Themenüberblick

Europas 9/11?

Zahlreiche Kommentatoren greifen nach dem Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ in Paris, bei dem unter anderem der Chefredakteur und vier Cartoonisten von islamistischen Attentätern ermordet wurden, zu martialischen Worten: Man müsse den Krieg gegen die Fanatiker mit aller Härte führen. Extremisten müsse man „vom menschlichen Nachschub abschneiden“.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Und schnell erklärten viele das Pariser Attentat zum europäischen 9/11 - also jenem doppelten Attentat von Al-Kaida in New York und Washington am 11. September 2001. Die Analysen und Kommentare gehen in viele Richtungen und haben eigentlich nur einen gemeinsamen Nenner: dass das Attentat von Paris ein Angriff auf die Demokratie und das westliche Gesellschaftsmodell ist. Neben hartem Durchgreifen, wie es unmittelbar nach der Bluttat bereits von der politischen Rechten laut gefordert wurde, wird auch eine Rückbesinnung auf die Werte des westlichen Modells eingemahnt - und ein offenerer und kritischerer Umgang mit dem Islam.

Nicht zuletzt betonen zahlreiche Medien die zentrale Bedeutung von Humor und Satire - gerade nach dem Attentat. Der britische „Independent“ machte es auf dem Cover vor - und das deutsche Satiremagazin „Titanic“ greift zum äußersten Mittel und schreibt in ernsten Worten über Terror und Humor.

„Le Figaro“, Paris, 8. Jänner 2015

Uns wurde der Krieg erklärt: der Krieg des islamischen Fanatismus gegen den Westen, gegen Europa und gegen die Werte der Demokratie. Uns muss klar sein: Wenn heute Frankreich im Visier der Verrückten Allahs steht, dann waren es vorher andere Länder, und morgen werden es weitere Staaten sein.

Zu lange sind wir im Namen eines irregeleiteten Humanismus unseren schlimmsten Feinden entgegengekommen. Wir müssen gegen diese Fanatiker hart durchgreifen, die sich offen gegen unser Land und unsere Sicherheit verschwören. Wenn es Krieg gibt, muss man ihn gewinnen. (...)

Salman Rushdie („Satanische Verse“) via PEN-Club, London

Religion, eine mittelalterliche Form von Unvernunft, wird in Kombination mit modernen Waffen zu einer echten Bedrohung für unsere Freiheit. Dieser religiöse Totalitarismus hat zu einer tödlichen Mutation im Herzen des Islam geführt, und wir sehen heute in Paris die tragischen Folgen davon. Ich stehe an der Seite von „Charlie Hebdo“, wie wir das alle tun müssen, um die Kunst der Satire zu verteidigen, die immer eine Kraft für Freiheit und gegen Tyrannei, Unaufrichtigkeit und Dummheit war. „Respekt vor dem Glauben“ ist zu einem Code für „Angst vor der Religion“ geworden. Religionen verdienen so wie alle anderen Ideen Kritik, Satire und ja, auch unsere furchtlose Respektlosigkeit.

„New Yorker“ (Onlineausgabe)

Die Morde in Paris sind nicht das Resultat von Frankreichs Fehler, zwei Generationen muslimischer Einwanderer aus seinen Ex-Kolonien zu integrieren. Bei den Morden geht es auch nicht um die französische Beteiligung am Militäreinsatz gegen den IS oder die US-Invasion im Irak. Sie sind nicht Teil einer allgemeinen Welle nihilistischer Gewalt in einem wirtschaftlich darniederliegenden, gesellschaftlich atomisierten und moralisch ausgehöhlten Westen - quasi eine Pariser Version von Newtown und Oslo. Am wenigsten sollten sie als Reaktionen auf eine Geringschätzung der Religion durch unverantwortliche Cartoonisten verstanden werden.

Sie sind vielmehr der letzte Schlag einer Ideologie, die seit Jahrzehnten versucht, durch Terror Macht zu erlangen. Es ist dieselbe Ideologie, die Salman Rushie dazu zwang, sich ein Jahrzehnt lang wegen des Todesurteils für das Verfassen eines Romans zu verstecken, die dann seinen japanischen Übersetzer ermordete und seinen italienischen Übersetzer und norwegischen Herausgeber zu ermorden versuchte. Es ist dieselbe Ideologie, die am 11. September 2001 3.000 Menschen in den USA ermordete. Die Theo van Gogh 2004 auf Amsterdams Straßen für das Produzieren eines Films schlachtete. Die Massenvergewaltigung und Gemetzel in die Städte und Wüsten von Syrien und dem Irak brachte. Die 132 Kinder und 13 Erwachsene letzten Monat in einer Schule in Peshawar massakrierte. Die regelmäßig so viele Nigerianer tötet, vor allem junge, dass kaum jemand Notiz davon nimmt.

Weil diese Ideologie das Produkt einer großen Weltreligion ist, wird auf vielfache Weise versucht zu erklären, was die Gewalt mit dem Islam zu tun hat - oder nicht. Einige gutmeinende Menschen bewegen sich auf Zehenspitzen rund um die Verbindung zum Islam und behaupten, dass das Hinschlachten nichts mit dem Glauben zu tun hat oder dass der Islam eine friedliche Religion sei oder dass die Gewalt höchstens eine „Verzerrung“ der großartigen Religion sei. Andere wollen die Schuld allein der islamischen Theologie in die Schuhe schieben, als ob andere Religionen grundsätzlich friedlicher wären - eine Behauptung, die die Geschichte und die Schriften Lügen strafen.

Eine Religion besteht nicht nur aus einer Sammlung von Texten, sondern aus den lebendigen Überzeugungen und Praktiken ihrer Anhänger. Zum Islam gehört heute auch eine substanzielle Minderheit, die ein derzeit einzigartiges Ausmaß an Gewalt im Umsetzen ihrer Überzeugungen billigt, wenn nicht gar selbst ausübt.

„Charlie Hebdo“ war in seiner Satire nicht konfessionsgebunden und machte auch vor den Empfindlichkeiten von Juden und Christen nicht halt - aber nur Muslime reagierten mit Drohungen und Terrorakten. Für einige Gläubige dient die Gewalt dem Willen zur absoluten Macht im Namen Gottes. Das ist eine Art von Totalitarismus, die Islamismus genannt wird - Politik als Religion, Religion als Politik. (...)

„De Morgen“, Brüssel, 8. Jänner 2015

(...) Wenn wir nun intoleranter werden, fundamentalistischer in unseren Einstellungen anderen gegenüber, ängstlicher, empfänglicher für autoritäre Ideen und eher bereit sind, demokratische Rechte aus „Sicherheitserwägungen“ aufzugeben, dann haben diese Terroristen ihr Ziel erreicht - denn dann sind wir genauso geworden wie sie. Das Einzige, was wir heute - machtlos und frustriert - tun können, ist, Inspiration aus dem zu ziehen, wie die Norweger die Anschläge des Attentäters Breivik verarbeitet haben: mit der Suche nach dem Wesen ihres Gesellschaftsmodells, statt es aus Angst niederzureißen. Indem wir nach Verbundenheit und Wärme suchen und Gefühlskälte und Angst nicht zulassen. (...)

„De Telegraaf“, Amsterdam, 8. Jänner 2015

(...) Die Freiheit im Westen ist einmal mehr zum Angriffsziel geworden, aber sie wird niemals vernichtet werden. Seit dem vergangenen Jahr stellt die Terroristenarmee IS eine neue Bedrohung dar, auch für die nationale Sicherheit in Europa. Immer wieder wird gewarnt vor terroristischen Taten zurückkehrender Dschihadisten. (...) Der Anschlag in Paris zeigt, wie akut diese Gefahr ist. Das muss zu einem härteren Vorgehen führen mit einem besseren und sichtbaren Schutz gefährdeter Objekte. Glaubensbarbaren, die auf unsere Vernichtung aus sind, müssen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft und ausgeschaltet werden. Wir sind es uns selbst schuldig, das freie Wort um jeden Preis zu verteidigen. Wir lassen uns keine Angst machen. (...)

„Independent“, London, 8. Jänner 2015

(...) Alle Presseorgane, in der arabischen Welt ebenso wie im Westen, sollten die ermordeten Zeichner von „Charlie Hebdo“ als Märtyrer betrachten. Sie sollten die Standfestigkeit dieser Satiriker als die wagemutigsten Journalisten in Europa würdigen, auch wenn ihre Veröffentlichungen anstößig sein könnten so wie die Mohammed-Karikaturen 2011. Es war das Recht von „Charlie Hebdo“, anstößig zu sein. Das Magazin war dabei gerecht: Katholizismus, Judentum und Islam wurden gleichermaßen respektlos behandelt. Mit dem Erstarken islamistischer Terrorgruppen und Angriffen auf Zeitungsredaktionen haben andere Publikationen Rücksicht auf muslimische Empfindlichkeiten genommen. „Charlie Hebdo“ hat dies trotz der Warnungen der Polizei abgelehnt. (...)

„Frankfurter Rundschau“, 8. Jänner 2015

(...) Und für wen, für was sind die Karikaturisten gestorben? Für die NPD, für Pegida, für Alexander Gauland von der AfD, die sich der Mordopfer sogleich bemächtigten, als die Leichen noch warm waren, und sie als Zeugen aufriefen gegen die vermeintliche Islamisierung Europas, als Helfershelfer ihrer menschenfeindlichen Ressentiments in Dienst nahmen und zu Komplizen ihres Hasses erklärten.

Gauland, der Pegida als „natürliche Verbündete“ seiner AfD betrachtet, betrieb öffentliche Leichenschändung, als er wenige Stunden nach den Morden beteuerte: „All diejenigen, die bisher die Sorgen der Menschen vor einer drohenden Gefahr durch Islamismus ignoriert oder verlacht haben, werden durch diese Bluttat Lügen gestraft.“ (...)

Aber die Gefahr droht nicht durch den Islam und auch nicht durch die Islamophobie. Die Gefahr liegt in dem, was die Täter von Paris zu Mördern und moralisch verkrümmte Figuren wie Gauland zu Leichenschändern werden lässt. Es ist ihr Hass auf das Andere, das Fremde – die Freiheit. (...)

„Frankfurter Allgemeine Zeitung“, 8. Jänner 2015

In Paris haben Terroristen der „Lügenpresse“ das Maul gestopft: Journalisten und Zeichner der Satirezeitung „Charlie Hebdo“ liegen in ihrem Blut. Ermordet wurden sie, da muss man nicht auf die Selbstbezichtigung warten, weil sie das Grundrecht auf Meinungs- und Pressefreiheit in einer Weise und Richtung ausübten, die den Attentätern und ihren Hintermännern verhasst ist. (...)

Tatsächlich muss sich niemand wundern, dass sich immer mehr Menschen vor dem Islam fürchten. (...) In vielen europäischen Ländern gibt es Sammlungsbewegungen, die, wie nun auch in Deutschland, gegen „die Islamisierung des Abendlandes“ antreten. Und auch hier, im Abendland, ist Hass anzutreffen, der in Gewaltfantasien mündet, auch in Bezug auf die „Lügenmedien“, gegen die auf den Demonstrationen der Pegida gehetzt wird.

In Dresden greift er nur zu Parolen und Plakaten. Aus dem Lager jener, denen der Hass zum Lebensinhalt geworden ist, rekrutieren sich aber auch jene jungen Männer und mittlerweile auch Frauen, die für die andere Seite mit der Maschinenpistole in der Hand in den „Heiligen Krieg“ in Syrien oder sonst wo ziehen. Der Kampf auch um diese verführten Deutschen muss aber hierzulande geführt werden. Man muss die Extremisten und Volksverhetzer jeder Couleur, auch die im Westentaschenformat, vom menschlichen Nachschub abschneiden.

„Guardian“, London, 8. Jänner 2015

(...) Es gibt keinen „Clash of Civilizations“. Es gibt einen tiefen, andauernden Konflikt zwischen liberalen Werten und einem kleinen Segment in der religiösen Welt. (...)

Uns zu destabilisieren ist dessen Ziel, und in gewisser Hinsicht ist das auch gelungen. Lange vor dem Irak-Krieg der Neokonservativen ereignet sich der große Knall des kulturellen Relativismus: die Fatwa und Morde wegen der „Satanischen Verse“. Es war ein Buch, das seine Verleumder nie lasen, so wie viele nie die „provokanten“ dänischen Mohammed-Cartoons sahen. Rushdie, dem manche eine Überreaktion vorwarfen, bewies, dass die Redefreiheit nichts Abstraktes ist. Tatsächlich lag sie blutend auf dem Boden.

Seither bedeutet der Respekt für Religion den Respekt vor dem Islam, und damit einher ging eine interne Zensur. Es gibt gewisse Dinge von Mohammed und dem Islam, von denen die Menschen gelernt haben, sie nicht zu sagen. Privat gibt es riesige Befürchtungen gegenüber dieser Religion, aber öffentlich viel Respekt dafür. Genau in diesem Widerspruch sprießt der offene Rassismus. (...)

Es sollte möglich sein zu fragen, warum es verschiedene Versionen des Islam gibt, ohne zu implizieren, dass alle Muslime Faschisten sind. Offen und frei zu reden ist aber natürlich das, was die Täter stoppen wollen. Sie fordern Respekt für ihren Gott - mit dem Gewehr im Anschlag. Als Antwort müssen wir sie bekämpfen. Und wir müssen über sie lachen, uns über sie lustig machen und sie auch respektlos behandeln."

Satiremagazin „Titanic“, Berlin, (Onlineausgabe)

(...) Komik ist zu allererst ein Mittel, dem Ernst des Lebens, der die meisten von uns bedrückt, selbst wenn nicht gerade Raketenwerfer in Redaktionsräumen abgefeuert werden, etwas entgegenzusetzen, im besten Falle seiner Herr zu werden. Und je ernster die Lage, desto wichtiger der Humor. Komik schafft Distanz zu bedrückenden Ereignissen, sie erlaubt, uneigentlich über eigentlich Unerträgliches zu sprechen – und so den Schrecken zu bekämpfen. (...)

Und das dürfte der Grund sein, weswegen Fanatiker, speziell religiöse, Komik verachten. Sie vertreten eine todernste, einzige ewige Wahrheit, und der Witz – egal wie klug oder lustig er im Einzelfalle sein mag – bedroht diese Wahrheit. Religion (und so manch andere Weltanschauung) ist Wahnsinn im Kleide der Rationalität, Satire und Komik Rationalität im Kleide des Wahnsinns. Das eine muß das andere mißverstehen. Deshalb werden Vertreter des heiligen Ernstes der Komik stets mit Zorn begegnen. Und es ist ihr gutes Recht. Solange sie dies mit denselben Waffen wie Satiriker tun: mit Wort und Bild. Und nicht mit Maschinenpistolen.

Links: