Gedanken auf der „Zielgeraden“
Rund vier Jahre nach seinem Werk „Altwerden ist nichts für Feiglinge“ hat Schauspieler und Showmaster Joachim Fuchsberger in seinem neuen Buch „Zielgerade“ über den Zustand der Welt sinniert, vor allem der politischen. Es erschien nur wenige Wochen vor seinem Tod am Donnerstag.
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
Fuchsberger machte sich auch Gedanken über das Alter und streute Anekdoten und Erinnerungen aus seinem Leben ein. Sein Fazit war kein Gutes: Die Menschen in Deutschland haben jedes Maß verloren. Fuchsberger hat viel erlebt: eine Kindheit unter Hitler, als 16-Jähriger zum Kriegsdienst eingezogen, dann Gefangenschaft - und schließlich nach 1945 sein Aufstieg in Film und Fernsehen und lange Jahre in Australien.
Seit fast 60 Jahren war der im Alter von 87 Verstorbene mit der Schauspielerin Gundula Korte verheiratet. Affären? Keine bekannt. Alles bestens - bis zum Oktober 2010, als Sohn Thomas mit 53 Jahren ertrank. Ein Schicksalsschlag, den das Paar bis zuletzt nicht verwunden hatte. „Die Gedanken an ihn erfüllen uns jeden Tag, jede Nacht“, schilderte „Blacky“ Fuchsberger in seinem autobiografisch gefärbten Buch „Zielgerade“, das einen eher pessimistischen Blick auf das Leben heutzutage wirft.
Fuchsbergers Rat: „Kleinere Brötchen backen“
„Sicher scheint mir, dass sich bei allen eine gewissen Großmannssucht breitmacht. Viele scheinen zu glauben, die Bundesrepublik sei eine Weltmacht“, bemängelte er und riet: „Wohl oder übel, wir sollten anfangen, kleinere Brötchen zu backen, bevor uns auf der Zielgeraden der Dampf ausgeht.“
Roter Faden der 33 Kapitel ist die Bundestagswahl im Herbst 2013 und das anschließende zähe Ringen um eine Koalition, das Fuchsberger in verschiedenen Facetten immer wieder kommentierte, mit bisweilen leicht polemischem Unterton. An den Machthabenden ließ er kaum ein gutes Haar, vor allem nicht während des Wahlkampfes: „Es ist also eine Zeit, in der wir Bürger von unseren Politikern belogen werden, dass sich die Balken biegen.“
Buchhinweis
Joachim Fuchsberger: Zielgerade. Gütersloher Verlagshaus, 224 Seiten, 20,60 Euro.
Den Grünen empfahl er wegen der Kampagne zum Veggie-Day: „Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker nach Pillen, die die Gehirnzellen anregen.“ Auch das Berliner Flughafendebakel und die Affäre rund um die Beschäftigung von Familienangehörigen im Bayerischen Landtag griff er auf. Die Wirkung auf die Bürger sei fatal, merkte er an: „Unzufriedenheit, wohin man schaut oder hört.“
„Viele Gedanken, auch dumme“
Auch einen Schwenk auf die Nazi-Vergangenheit seines Vaters gibt es, der als Funktionär im nationalsozialistischen Kraftfahrkorps NSKK viele Ausflüge organisiert hatte. Fuchsberger erinnerte sich gerne an diese Zeit, konnte als Kind die Rolle seines Vaters aber noch nicht so recht einordnen. „Was er wohl dachte, als zur gleichen Zeit vor seinen Augen jüdische Schaufenster beschmiert und zerschlagen, die Geschäfte boykottiert wurden? Wir haben uns nie darüber unterhalten“, gab der Schauspieler zu.
Immer wieder nahm der 87-Jährige auch seine Altersgebrechen aufs Korn. „Auf vier verschiedenen Intensivstationen kommen einem viele Bilder und viele Gedanken, auch dumme“, bekannte er gleich zu Beginn. „Mein Verfallsdatum ist längst überschritten und ein paar deutliche Vorwarnungen sind schon bei mir eingegangen.“ Innige Worte fand er für seine Frau, die er „meine Regierung“ nannte und der er das Buch gewidmet hat. „Wir haben nichts ausgelassen, kein Kelch ist an uns vorübergegangen. Wir teilten höchstes Glück und tiefste Verzweiflung. Wir haben uns gegenseitig an die Hand genommen, Hilfe beieinander gesucht und gefunden.“
Die Frage „Wer verlässt wen zuerst?“ bewegte sie beide. Für Fuchsberger war klar: „Ich würde es nicht lange ohne sie aushalten, würde alles tun, um ihr so schnell wie möglich zu folgen.“ Immer öfter saß er zuletzt mit Gundel auf einer Bank im Garten, schrieb Fuchsberger zu Ende seines Buches. „Wir spielen Philemon und Baucis und warten Hand in Hand auf das, was da wohl noch kommen mag.“
Link: