„Niemand beeilte sich, zu helfen“
Zu lange gewartet, zu wenig finanzielle Hilfe, personelle Fehler: Dass sich die Ebola-Epidemie so stark ausbreiten konnte, ist auch auf Pannen und Fehleinschätzungen vieler Regierungen und Organisationen zurückzuführen. Viele dieser Fehltritte sind in einem internen Dokument der Weltgesundheitsorganisation (WHO), das der Nachrichtenagentur AP zugespielt wurde, aufgelistet.
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Die WHO will zu dem von AP veröffentlichten Entwurf keine Stellung nehmen. Die Organisation kündigt einen umfassenden Bericht über den Umgang mit der Epidemie an, sobald diese unter Kontrolle sei und Ressourcen dafür zur Verfügung stünden. Das Dokument sei nur ein erster Entwurf und „Teil einer noch andauernden Analyse unserer Antwort (Anm. auf den Ebola-Ausbruch)“.
Weitere Krankheitsfälle erwartet
Nach WHO-Angaben starben bisher mehr als 4.550 Menschen. 9.216 Fälle wurden weltweit registriert. Für die kommenden Wochen werden weitere Erkrankungen erwartet.
Gegenüber Bloomberg News sagte WHO-Chefin Margaret Chan, dass sie „nicht voll informiert“ gewesen sei, als sich das Desaster entwickelte. Dem Bericht von AP zufolge sieht die WHO auch Pannen bei sich selbst. Demnach sei es verabsäumt worden, die Bedingungen für ein explosives Ausbreiten der Krankheit, die von Anfang an gegeben waren, zu erkennen. Es war auch von inkompetentem Personal, bürokratischen Verzögerungen etwa bei der Ausstellung von Visa und dem Fokus auf den Kampf gegen andere Krankheiten die Rede.
Hunderte Erkrankte nach Begräbnis
AP berichtet von anfänglichen Pannen. So wurde etwa ein Krankheitsfall in Guinea Anfang des Jahres von lokalen Ärzten und von Medizinern von Ärzte ohne Grenzen nicht als Ebola-Fall diagnostiziert. Die Krankheit konnte sich dadurch auf Liberia ausdehnen. Im April hätte demzufolge die Organisation Ärzte ohne Grenzen gewarnt, dass der Ausbruch der Krankheit außer Kontrolle sei. Dem hätte der WHO-Sprecher widersprochen. Erst im Juni wurde dem internen WHO-Entwurf zufolge Direktorin Chan über das Ausmaß der Epidemie informiert.
Bei einem öffentlichen Begräbnis eines Heilers in Sierra Leone im Mai steckten sich Hunderte weitere Menschen an. Gesundheitsexperte Peter Piot hält dieses Ereignis für den „Wendepunkt, der die Epidemie in Guinea wieder auflud und den Ausbruch in Liberia und Sierra Leone erstarken ließ“.
Obama verärgert
Auch US-Präsident Barack Obama, der in der Öffentlichkeit vor Panik und Hysterie warnt, scheint über einige Reaktionen auf Ebola von US-Behörden, aber auch der WHO verärgert, wie die „New York Times“ („NYT“) berichtete. Dem Bericht zufolge habe Obama das Ebola-Engagement der USA verstärkt, weil die WHO „langsam darauf reagiert“ habe.
Noch bevor Ebola stark in Westafrika Anfang des Jahres ausbrach, hatte es kleinere Vorfälle in anderen afrikanischen Ländern gegeben. „Wir dachten, wir tun, was wir gewöhnlich tun, um den Ausbruch unter Kontrolle zu bringen. Aber das war hier nicht der Fall“, analysiert Irwin Redlener, Direktor des National Center for Disaster Preparedness an der Columbia University in den USA. Es sei aber nicht nur die WHO zur Verantwortung zu ziehen, betont Redlener: "Niemand anderer, kein anderes Land, beeilte sich wirklich, zu helfen.
„Gefahr, Kampf zu verlieren“
„Wir alle haben Ebola unterschätzt. Heute wissen wir, dass wir mit jedem Tag, der ohne konsequentes Handeln vergeht, Gefahr laufen, den Kampf gegen Ebola zu verlieren“, warnte der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ („FAS“). Er forderte die EU zu größeren Anstrengungen auf. Der britische Premier David Cameron schlug in dieselbe Kerbe. Er verlangte von der EU, die Finanzmittel im Kampf gegen Ebola von bisher 450 Mio. Euro auf eine Milliarde Euro zu erhöhen.
„Die Ebola-Krise kann das definitive humanitäre Desaster unserer Generation werden“, so die Hilfsorganisation Oxfam am Samstag. Sie fordert mehr Soldaten, Finanzmittel und medizinisches Personal. Am Sonntag startet nun der Weltgesundheitsgipfel in Berlin. Der Kampf gegen Ebola wird im Mittelpunkt des Treffens mit über 1.000 Teilnehmern sein.
USA loben Kuba
Ebola führt nun auch zu einer Annäherung zwischen den USA und Kuba. Der ehemalige kubanische Präsident Fidel Castro schlug den USA vor, gemeinsam gegen Ebola vorzugehen. US-Außenminister John Kerry hatte Kuba am Freitag für seine Beteiligung am internationalen Einsatz gegen Ebola mit lobenden Worten gedankt.
Das ist ein äußerst seltener Vorgang, weil die US-Regierung dem Karibikstaat seit der kubanischen Revolution von 1959 äußerst feindlich gegenübersteht. Kerry erwähnte, dass Kuba - „ein Land mit knapp elf Millionen Einwohnern“ - 165 Ärzte und Krankenpfleger nach Westafrika geschickt habe und beabsichtige, noch etwa 300 mehr zu entsenden. Das ist laut WHO das größte Kontingent an Helfern, das ein einzelner ausländischer Staat für die Ebola-Hilfe schickte.
Impfstoff aus Kanada
Im Kampf gegen das Ebola-Virus stellt Kanada der WHO indessen einen Impfstoff zur Verfügung. Die Substanz habe verheißungsvolle Ergebnisse in Tierversuchen erzielt und werde derzeit am Menschen getestet, teilte die WHO am Samstag mit. Die WHO werde demnächst entscheiden, wie der experimentelle Wirkstoff weiterverteilt und eingesetzt werde.
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