritiker meinen: Der nordrhein-westfälische Flüchtlingsrat wirft den Verantwortlichen unsensibles Verhalten vor und spricht sich für eine Containerlösung aus. Die Pläne riefen „böse Erinnerungen und unheilvolle Bilder“ hervor, sagte die Geschäftsführerin des nordrhein-westfälischen Flüchtlingsrates, Birgit Naujocks, gegenüber dem MDR.

„Befremdlich und pietätlos“

Der Vorstoß sei bedenklich und befremdlich. „Wir haben Verständnis dafür, dass mancherorts Notlösungen gefunden werden müssen.“ Sie verstehe aber nicht, warum die Stadt nicht lieber Container aufstelle, ergänzte Naujocks. „Wir haben Verständnis (für) Ausweichmöglichkeiten (...). Aber ein ehemaliges KZ finden wir befremdlich und pietätlos“, sagte Antonia Kreul, Referentin beim Flüchtlingsrat der Zeitung „Welt“.

„Man sollte sensibler mit einem historischen Ort umgehen. Ein ehemaliges KZ steht für eine menschenverachtende Internierungspraktik“, kritisiert sie. An so einem Ort schutzbedürftige Menschen unterzubringen sei unsensibel. Die Stadt argumentiert wiederum, dass die Baracken schon seit Ende des Zweiten Weltkriegs für unterschiedliche Zwecke genutzt wurden: zunächst als Unterkunft für Kriegsversehrte, dann als Lagerhalle. Auch beheimatete das Gebäude einen Waldorf-Kindergarten, zuletzt befand sich darin ein Atelier.

Konzentrationslager Buchenwald

APA/dpa/Martin Schutt

Das Tor zum Konzentrationslager Buchenwald

Doch diesen Umstand wollen die Kritiker nicht gelten lassen: „Auch wenn diese SS-Wachbaracke in der Vergangenheit schon öfter für andere Zwecke genutzt wurde, sollte sich daraus kein Automatismus ableiten, dies auch in Zukunft zu tun“, so Christine Glauning, Leiterin des Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin im „Spiegel“. „Es handelt sich hier nicht um einen normalen, beliebigen Ort, sondern um einen Ort von Ausbeutung, Unterdrückung und entgrenzter Gewalt.“

Kein Kommentar von Politikern

Es sei schwer vorstellbar, dass Flüchtlinge, die genau aus solchen Gründen gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen und alles zurückzulassen, an so einem Ort untergebracht würden, so Glauning weiter. Kommentieren wollten Politiker und Beamte den Plan zunächst nicht. Am Rande des Besichtigungstermins hieß es, Bürgermeister Heinrich Böckelühr werde am Freitag während einer Pressekonferenz dazu Stellung nehmen.

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