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Tausende demonstrieren gegen Regierung

Nach dem mutmaßlichen Mord an 43 Studenten im Südwesten Mexikos haben aufgebrachte Demonstranten versucht, den Nationalpalast in der Hauptstadt Mexiko-Stadt zu stürmen. Sie legten am späten Samstagabend (Ortszeit) Feuer an einer der Pforten des Gebäudes am zentralen Platz Zocalo. Zuvor hatten sie vor dem Sitz der Generalstaatsanwaltschaft Aufklärung über das Schicksal der jungen Leute gefordert.

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„Warum tötet ihr uns, wenn wir doch die Hoffnung von Lateinamerika sind?“, skandierten die Studenten. Und: „Es war der Staat.“ Javier Bautista von der Universität Iberoamericana sagte: „Wir haben diese Regierung satt, diese Politik des Elends, die systematisch das Leben missachtet.“

Brennendes Auto und Demonstranten

APA/EPA/Jose Luis de la Cruz

Wütende Demonstranten setzten im Bundesstaat Guerrero Autos in Brand

Auch in Guerreros Hauptstadt Chilpancingo griffen Demonstranten am Samstag das Regierungsgebäude an. Sie schleuderten Steine auf den Sitz der Provinzregierung und steckten mindestens sieben Autos in Brand. „Lebend habt ihr sie uns genommen, lebend wollen wir sie zurück“, sprühten sie an eine Wand.

Generalstaatsanwalt präsentierte Mordgeständnisse

Die Studierenden waren Ende September in der Stadt Iguala im Bundesstaat Guerrero von Polizisten verschleppt und später Mitgliedern der kriminellen Organisation Guerreros Unidos übergeben worden. Die Lehramtsstudenten waren Indigene aus einfachen Verhältnissen und für ihren politischen Aktivismus bekannt. Mehrere Bandenmitglieder hätten gestanden, die jungen Leute getötet und verbrannt zu haben, teilte die Generalstaatsanwaltschaft mit.

Generalstaatsanwalt Jesus Murillo Karam legte am Freitag neben den Videoaufnahmen der Geständnisse auch Fotos der Fundorte vor. Es habe länger als zwölf Stunden gedauert, die Leichen zu verbrennen. Anschließend hätten die Täter die verkohlten Überreste zermahlen und versucht, die Asche in einem Fluss und auf der Deponie verschwinden zu lassen, so Murillo Karam.

Zwar hätten die Ermittler Zähne der Opfer gefunden, diese seien jedoch so stark beschädigt, dass sie bei einer Berührung praktisch zu Staub zerfallen seien. Entsprechend sei es unmöglich zu sagen, wann die Toten identifiziert werden könnten, sagte der Generalstaatsanwalt. Bis zur Identifizierung gelten die Studenten offiziell weiter als vermisst. Die DNA-Analyse der sterblichen Überreste soll an der Universität Innsbruck vorgenommen werden.

„Wenn du müde bist, warum trittst du nicht zurück?“

In den Sozialen Netzwerken wurde unterdessen der Slogan „Ya me canse“ („Genug, ich bin jetzt müde“) zum Trending Topic. Mit diesen Worten hatte Murillo Karam die Pressekonferenz über die jüngsten Ermittlungsergebnisse abgebrochen. „Wenn du müde bist, warum trittst du nicht zurück?“, schrieb ein Internetnutzer unter dem Hashtag #YaMeCanse auf Twitter. „Ich habe genug von Murillo Karam.“ Ein anderer Nutzer schrieb: „Genug, ich bin es überdrüssig, in einem Narko-Staat zu leben.“

Auch Menschenrechtsorganisationen machten am Samstag die Behörden für den Tod der Studenten verantwortlich. Amnesty International (AI) warf Mexiko Nachlässigkeit bei der Verfolgung schwerer Straftaten vor. „Die Korruption und Gewalt sind seit Jahren offensichtlich. Wer sie ignoriert, hat sich zum Komplizen in dieser Tragödie gemacht“, sagte die Amerikabeauftragte Erika Guevara Rosas.

Auch Human Rights Watch (HRW) erhob Vorwürfe gegen die Behörden. „Das sind die schlimmsten Grausamkeiten seit Jahren in Mexiko, aber keine Einzelfälle“, sagte Amerikadirektor Jose Miguel Vivanco. „Die Morde spiegeln ein Muster des Missbrauchs wider und sind eine Konsequenz der Unfähigkeit der mexikanischen Behörden, das Problem zu lösen.“ Kriminalitätsexperte Edgardo Buscaglia forderte die Einsetzung einer unabhängigen Wahrheitskommission unter Beteiligung der Vereinten Nationen.

Bürgermeisterfrau führendes Bandenmitglied?

Der Fall Iguala hat ein Schlaglicht auf die enge Verstrickung staatlicher Institutionen mit dem organisierten Verbrechen in Mexiko geworfen. Nach vorläufigen Ermittlungsergebnissen hatte der Bürgermeister von Iguala, Jose Luis Abarca, das harte Vorgehen gegen die Studenten angeordnet. Er und seine Frau sollen mit den Guerreros Unidos gemeinsame Sache gemacht haben. Sie waren am Dienstag als mutmaßliche Drahtzieher der Tat festgenommen worden.

Der Bürgermeister von Iguala, Jose Luis Abarca, und seine Frau

AP/Alejandrino Gonzalez

Der festgenommene Bürgermeister Abarca und seine Frau

Abarca wollte offenbar verhindern, dass die Studenten eine Rede seiner Frau als Vorsitzende des örtlichen Wohlfahrtsverbands stören. Bürgermeistergattin Maria de los Angeles Pineda stammt aus einer Drogenhändlerfamilie mit Verbindungen zum Beltran-Leyva-Kartell. Sie soll ein führendes Mitglied der Guerreros Unidos sein. Nach Einschätzung der Ermittler arbeiten in der Region lokale Politiker, korrupte Polizisten und Kriminelle Hand in Hand.

Präsident verspricht restlose Aufklärung

„Unsere Nation erlebt schwierige Zeiten. Die Ereignisse von Iguala empören uns alle“, sagte Präsident Enrique Pena Nieto am Freitag. „Ich gebe den Familien der Verschwundenen und allen Mexikanern mein Wort: Wir werden nicht innehalten, bis der Gerechtigkeit Genüge getan ist.“

Angehörige

APA/AP/Alejandrino Gonzalez

„Solange es keine Beweise gibt, sind unsere Kinder für uns noch am Leben“

Die Angehörigen hingegen erhoben schwere Vorwürfe gegenüber den Behörden. „Es war der Staat, der die Jungen entführt hat“, sagte der Sprecher der Opferfamilien, Felipe de la Cruz. Ihr Vertrauen in die Regierung ist erschüttert, auch den jüngsten Ermittlungsergebnissen schenken sie keinen Glauben. „Solange es keine Beweise gibt, sind unsere Kinder für uns noch am Leben“, sagte eine Mutter.

Bereits vor mehreren Wochen hatten festgenommene Mitglieder der Guerreros den Mord an 17 der Studenten gestanden und die Ermittler zu Massengräbern bei Iguala geführt. Bei den dort entdeckten Leichen handelte es sich allerdings nicht um die Vermissten. Die Polizei fand bisher mehrere Massengräber mit rund 40 Toten, zumeist wahrscheinliche Opfer des mexikanischen Drogenkriegs. Der Fall löste in ganz Mexiko eine Welle der Empörung aus, teilweise kam es zu gewalttätigen Protesten.

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