Themenüberblick

"... auch die Existenz musz poetisch sein"

Die vielfach ausgezeichnete österreichische Schriftstellerin Friederike Mayröcker feiert am Samstag ihren 90. Geburtstag. Die stets schwarz gekleidete Dichterin wird des Arbeitens nicht müde und hat mit „cahier“ erst kürzlich ein neues Buch herausgebracht. Als Sprachsucherin zwischen Traum und Wirklichkeit lebt sie seit jeher ein intensives Leben in und mit der Literatur.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Die schwarze Kleidung und die dunkle Juliette-Greco-Mähne mit langen Stirnfransen, die wie ein Vorhang bei Bedarf die Augen der Autorin verbergen, sind bereits Legende, Klischee und doch Wirklichkeit. Mayröcker, Doyenne der österreichischen Lyrik, ist eine bekannte und viel schreibende, wenngleich wenig gelesene Autorin. Seit Beginn ihres Dichterlebens schreibt sie in manischer Arbeitsweise nach der Maxime: „nicht nur das Geschriebene, auch die Existenz musz poetisch sein“. Sie interessiert sich nicht fürs Geschichtenerzählen, ihr geht es um radikal konzentrierte Sprache. Mit „cahier“, ihrem jüngsten Buch, kämpft die Lyrikerin zum wiederholten Male gegen Zeit und Tod an.

Schreiben, um nicht verrückt zu werden

Für Friederike Mayröcker ist Schreiben gleichbedeutend mit Leben – und umgekehrt. Im ORF-Porträt von Katja Gasser sagt sie: „Wenn ich nicht schreiben hätte können oder dürfen, wäre ich wahrscheinlich verrückt geworden.“ Für die Schriftstellerin ist ein gewisses Maß an Unglücklichsein, Verzweiflung und Melancholie notwendig, um überhaupt schreiben zu können - Gefühle, die sie Zeit ihres Lebens begleiten.

1924 wurde Mayröcker als einzige Tochter eines Lehrers und einer Modistin in Wien geboren. Als Baby an einer Gehirnhautentzündung erkrankt, litt sie bis zum dritten Lebensjahr unter Fieberschüben und „wirrem Sprechen“. Der konsultierte Kinderarzt meinte, das Kind werde entweder früh sterben, debil bleiben – oder es werde etwas Außergewöhnliches aus ihm.

Friederike Mayröcker

ORF

Friederike an ihrem Sehnsuchtsort

Kindheitsparadies Deinzendorf

Der Arzt sollte mit der optimistischsten seiner Vermutungen recht behalten. Die Sommermonate verbrachte das behütete Kind in Deinzendorf, einem kleinen niederösterreichischen Dorf nahe der tschechischen Grenze. Im Vierkanter der väterlichen Großeltern mit Garten im Innenhof verlebte es eine „paradiesische“ Kindheit.

Als der Sehnsuchtsort 1935 zwangsversteigert wurde, geriet das zu einem großen Schmerz für die damals Elfjährige. Aber auch nach der Vertreibung aus dem Paradies blieb Deinzendorf bestimmend – die dort verbrachten Sommer beschrieb die Dichterin für ihr gesamtes Schreibleben als maßgeblich.

Ein brennender Busch

Das literarische Schreiben begann für Mayröcker 1939 an einem symbolhaften Pfingstsonntagmorgen, als sie im Innenhof des elterlichen Wohnhauses beobachtete, wie ein Strauch ohne ersichtlichen Grund zu brennen anfing. Diese Begebenheit hielt die damals 15-Jährige in einem kleinen Notizbuch fest. Zum ersten Mal ereignete sich vor ihren Augen etwas Magisches, Unerhörtes, Unglaubliches. Und es begann ein lebenslanges Spiel mit der Sprache. Ein musikalisch-literarischer Reigen, aus dem sich Wortklang zu bestimmten Bildern und die Worte zu neuen Kontexten verbinden.

Friederike Mayröcker

picturedesk.com/Imagno/Otto Breicha

Mayröcker 1969 - das Haar kürzer

Das Leben, eine Dichtung

Während des Krieges arbeitete Mayröcker als Luftwaffenhelferin, wo sie nebenbei Gedichte und literarische Übersetzungen aus dem Englischen auf der Militärschreibmaschine tippte. Sie absolvierte Abendkurse und 1945 ihre Lehramtsbefähigungsprüfung in Englisch.

1946 wurde Mayröckers erstes Gedicht in der Zeitschrift „Plan“ gedruckt. Zehn Jahre später erschien ihr Buchdebüt, „Larifari“, das kaum Beachtung fand. In den 1950er Jahren wurde sie als einzige Frau Teil der „Wiener Gruppe“, schloss Freundschaft mit Andreas Okopenko und Ernst Jandl. Es folgte eine Radikalisierung im Umgang mit dem sprachlichen Material.

1965 startete die bis dahin verborgen Schreibende mit dem Band „metaphorisch“ ihren Siegeszug. Fast zeitgleich mit den Veröffentlichungen stellten sich zahlreiche literarische Würdigungen ein, die vom Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur (1982) bis hin zu dem von ihr lange erwarteten Georg-Büchner-Preis (2001) reichen.

Der ungeliebte Brotberuf

Dennoch: Zweieinhalb Jahrzehnte war sie als Englischlehrerin tätig und schrieb „nur“ nebenbei Gedichte. Der Brotberuf machte ihr keine Freude. Noch heute verfolge sie die Fron des Lehrberufs bis in ihre Träume, erzählte sie. Nach dem 1969 zuerkannten Hörspielpreis der Kriegsblinden für „Fünf Mann Menschen“, das sie mit Ernst Jandl verfasst hatte, war damit endlich Schluss. Mayröcker ließ sich karenzieren und widmete sich ganz dem Schreiben.

Sendungshinweis

Ö1 widmet der Schriftstellerin zum 90. Geburtstag am Samstag einen Friederike-Mayröcker-Tag - mehr dazu in oe1.ORF.at

Das hervorstechendste Merkmal ihres Schaffens ist großer Formenreichtum: Lyrik, Stücke, Kinderbücher, Prosa, Hörspiele. Die Vielfalt der Gattungen reicht ihr jedoch nicht. Die Sprachkünstlerin hält ihre Texte durch Veränderung lebendig, sie verschiebt, ergänzt, erneuert.

Auf Abwegen

Mayröcker ist eine anerkannte Größe in Fachkreisen, jedoch blieb der Doyenne heimischer Lyrik ein großer Leserkreis verwehrt. Zu schwierig, außergewöhnlich, experimentell scheint so manchem Literaturinteressierten ihre Sprache zu sein - wie Mayröckers Prosabuch „ich bin in der Anstalt“ (2010), das sich der gewöhnlichen Ordnung entzieht und in keine Gattungsschublade passt. Aus der Idee, ein Buch mit Fußnoten zu schreiben, entstand ein Titel, der ausschließlich aus fortlaufend nummerierten Fußnoten zu einem „nicht geschriebenen Werk“ besteht.

Bibliografie statt Biografie

Leben, Schlafen und Arbeiten fließen bis heute zu einer poetische Existenz ineinander. Mayröcker sagt: „Ich habe keine Biografie. Für mich gilt nur die Bibliografie, nur das, was ich gearbeitet habe, ist für mich wichtig und sollte auch für andere wichtig sein. Ich bin gegen das biografische Nachschnüffeln.“ Denn oft komme dabei etwas Falsches heraus, so Mayröcker.

Die langjährige Suhrkamp-Autorin findet sich auf den Abertausenden Zetteln in ihrer Wohn- bzw. Arbeitshöhle ebenso zurecht wie in ihren Texten. Von ihren literarischen Anfängen bis heute ist Mayröcker eine Sprachsucherin zwischen Traum und Wirklichkeit geblieben.

Friederike Mayröcker

ORF

Mayröckers Wohn- und Arbeitshöhle

Zettelreich Zentagasse

Das mit Wäschekörben voller Zettel, an die Wand gepinnten Zeichnungen, Manuskripten, Büchern, CDs etc. angefüllte Arbeitszimmer in der Zentagasse im fünften Wiener Gemeindebezirk ist legendär.

Veranstaltungshinweis

Im Wiener Akademietheater findet am 20. Dezember 2014 um 20.00 Uhr die Uraufführung von Friederike Mayröckers „Requiem für Ernst Jandl“ statt.

Friederike Mayröcker sagte oft, sie könne nur in ihrer Wohnung inmitten ihrer Papierwucherungen wirklich arbeiten. Ihre manische Arbeitsweise beschreibt sie so: „Ich lebe in Bildern. Ich sehe alles in Bildern, meine ganze Vergangenheit, Erinnerungen sind Bilder. Ich mache die Bilder zu Sprache, indem ich ganz hineinsteige in das Bild. Ich steige so lange hinein, bis es Sprache wird.“

Die harte Arbeit des „Ehevermeidens“

1954 lernte sie Ernst Jandl bei den Jugendkulturwochen in Innsbruck kennen – auch er damals noch ein Englischlehrer mit literarischen Ambitionen. Fast ein halbes Jahrhundert lang verband sie mit ihrem Hand- und Herzgefährten eine intensive schöpferische Lebensgemeinschaft.

Friederike Mayröcker und Ernst Jandl

picturedesk.com/Imagno/Franz Hubmann

1984 gemeinsam mit Ernst Jandl

Das Alleinsein galt den beiden als unbedingte Voraussetzung für kreatives Schaffen. Der Versuch des gemeinsamen Wohnens blieb ein Intermezzo. In der „rede an friederike mayröcker“ zum 70. Geburtstag der Dichterin erzählte Jandl: „die ehe zu vermeiden, dauerte einige jahre, dann hatten wir es geschafft. (...) unser leben ist, seit vierzig jahren, ein gemeinsames, ohne eine gemeinsame wohnung, und ohne kochtopf.“

Keine zweite Geige

Während Jandl schon früh als Popstar gehandelt wurde, galt Mayröcker lange als scheue Dichterin. Im „Vierzeiler für E. J.“ beschrieb sie die Führungsrolle ihres Lebensmenschen: „du bist der Herr / ich bin der Knecht / ich bin ein Tragtier auch / (zurecht) (,ein Plagetierʻ).“ Dennoch lag der Lyrikerin der Part der zweiten Geige nicht, wie sie in der geschickten Nachahmung Jandls Sprache bewies.

Anfangs verband das Schreiben jenseits der Norm das Paar, geriet später aber – wenngleich nur auf der zuvor gemeinsam genutzten Bühne – schließlich zum Trennenden. Publikum und Texte beider Dichter veränderten sich, und so unterblieben die vormals oft zu zweit absolvierten Auftritte. Der jeweils andere blieb als erster Leser, wichtigster Kritiker und schonungsloser Spiegel für das eigene Schaffen weiterhin essenziell.

100 Jahre reichen auch

Zu ihren Wünschen befragt, sagte Mayröcker 1994 im Gespräch mit Volkmar Parschalk von Ö1, ihr größter Wunsch sei, noch sehr lange arbeiten zu können und mit funktionierendem Hirn alt zu werden. Diesen Wunsch lebt die nicht müde werdende Lyrikerin mit ihrer letzten Publikation der Öffentlichkeit vor.

So heißt es in „cahier“: „(Die Jahre werden immer unglaublicher), die blauen, Schlitze des Himmels, bin sehr ambivalent.“ Einzig die gewünschte Lebenszahl hat sie seit dem Tod ihres Lebensmenschen Ernst Jandl von 120 auf 100 Jahre heruntergeschraubt.

Carola Leitner, ORF.at

Links: