„Ich sah tote Kinder und Frauen“
Nach Tagen der Flucht durch Busch und Wildnis haben erste Überlebende des Boko-Haram-Massakers in der Stadt Baga sichere Zufluchtsorte erreicht. Ihre Augenzeugenberichte sind die ersten authentischen Schilderungen des Überfalls der islamistischen Terroristen. Befürchtungen, der Rachefeldzug der sektiererischen Miliz könnte Hunderte, wenn nicht Tausende Tote gefordert haben, scheinen berechtigt.
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Die im Nordosten des Landes gelegene Stadt hatte Milizen gegen Boko Haram aufgestellt, nachdem die Armee von den Terroristen zu Jahresbeginn von ihrem dortigen Stützpunkt vertrieben worden war. Boko Haram wollte daraufhin offenbar ein Exempel statuieren. Der 55-jährige Bauer Yahaya Takakumi sagte gegenüber der Zeitung „Premium Times“, er habe in der Gegend um den Tschad-Seee endlose Reihen toter Körper gesehen. Die Menschen dort seien „wie Insekten“ getötet worden.
Militär schickte nie versprochene Hilfe
Takakumi, der selbst nichts über den Verbleib seiner gesamten Familie weiß, berichtete außerdem, dass sich die Boko-Haram-Terroristen im Hinterhalt auf die Lauer gelegt hätten, um Flüchtende zu töten. Alle, die den naheliegenden Wasserweg für ihre Flucht gewählt hätten, seien tot. Er selbst überlebte nach einem viertägigen Marsch durch die Wildnis bis nach Maiduguri, die Hauptstadt des nigerianischen Bundesstaates Borno. Der 25-jährige Lkw-Fahrer Ibrahim Gambo bestätigte Takakumis Schilderungen.
Gambo, der sich selbst der Widerstandsmiliz angeschlossen hatte, sah auf seiner Flucht „viele tote Körper, manche in Gruppen und manche einzeln im Busch. Ich sah tote Kinder und Frauen und sogar eine schwangere Frau, der der Bauch aufgeschlitzt worden war.“ Die Attacke begann am 3. Jänner. Die zivile Widerstandsmiliz hatte zuvor Hilfe vom nigerianischen Militär angefordert. Die versprochene Verstärkung war jedoch ausgeblieben.
Vermutungen über bis zu 2.000 Ermordete
Über das Massaker von Baga hatte es bisher keine authentischen Schilderungen gegeben. Sowohl UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon als auch die USA und andere Länder hatten die Tat jedoch bereits nach dem Auftauchen erster Gerüchte über bis zu 2.000 Getötete verurteilt. Die nigerianische Regierung sprach hingegen am Montagabend in ihren ersten Angaben über Opferzahlen von lediglich 150 Opfern, wobei getötete Terroristen schon mitgezählt seien.
Das nigerianische Verteidigungsministerium wies höhere Opferzahlen aus Baga als die offiziellen als „Spekulationen and Mutmaßungen“ zurück, wohl aus politischen Gründen. Auch der immer weiter ausufernde Terror von Boko Haram - erst am Wochenende mit weiteren Selbstmordattentaten, für die junge Mädchen als Bombentransporteurinnen missbraucht wurden - steht im Zusammenhang mit der Präsidentschaftswahl in Nigeria am 14. Februar.
Terror als bewusstes Mittel zur Wahlbeeinflussung
Die Terrormiliz will vor der Wahl demonstrieren, dass sie - und nicht Präsident Goodluck Jonathan - das Land dominiert. Aus Angst, so das Kalkül dahinter, könnten viele Menschen bei der Wahl Jonathans muslimischen Herausforderer Muhammadu Buhari wählen, weil sie ihm eher einen Dialog mit Boko Haram zutrauen, der den Terror endlich stoppen könnte. Er hatte Nigeria schon von 1983 bis 1985 nach einem Militärputsch geführt und nach Meinung vieler gerade in den damaligen Jahren den Grundstein für das jetzige Chaos im Land gelegt.
Inzwischen erreicht der Terror von Boko Haram bisher selbst für deren Maßstäbe noch nie dagewesene Dimensionen. Unter all den tödlichen Attacken der Gruppe in den letzten Jahren sei der Angriff auf Baga wohl der mit der höchsten Opferzahl gewesen, glaubt Daniel Eyre, der örtliche Vertreter der Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Seinen Informationen nach hat sich in Baga seit dem 3. Jänner nichts geändert: Die Miliz habe die Stadt „unverändert unter ihrer Kontrolle“. Man arbeite jedoch „noch immer daran, herauszufinden, was genau dort passiert ist“.
Kamerun vermeldet Erfolg bei Abwehr
Nigerias Nachbarland Kamerun kann sich demgegenüber erfolgreich den Angriffen von Boko Haram, die immer öfter auch die Landesgrenzen Nigerias überschreiten, widersetzen. Bei Angriffen der nigerianischen Islamistengruppe auf einen Militärstützpunkt in Kamerun wurden nach Angaben der kamerunischen Regierung mehr als 140 Islamisten getötet. Insgesamt seien 143 Terroristen und ein kamerunischer Soldat bei dem Angriff auf den Armeestützpunkt in Kolofata getötet worden, sagte Kommunikationsminister Issa Tchiroma Bakary am Montag.
Vier weitere Soldaten seien verletzt worden. Zudem seien Waffen in bedeutendem Umfang beschlagnahmt worden, sagte Bakary, der zugleich Regierungssprecher ist. Die islamistischen Milizionäre hatten sich in den vergangenen Tagen im Norden Kameruns wiederholt Kämpfe mit der kamerunischen Armee geliefert. Die Streitkräfte setzten dabei auch Flugzeuge ein. Boko Haram will nach Art der Gruppe Islamischer Staat (IS) mehrere Länder oder Landesteile zu einem islamistischen Kalifat zusammenschließen.
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