Mord, Totschlag und eine Gewissensfrage
Da könnte einiges Blut unter dem Weihnachtsbaum fließen: Die Krimis und Thriller der Saison sind nicht nur brutal und spannend, sondern überraschen auch - und kommen von den Stars des Genres wie Stephen King, von Thomas Pynchon und von „Neulingen“ aus Österreich.
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Wenn ein Verbrecher sein Gewissen entdeckt
Nic Pizzolatto ist mittlerweile eine Berühmtheit: Er schrieb das Drehbuch zur Kultserie „True Detective“. Bereits davor hatte er mit „Galveston“ einen der beeindruckendsten Noir-Krimis der letzten Jahre vorgelegt, der nun erstmals in deutscher Übesetzung vorliegt. Darin entdeckt ein verbrecherischer Handlanger und gedungener Mörder sein Gewissen, als er sich auf der Flucht um eine junge Prostituierte kümmert. Klingt nach Stangenware, ist aber kunstvolle Literatur und unheimlich packend bis zur letzten Seite. Der erste Satz: „Der Arzt hat Bilder von meiner Lunge gemacht.“
Nic Pizzolatto: Galveston. Metrolit bei Walde & Graf, 254 Seiten, 20,60 Euro.
Poirot ermittelt wieder
Sophie Hannah hat Mut bewiesen und ist in die riesigen Fußstapfen von Agatha Christie Getreten: Sie schrieb einen neuen Fall für Hercule Poirot. Die Arroganz und gleichzeitige Schnoddrigkeit des alten Belgiers (bei dem jeder an Sir Peter Ustinov denkt) wurde gut getroffen. Wer wohl der Mörder oder die Mörderin ist, darüber lässt sich schön mitraten. Längen gibt es und die eine oder andere Christie-untypische Kompliziertheit, aber Poirot-Fans werden es nicht bereuen, dieses Buch zu lesen. Der erste Satz: „Ich mag sie nicht, mehr sag ich ja gar nich“, flüsterte die Kellnerin mit dem fliegenden Haar. Große Empfehlung: Das Hörbuch.
Sophie Hannah: Ein neuer Fall für Hercule Poirot. Die Monogramm Morde. Atlantik, 338 Seiten, 20,60 Euro. Hörbuch bei Der Hörverlag, MP3-CD, 19,99 Euro; Download, 13,95 Euro.

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Pynchon, 9/11 und die „New Economy“
Thomas Pynchon hat sich nach „Natürliche Mängel“ mit „Bleeding Edge“ einmal mehr dem Krimi-Genre gewidmet. Darin beschäftigt er sich mit den beiden katastrophischen Brüchen der Jahrtausendwende, die bis heute Denken und Handeln der technokratischen Eliten der westlichen Welt bestimmen: Dem Untergang der „New Economy“ und den Terroranschlägen des 11. Septembers. Zwischendrin bricht die Spannung weg, aber Pynchon beim Auseinanderdröseln der Verwerfungen unseres Zeitalters zuzusehen, ist die Lektüre allemal wert. Der erste Satz: „Es ist der erste Frühlingstag des Jahres 2001, und Maxine Tarnow, in manchen Systemen noch als Loeffler gespeichert, bringt ihre Jungen zur Schule.“
Thomas Pynchon: Bleeding Edge. Rowohlt, 604 Seiten, 30,80 Euro.
Der verblasenste Held der Krimiwelt
Suchanek is back! Rainer Nikowitz, dessen messerscharfe Satiren im „profil“ seit Jahren eine solide Fanbase haben, legt seinen zweiten Krimi um den unwilligen, verkifften Suchanek vor. Herrlich absurde Ideen und zwischendurch tatsächlich ordentliche Krimispannung rund um eine Leiche, die offenbar von Gelsen totgesaugt wurde, halten den Leser bei der Stange. Der erste Satz: „Der Komissar hatte schon viel gesehen.“ Dass hier ein „aber“ folgt, das es in sich hat, versteht sich von selbst.
Rainer Nikowitz: Nachtmahl. Rowohlt Taschenbuch, 318 Seiten, 15,50 Euro.
Stephen King und der Mercedes
Von Stephen King liegt endlich wieder eine ordentliche Schwarte auf Deutsch vor. Knapp 600 Seiten lang ist ein pensionierter Polizist einem Massenmörder auf der Spur, der mit einem gestohlenen Mercedes absichtlich in eine Gruppe Arbeitssuchender gerast war. Der bekommt vom Morden nicht genug und hat es vor allem auf den Ex-Ermittler und dessen Umfeld abgesehen. Ein mörderischer Countdown beginnt. Zugegeben: King war schon (weit) besser. Aber spannend ist das Buch trotzdem. Der erste Satz: „(...) aber Benzin war teuer, vor allem wenn man keinen Job hatte, und das City Center stand am anderen Ende der Stadt, weshalb er beschloss, den letzten Bus des Abends zu nehmen.“
Stephen King: Mr. Mercedes. Heyne, 591 Seiten, 23,70 Euro.
Ein neuer alter Bernhard Aichner
Neu herausgebracht hat der Haymon Verlag Bernhard Aichners „Schnee kommt“. Das hat nicht nur damit zu tun, dass die Story rund um einen Geldkoffer und um einen Unfall in einem Tunnel packend und fein gestrickt ist - sondern auch damit, dass Bernhard Aichner den deutschen Sprachraum mittlerweile mit „Totenfrau“ im Sturm erobert hat und der kriminologische Weltruhm durch diverse Übersetzungen in Griffweite scheint. Zur „Totenfrau“ folgt übrigens recht bald eine Fortsetzung. Der erste Satz von „Schnee kommt“: „Sie lag im warmen Wasser.“
Bernhard Aichner: Schnee kommt. Haymon, 231 Seiten, 17,90 Euro.

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Das Jesus-Video ist weg
Zum „Jesus Video“ ist jetzt auch „Der Jesus-Deal“ erschienen. Die Grundidee: Offenbar existiert ein Video von Jesus, das jeden verändert, der es gesehen hat und das von Zeitreisenden aufgenommen werden muss. Doch dieses Video verschwindet. Wer steht dahinter? Stephen Foxx ist einer Vereinigung auf der Spur, die mächtiger ist, als er jemals zu fürchten gewagt hätte. Spannungslektüre für dunkle Wintertage. Der erste Satz: „Im Jahr 1969 verhaftete das FBI einen Hilfskurator des State Museum in Harrisburg, Pennsylvania.“
Andreas Eschbach: Der Jesus-Deal. Lübbe, 233 Seiten, 23,70 Euro.
Ein Serienmörder als „Ordnungshüter“
Viele weibliche Komissarinnen gibt es nicht in italienischen Krimis. Grazia Negro füllt diese Lücke mit Bravour. Sie ermittelt im schönen Bologna über unschöne Sachverhalte. Ein Serienmörder ist unterwegs, der offenbar für seine Version von Recht und Ordnung sorgen will. Er tötet Kleinkriminelle, die am Rande des großen Sumpfs von Korruption und Verbrechen mitnaschen wollen. Der erste Satz: „Es war nur ein vages Gefühl.“
Carlo Lucarelli: Bestie. Folio, 271 Seiten, 19,90 Euro.
Das Dunkle und das Böse - zum Verschlingen
Zwei Taschenbücher legt der Heyne Verlag für Leser vor, denen die Spannung im Zweifelsfall wichtiger ist als der literarische Anspruch. In „Kolibri“ muss sich die frisch gefangte Ermittlerin Kati Hiekkapelto nicht nur mit einem bestialischen Mord im Wald auseinandersetzen, sondern auch noch mit einem - gelinde gesagt - nicht gerade wohlmeinenden älteren Kollegen. In „Das Camp“ wird es gar Stephen-King-horrormäßig, als ein kranker Mann auf einer Insel angespült wird - und etwas unter seiner Bauchdecke zu schlummern scheint. Der erste Satz: „Erwachsene sind doch bloß überaltete Kinder.“
Kati Hiekkapelto: Kolibri. Heyne, 463 Seiten, 15,50 Euro.
Nick Cutter: Das Camp. Heyne, 464 Seiten, 10,30 Euro.
Zweimal Spannung, zweimal Literatur
Weit mehr als ein Krimi ist „Still“ des in Wien lebenden Schriftstellers „Thomas Raab“. Es ist das Psychogramm eines Mörders, dessen Hörsinn so geschärft ist, dass nur der Rückzug in die Stille ihn zur Ruhe kommen lässt - und was ist stiller als der Tod? Ebenfalls mit literarischem Anspruch schrieb der tschechische Bestsellerautor Michal Viewegh seinen Krimi „Die Mafia in Prag“. Zu der gehören weit mehr Leute, als er dachte - muss ein Mann erkennen, der als Kronzeuge aussagt und dem der Zeugenschutz entzogen wird. Der erste Satz: „Wie die meisten jungen Leute, die jeden Montagmorgen zur Arbeit müssen, ging auch dieses Paar gerne freitags oder samstags aus.“
Thomas Raab: Still. Chronik eines Mörders. Droemer, 358 Seiten, 20,60 Euro.
Michal Viewegh: Die Mafia in Prag. Zsolnay, 320 Seiten, 20,50 Euro.

ORF.at/Christian Öser
Dreimal Österreich
Noch dreimal wird Österreich zum Schauplatz spannender Krimis. Das Duo Rieger und Rieger geht der Ermordung eines russischen Oligarchen in Wien nach. Silvia Hlavin lässt eine Mutter zum Opfer einer Erpressung werden. Und Alexander Lippmann, Sänger der Doom-Metal-Band „Iron Heel“, hat mit „Sumpfwandertag“ seinen ersten Roman geschrieben. Der spielt in der nahen Zukunft, im Neonazi-Milieu und an der Schwelle zum Überwachungsstaat. Der erste Satz: „S. nimmt den observierten Weg zu seiner Wohnung.“
Rieger & Rieger: Sa sdorowje, Specht! Keiper, 228 Seiten, 18,70 Euro.
Silvia Hlavin: Die Nachricht. Federfrei, 162 Seiten, 12,90 Euro.
Alexander Lippmann: Sumpfwandertag. Zaglossus, 197 Seiten.
Simon Hadler, ORF.at
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