Themenüberblick

Lesestoff für die Ohren

Von Klassikern der Literaturgeschichte bis hin zu neuen Thriller-Mehrteilern von epischem Ausmaß reicht heuer die Auswahl an aktuellen Hörbüchern. Wer immer Literatur auch gerne hört und nicht nur liest, wird hier fündig werden.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Bulgakow, zum Leben erweckt

Man kommt wohl kaum in den Verdacht der Übertreibung, wenn man mit Klaus Buhlerts Inszenierung von Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“ vom Hörspiel des Jahres spricht. Schauspielgrößen wie Karl Markovics und Dietmar Bär („Tatort“) hauchen der Neuübersetzung von Alexander Nitzberg vielstimmig Leben ein. Abenteuer werden durchlebt, die Liebe gefeiert und durchlitten, ein philosophisches Panoptikum aufgefahren und die russische Bürokratie auf den Arm genommen. Bulgakows ganze Meisterschaft kommt hier zur Geltung.

Michail Bulgakow: Meister und Margarita. Der Hörverlag, zwölf CDs, 604 Minuten, 49,99 Euro.

Weihnachtsbücher zwischen Adventschmuck

ORF.at/Christian Öser

Der Kampf des Boxers außerhalb des Rings

Johann Rukelie Trollmann war in den 30er Jahren ein beliebter, talentierter und unkonventioneller Boxer. Aber er lebte in Deutschland und war ein Sinto. So hatte Trollmann nicht nur mit seinen Gegnern im Ring, sondern vor allem Nazis zu tun, die seine Karriere und letztlich ihn selbst zu zerstören trachteten. Mit großem Respekt vor den historischen Geschehnissen hat Stephanie Bart einen berührenden, spannenden und mit vielleicht allzu viel Fakten angereicherten Roman geschrieben, der, gelesen von Sven Philipp, als Hörbuch hervorragend funktioniert.

Stephanie Bart: Deutscher Meister. Hoffmann und Campe, sechs CDs, 452 Minuten, 21,99 Euro bzw. 19,99 Euro als Download.

Churchill und Chaplin in Köhlmeiers Fängen

Von wem das Hörbuch „Zwei Herren am Strand“ eingelesen wurde, brauchte man eigentlich nicht extra zu erwähnen: Natürlich vom Autor selbst - Michael Köhlmeier. Kaum jemandem hört das große Publikum so gerne zu wie ihm. In seinem jüngsten Buch lässt er die beiden Freunde Winston Churchill und Charlie Chaplin auftreten. Kunstvoll verwebt Köhlmeier Historie, verbürgte private Details der beiden und die ihm eigene, sprachmächtige, fiktionale Erzählweise zu einem „Romandokument“.

Michael Köhlmeier: Zwei Herren am Strand. Der Hörverlag, sieben CDs, 526 Minuten, 19,99 Euro bzw. 13,95 Euro als Download.

Auf den Spuren einer großen Pazifistin

Als eindringliches Friedensprojekt hat Stefan Frankenberger seine Hommage „Der unbekannte Soldat“ an Bertha von Suttner gestaltet. Das Buch und die CD vereinen Musik, Textbeispiele Suttners, gelesen von österreichischen Soldaten und Cornelius Obonya und Interviews mit Experten zu Suttner und zum Wahnsinn des Krieges. Bertha von Suttner begegnet dem Hörer und Leser hier einmal mehr als Warnerin, deren Warnungen nicht ernst genommen wurden am Vorabend des Ersten Weltkriegs.

Stefan Frankenberger: Der unbekannte Soldat. Mono Verlag, Buch und CD, 19,95 Euro.

Abgesang auf eine untergehende Welt

Stephane Bittoun hat für Hoffmann und Campe Christian Isherwoods Klassiker „Leb wohl, Berlin“ eingelesen. Eindringlich widmete sich Isherwood dem Abgesang einer Gesellschaft, die vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten bereits dem Untergang geweiht war. Kleine Ganoven, Künstler, eine jüdische Familie - die Wege vieler kreuzen sich, als im Hintergrund der Szenerie die Nazis bereits aufmarschieren. Isherwood fängt die letzten Tage der Weimarer Republik in all ihren Facetten ein.

Christopher Isherwood: Leb Wohl, Berlin. Hoffmann und Campe, sechs CDs, 461 Minuten, auch als Download, jeweils 19,99 Euro.

Nur vordergründig kleine Schicksale

Die Kunst der kleinen Form ist bekanntlich keine kleine - das beweist auch Jens Eisel mit seinen Hamburger Kurzgeschichten. Es sind einzelne, auf den ersten Blick unscheinbare Schicksale, die er einfängt, Schicksale, die in knappen Momenten wiedergegeben werden, an Scheidepunkten. So gibt es etwa Marco, der endlich einen ordentlichen Job findet, welcher aber plötzlich gefährdet scheint, oder Samir, der auf der Reeperbahn herumstreift, bis er den Hauptgewinn macht.

Jens Eisel: Hafenlichter. Tacheles, zwei CDs, 155 Minuten, 16,99 Euro.

Packende Jagd nach dem Code

Prickelnde Thrillerspannung bietet Frederik T. Olssons „Der Code“, routiniert gelesen von Uve Teschner. Von den ersten Minuten an verfällt man als Hörer dem Sog der Paranoia. Zwei Menschen werden entführt, einer getötet, es geht um einen geheimnisvollen Code, eine Epidemie, und schließlich bleiben nur noch Antworten auf alle offenen Fragen, die keiner der Beteiligten für möglich hält - am wenigsten der Hörer.

Fredrik T. Olsson: Der Code. Osterwold Audio, zwei MP3-CDs, 872 Minuten, 19,99 Euro.

Weihnachtsbücher zwischen Adventschmuck

ORF.at/Christian Öser

Düster-Schauriges von Hakan Nesser

Dietmar Bär wurde schon bei „Meister und Margarita“ erwähnt - und die lose Reihe an „Tatort“-Kommissaren, die sich als Vorleser betätigen, geht weiter: Von Eva Mattes hört man „Die Lebenden und Toten von Winsford“ des Thriller-Spezialisten Hakan Nesser. Nesser ist unter den schwedischen Autoren jener, dem es am besten gelingt, düster-schaurige Stimmungen auf den Leser bzw. Hörer zu übertragen. Diesmal geht es um eine mysteriöse Frau, die sich in einem weit abgelegenen Haus niedergelassen hat. Was ist ihr Geheimnis?

Hakan Nesser: Die Lebenden und Toten von Winsford. Der Hörverlag, zwei MP3-CDs, 748 Minuten, 19,99 Euro.

Ein Hörspiel für Kamin und Grog

Auch wenn man die Zeit damals gar nicht erlebt hat, hier wird man nostalgisch: Der Hörverlag hat das Francis-Durbridge-Hörspiel „Paul Temple und der Fall Gregory“ neu inszeniert. Wenn Komiker Bastian Pastewka und seine Kollegen ihre Texte sprechen, hat man die Reflexion von nebelverhangenen Laternen auf Kopfsteinpflaster vor Augen und Männer mit aufgestellten Mantelkrägen und tief ins Gesicht gezogenen Hüten. Empfehlung: Nebenher ein YouTube-File mit „Kaminfeuer prasselt“ ablaufen lassen und einen Grog trinken.

Francis Durbridge: Paul Temple und der Fall Gregory. Der Hörverlag, zwei CDs, 107 Minuten, 11,99 Euro bzw. als Download 10,95 Euro.

Ein dunkler Sumpf

Das Autorenduo Jerker Eriksson und Hakan Axlander Sundquist alias Erik Axl Sund hat heuer mit hoher Taktrate im Abstand weniger Monate die drei Bände einer beinharten Krimitrilogie publiziert: „Krähenmädchen“, „Narbenkind“ und „Schattenschrei“. In Hörbüchern gesprochen sind das gut 40 Stunden - fast so lang wie Tolstois „Krieg und Frieden“ (womit die Analogie auch schon zu Ende ist). Psychische Probleme, besonders brutaler Missbrauch, Mord: Es ist ein Sumpf, durch den man als Leser durchmuss - nur die atemberaubend fesselnde Handlung bewahrt vor dem Versinken.

Erik Axl Sund: Krähenmädchen. Der Hörverlag, zwei MP3-CDs, 777 Minuten, 11,99 Euro.

Erik Axl Sund: Narbenkind. Der Hörverlag, zwei MP3-CDs, 859 Minuten, 11,99 Euro.

Erik Axl Sund: Schattenschrei. Der Hörverlag, zwei MP3-CDs, 816 Minuten, 14,99 Euro.

Grausames Ritual, höchste politische Kreise

Im Mittelpunkt von „Schmetterlinge im Sturm“ des niederländischen Drehbuchautors Walter Lucius steht kein Kommissar, sondern eine Journalistin mit afghanischen Wurzeln, deren Hobby Kampfsport ist. Gemeinsam mit einem Kollegen wird sie in einen brisanten Fall hineingezogen, bei dem es um einen Buben geht, der in Frauenkleidern schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert wird. Es scheint sich dabei um ein grausames Ritual zu handeln, bei dem höchste politische Kreise ihre Finger im Spiel haben. Frank Arnolds Vortrag im Hörbuch lässt die Spannung stetig ansteigen.

Walter Lucius: Schmetterling im Sturm. Der Audio Verlag, zwei MP3-CDs, 1.100 Minuten, 19,99 Euro.

Der Krieg der Welten

Der wohl wichtigste Klassiker in der Geschichte der Hörspiele ist H. G. Wells’ „The War of the Worlds“. Legendär die erste Ausstrahlung in einer Inszenierung von Orson Welles im Jahr 1938 in den USA. Weil die Story im Stil einer Reportage daherkommt, verfielen manche Hörer in Panik und glaubten, die Außerirdischen seien tatsächlich gelandet. Hier liegt die legendäre Originalversion in renovierter Fassung vor.

H. G. Wells.: The War of the Worlds. Der Hörverlag, gelesen von Orson Welles, eine CD, 14,99 Euro.

Simon Hadler, ORF.at

Links: