Charmeoffensive von beiden Seiten
Die beiden asiatischen Wirtschaftsriesen China und Indien wollen ihre Handelsbeziehungen mit milliardenschweren Verträgen ausbauen. Bisher waren die beiden Wirtschaftsmächte eher auf Distanz zueinander gegangen. Der dreitätige Besuch von Chinas Präsident Xi Jinping war der erste seit acht Jahren - und erst der dritte überhaupt.
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Für China und Indien steht jeweils viel auf dem Spiel. Indiens Premier Narendra Modi hofft, durch die Milliardeninvestitionen Chinas die von ihm im Wahlkampf versprochenen Arbeitsplätze realisieren zu können. China wiederum will seine Grenzen im Südwesten beruhigen, um die Beziehungen zu Japan, Vietnam, den Philippinen und den USA zu entspannen, so die „New York Times“ („NYT“). Zudem passieren drei Viertel des von China importierten Öls den Indischen Ozean.

Reuters/Amit Dave
Narendra Modi und Xi Jinping
Zu Beginn des am Freitag beendeten Besuchs war von möglichen Geschäften in der Höhe von 100 Mrd. Dollar (77,2 Mrd. Euro) die Rede gewesen, schließlich wurden laut „NYT“ Geschäfte zwischen 20 und 50 Mrd. Dollar abgeschlossen, die auch Investitionen in Chinas Bahninfrastruktur beinhalten. Unter anderem wurde ein Vertrag über zwei chinesische Gewerbeparks in Indien unterzeichnet, der laut chinesischen Delegationskreisen ein Volumen von insgesamt 6,8 Mrd. Dollar (5,27 Mrd. Euro) haben soll.
Indien soll zudem besseren Zugang zu Chinas Märkten erhalten, etwa für seine Medikamente. Neben einem entsprechenden Fünfjahresvertrag wurden auch milliardenschwere Kredite für den verstärkten Import von chinesischen Waren nach Indien unterzeichnet. Chinesische Banken finanzieren außerdem die Flottenausweitung der indischen Billigfluglinie IndiGo, und die Telekomausrüster ZTE und Huawei schlossen jeweils Deals über 150 Mio. Dollar. Die beiden Länder wollen auch in der Raumfahrt und in der Nuklearenergie zusammenarbeiten.
Indien als Chinas Stiefkind
Die Deals gelten als Meilenstein für das beiderseitige Verhältnis, da China den südlichen Nachbarn in Sachen Investitionen bisher eher stiefmütterlich behandelte: Binnen 14 Jahren flossen nur 400 Mio. Dollar (rund 310 Mio. Euro) in das Nachbarland. Die Regierung in Neu-Delhi hofft ihrerseits darauf, dass Firmen der IT-Service- und der Pharmabranche in China Fuß fassen können. In einem Kommentar für die indische Zeitung „The Hindu“ forderte Chinas Staatspräsident Xi eine engere Kooperation der beiden Staaten. „Als Motoren der asiatischen Wirtschaft müssen wir als Partner zusammenarbeiten und die Speerspitze des Wachstums bilden.“
Jahrelanges Misstrauen
Der Besuch wurde von Grenzstreitigkeiten in der Himalaya-Region belastet, die bereits seit Jahrzehnten für Konflikte sorgen. Indischen Medien zufolge drangen rund 1.000 chinesische Soldaten auf indisches Gebiet vor. Die beiden asiatischen Giganten streiten sich seit Jahrzehnten über den Grenzverlauf; 1962 führten sie auch einen kurzen Grenzkrieg.
Modi sagte während des Besuchs von Xi, die beiden Länder sollten nun endlich ihre Grenzen festlegen. Nach Angaben der indischen Regierung verletzte China allein in diesem Jahr schon mehr als 300-mal die Grenze. In den letzten Jahren bauten beide Staaten ihre Präsenz in der Region aus. Modis Vorgänger wurde lange Zeit vorgeworfen, im Grenzstreit zu zögerlich zu sein.
China schaltet auf Deeskalation um
Rechtzeitig zum Abschluss des Besuchs von Xi am Freitag schaltete China dann offenbar auf Deeskalation um und begann laut übereinstimmenden Meldungen mit dem Abzug der Truppen. Auch die Zahl indischer Soldaten in der Region Ladakh wurde demnach reduziert. Eine Quelle aus paramilitärischen indischen Verbänden sagte, die Lage sei „deeskaliert“ worden, auch wenn noch einige chinesische Soldaten im Süden Ladakhs verblieben seien.
Allerdings könnten die Gespräche, die Indien und China jeweils mit anderen Ländern fürhren, die neue Annäherung belasten. So verhandelt Indien mit Vietnam und Australien über eine engere Kooperation der Marine, während China in Südasien Häfen und Anlagen baut, die Indien seinerseits mit Argwohn betrachtet. Entsprechend sei der ganze dreitägige Besuch von beiden Seiten als regelrechte Charmeoffensive geplant, schreibt die „NYT“ weiter. Die Station des ersten Zusammentreffens, Ahmedabat im Unionsstaat Gujarat, war sorgsam gewählt: Gujarat ist die Heimat Modis, der am Mittwoch zudem seinen 64. Geburtstag feierte.
Neue Linie in Indiens Außenpolitik?
Modi hatte unmittelbar nach seiner Wahl im Mai den Kontakt zu Peking gesucht. Gleichzeitig sieht er China aber als Konkurrenten und kündigte an, Peking in der Außenpolitik entschiedener entgegenzutreten als die Vorgängerregierung. Indiens neuer Premier hat sich seit seinem Amtsantritt stark auf die Außenpolitik und die Beziehungen Indiens zu anderen Staaten konzentriert. So war er unter anderem fünf Tage in Japan, wo er besonders enge Beziehungen zu Premierminister Shinzo Abe pflegte. Ende des Monats wird er in die USA reisen.
Für die „Asia Times“ hat Modi seine eigene Linie noch nicht gefunden, er schlage aber eindeutig neue Wege ein und setze nicht so sehr auf eine Fortführung der bisherigen, besonders US-freundlichen Außenpolitik. Das wurde demnach offenbar auch in den USA bemerkt: So sollte Modi bei seinem Besuch eigentlich vor dem US-Kongress sprechen, doch die Pläne wurden laut „Asia Times“ auf Eis gelegt.
Modi brauche viel Vertrauen, wenn er China milliardenschwere Iinvestitionen in Indiens Infrastruktur ermögliche, so die „Asia Times“ weiter. Im besten Fall würden die Verbindungen zwischen Indien und China und ihre Zusammenarbeit gegen den Rest der Welt enger. Ein pragmatischer Ansatz könnte auch sein, zumindest die gemeinsame Grenze zu beruhigen, damit ein Mindestmaß an Kooperation möglich sei und auch beiden einen Nutzen bringe.
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