Erstmals Straßenkämpfe
Über einem Gebäude des umkämpften Ain al-Arab (kurdisch: Kobane) hat am Montag bereits die Fahne der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) geweht. Trotz des Widerstands kurdischer Kämpfer sollen bereits die ersten IS-Truppen in die Stadt eingedrungen sein. Die Türkei versprach zwar bereits vergangene Woche Hilfe, doch mit dem Einsatz von Bodentruppen in den kommenden Tagen ist kaum zu rechnen.
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„Wir werden alles nur Mögliche unternehmen, um den Menschen in Kobane zu helfen“, sagte Ministerpräsident Ahmet Davutoglu dem US-Sender CNN - nicht ohne die eigene Hilfsankündigung zu relativieren: „Bodentruppen zu schicken ist aber natürlich eine andere Entscheidung.“ Wenn man in Ain al-Arab eingreife, müsse man in ganz Syrien intervenieren, so Davutoglu in dem am Montag in Auszügen im Internet veröffentlichten Interview.
„Integrierte Strategie“ gegen IS
Bereits vergangenen Donnerstag hatte das türkische Parlament mit großer Mehrheit eine Resolution verabschiedet, die der Regierung Militäreinsätze in Syrien und im Irak erlaubt. Bisher setzte Ankara aber noch keine konkreten Schritte. Laut Davutoglu will die Türkei jetzt mit den Mitgliedern der Anti-IS-Allianz darüber beraten, „was als Nächstes gegen ISIS (IS) zu tun ist - nicht nur in Kobane“.
Davutoglu sprach von einer „integrierten Strategie“ gegen IS in Syrien, im Irak und auch im Libanon. Diese Strategie müsse humanitäre, politische und militärische Aspekte umfassen. Es gehe zunächst darum, die Leben jener Menschen zu retten, die aus Ain al-Arab fliehen.
IS-Kämpfer in die Stadt eingedrungen
Nach Angaben aus Ain al-Arab stellen sich derzeit etwa 5.000 Kurden den IS-Extremisten entgegen. Wie lange die kurdischen Kämpfer den Angriffen der IS-Truppen noch standhalten können, ist allerdings unklar. Am Montagabend sollen die ersten Extremisten in die Stadt eingedrungen sein.
IS soll bereits Stadtteile kontrollieren
Die IS-Kämpfer haben sich „erstmals“ Straßenkämpfe mit den Kurden im Ostteil der Stadt geliefert, so die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Kurdische Kämpfer und IS-Milizionäre kämpften „in den Straßen, zwischen den Gebäuden“, sagte der Chef der Beobachtungsstelle, Rami Abdel Rahman. Nach Angaben der Aktivisten konnte der IS bis Montagabend drei Stadtteile erobern. Die IS-Kämpfer hätten eine Industriezone und die Viertel Maktala al-Dschadida und Kani Arabane in ihre Gewalt gebracht, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Montagabend mit.
Letzte Bastion vor dem Fall
Seit Beginn der Gefechte verließen bereits mehr als 180.000 Menschen die Stadt und die umliegenden Dörfern und flohen über die Grenze in die Türkei. Die kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) haben am Montag begonnen, die letzten Zivilisten aus der Stadt zu bringen, teilte die Journalistin Jenan Moussa auf dem Kurzmitteilungsdienst Twitter mit. Laut einem Mitarbeiter der syrisch-kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD) verließen allein am Montag mehr als 2.000 Bewohner Ain al-Arab. Es seien aber noch immer Menschen in der Stadt eingeschlossen, so Moussa auf Twitter.

Reuters/Umit Bektas
Auf einem Hügel und einem Gebäude in der Stadt wehte am Montag die IS-Fahne
Ain al-Arab ist die letzte Bastion in einer Enklave, die bisher von kurdischen Verbänden kontrolliert wurde. IS herrscht bereits über mehr als 300 Dörfer im Umland. Bis vor ein paar Wochen hatten die Kurden ihr Territorium in Nordsyrien fast lückenlos verteidigen können. Im Zuge des Vormarschs der mit modernsten Waffen und Panzern ausgestatteten Islamisten schmolz der Widerstand bis auf Ain al-Arab zusammen, wo er nun auch einbricht.
Kurden rufen um Hilfe
Die Hilferufe von kurdischer Seite werden von Tag zu Tag lauter. Am Montag warf Salih Muslim, Vizepräsident der PYD, der Internationalen Gemeinschaft Versagen beim Schutz von Ain al-Arab vor. „Die Welt schweigt“ angesichts des drohenden Massakers, so Muslim gegenüber der kurdischen Agentur Firat. Der kurdische Politiker kritisierte, niemand unterstütze die YPG, die Ain al-Arab gegen IS verteidigten. „Wir wollen Waffen, aber sie würden sie uns nicht einmal verkaufen.“
Auch für den stellvertretenden Außenminister der Kurdenregion, Idris Nahsen, reichen die von der US-Luftwaffe angeführten Angriffe auf die Dschihadisten nicht aus. Gegenüber der Nachrichtenagentur AFP forderte Nahsen die von den USA angeführte Militärallianz auf, den kurdischen Verteidigungseinheiten im Kampf gegen die vorrückende IS-Miliz „schwere Waffen, gepanzerte Fahrzeuge, Kanonen und Raketen“ zur Verfügung zu stellen. Außerdem müssten die Luftangriffe gegen den IS „wirksamer“ geführt werden.
Niederländische Kampfbomber über dem Irak
Seit Anfang August fliegt die US-Luftwaffe Angriffe auf IS-Stellungen im Irak, seit Ende September außerdem in Syrien. Unterstützt werden die USA dabei von Jordanien, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Aus Europa erhält die Koalition außerdem militärische Unterstützung von Frankreich und Großbritannien.
Am Sonntag flogen erstmals auch niederländische Kampfbomber über dem Irak. Die F-16-Flugzeuge sollen Luftunterstützung für irakische und kurdische Bodentruppen leisten. Das australische Militär teilte am Montag mit, auch erste australische Kampfjets seien im Irak zum Einsatz gekommen. Luftangriffe gab es demnach aber noch nicht.
Selbstmordanschlag auf syrische Kämpfer
Nahe der Grenze zum Irak kamen in der nordostsyrischen Stadt Hassaka unterdessen bei einem Doppelanschlag mindestens 30 kurdische Kämpfer und Sicherheitskräfte um Leben. Die Anschläge ereigneten sich laut der syrischen Beobachtungsstelle am nördlichen Zugang zur Stadt.
Laut Beobachtungsstellen-Chef Rahman brachten zwei Selbstmordattentäter ihre mit Sprengstoff präparierten Lieferwagen zur Explosion und rissen die Kämpfer der YPG und Sicherheitskräfte mit in den Tod. Hassaka ist die Hauptstadt des gleichnamigen Provinz. In der Region leben mehrheitlich Kurden und Aramäer.
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