Themenüberblick

Nostalgie im Wiener Prater

Zeitreise im Wiener Prater: Ein letztes, aber ein wirklich allerletztes Mal gibt Kurt Ostbahn seinen Fans, was sie brauchen - Zuspruch und ein Konzert mit dezenter Überlänge. Anlässlich des 30-Jahr-Jubiläums spielte Ostbahn am Freitagabend auf der Kaiserweise im Wiener Prater. Am Sonntag folgt ein Zusatzkonzert. Vom Charme von damals haben Ostbahn und seine „Musikanten“ nichts eingebüßt.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Einmal mehr waren es die Fans, die die legendäre Kunstfigur aus der Pension holten. Bei den bisher letzten beiden Konzerten 2011 galt es, 20 Jahre „Heimspiel“ auf dem Ostbahn-XI-Platz zu feiern. Diesmal war der Anlass 30 Jahre „Ostbahn-Kurti“ - zumindest in seiner realen Ausprägung.

Willi Resetarits alias Dr. Kurt Ostbahn während eines Konzertes in Wien

APA/Herbert Pfarrhofer

Ostbahn ausnahmsweise ohne die früher obligate Sonnenbrille

Die „Kurtologen“ bekamen, was sie wollten: Natürlich war bei genauerer Betrachtung zu sehen, dass die Jahre auch an Ostbahn und Mitstreitern nicht ganz spurlos vorbeigegangen sind. Doch sie präsentierten sich vor Tausenden Zusehern spielfreudig wie eh und je. Der nostalgische Abend zeigte vor allem eines: wie mächtig und vor allem nachhaltig ein quasi am Reißbrett erfundener Popstar sein kann, wenn bei einem genialen Entwurf auch noch die Zutaten passen.

Ein Mythos, schon bevor er da war

Die Kunstfigur „Ostbahn-Kurti“ hatten zwei Personen mit Leben erfüllt: Willi Resetarits als Darsteller und der 2000 verstorbene Günter Brödl, Texter, Schöpfer und Mastermind. Schon 1979 hatte er für ein Theaterstück die Figur geschaffen und in den Folgejahren einen Kult um die imaginäre Person aufgebaut. Es gab Zeitungsporträts, zwei „vergriffene“ Alben, mysteriöse Plakate und Transparente und „ausverkaufte“ Konzerte.

Erst 1983 traf Brödl Resetarits, damals noch Mitglied der Politband „Schmetterlinge“ mit Song-Contest-Erfahrung. Die Kunstfigur wurde mit Leben gefüllt.

Mehr als nur Coverversionen

Der Schriftsteller, Journalist und vor allem US-Musikkenner Brödl übersetzte amerikanische Hits, allen voran von Bruce Spingsteen, ins Wienerische - und es sollten mehr als nur Coverversionen werden. Der „Favorit’n-Blues“ war geboren - mit feinem Gespür und Auge für das Leben in der Vorstadt, für das Leben des viel zitierten „kleinen Mannes“. Anders gesagt: Es war wahrscheinlich der bisher letzte auf breiter Ebene erfolgreiche Versuch einer positiv konnotierten Arbeiterkultur.

1985 entstand die erste LP „Ostbahn-Kurti & die Chefpartie“, und auch live erspielte sich die Band - etwa mit ihren legendären „Krampuskränzchen“ - bald einen Ruf, der seinesgleichen suchte.

Exzellente Musiker, Wiener Schmäh

Mit exzellenten Musikern und Charme und Schmäh, wurden „Ostbahn-Kurti“ und die Chefpartie die heimische Variante einer Stadionrockband – meist ohne Stadion, denn auch die Locations der Großkonzerte sprachen für sich: auf dem Wiener Großgrünmarkt, im Strandbad Podersdorf, auf dem Simmeringer Ostbahn-XI-Platz und schließlich die „Abschiedkonzerte“ auf der Hohen Warte und zuletzt im Prater.

Willi Resetarits alias Dr. Kurt Ostbahn während eines Konzertes in Wien

APA/Herbert Pfarrhofer

Gut gelaunt beim „Heimspiel“

Trotz starker Wien-Lastigkeit konnte Ostbahn in ganz Österreich punkten und sogar in Deutschland gefeierte Konzerte geben, auch wenn das norddeutsche Publikum mitunter wohl einen Simultandolmetscher für die Texte brauchte. Mitte der 1990er Jahre verabschiedete sich die Chefpartie, die Kombo trat an ihre Stelle, noch stärker wurden Eigenkompositionen ins Repertoire aufgenommen. Aus dem „Ostbahn-Kurti“ wurde Kurt Ostbahn, später auch noch gern mit „Herr Doktor“ geadelt.

Pop und Politik

Nicht wegzudenken ist das gesellschaftliche politische Engagement, das die Kunstfigur Ostbahn mit seinem Darsteller Resetarits verbindet. „Inländerrum statt Ausländer raus!“, hieß es bei Ostbahn. Und sogar eine Präsidentschaftskandidatur wurde gefordert: „Wenn schon Kurti, dann Ostbahn-Kurti“ stand vor mehr als 20 Jahren unter Anspielung auf die Kandidaten Kurt Waldheim und Kurt Steyrer auf T-Shirts. Resetarits gründete das Wiener Intergrationshaus, die FPÖ sprach bisweilen von einem „linken Agitator“.

Der Erfolg ist umso erstaunlicher, als Bluesrock mit teilweise gefährlicher Nähe zum Classic Rock auch während der Glanzzeiten Ostbahns nicht gerade als der angesagteste Musikstil galt. Und zehnminütige Blues- und Solirorgien – etwa wie bei „Gspensta“ am Freitag – sind zu Recht nicht jedermanns Sache.

Gesamtkunstwerk Ostbahn

Brödls Konzept war aber mehr als die Musik: Er schrieb mehrere Ostbahn-Krimis, „Blutrausch“ wurde schließlich verfilmt. Auch wenn manches hier sehr ins sehr Plakative kippte, das Gesamtkunstwerk Ostbahn sucht heute noch seinesgleichen. Und nach dem plötzlichen Tod Brödls musste Resetarits den Ostbahn konsequenterweise in die Pension schicken – um sich später anderen musikalischen Projekten wie seinem „Stubnblues“ zu widmen. Auch seine Mitstreiter zogen sich in andere musikalische Felder zurück, bei denen es großteils keine goldene Nase zu verdienen gibt.

Brodelnde Stimmung

Doch auch sie schienen am Freitag beim Entmotten ihrer Alter Egos noch einmal Spaß zu haben. Und mit „Stadt aus Stan“ kochte schon 15 Minuten nach dem pünktlichen Konzertstart die Stimmung. Beschaulicher ging es bei musikalischen Geschichten aus dem „Espresso Rosi“ zu, ehe das Hitfeuerwerk mit „Der Joker“, „Arbeit“, „57er-Chevy“ und „Chili con Carne“ völlig zündete - und Musiker eigentlich zur Begleitband des singenden Publikums wurden.

Willi Resetarits alias Dr. Kurt Ostbahn während eines Konzertes in Wien

APA/Herbert Pfarrhofer

Auch in puncto Konzertlänge ließen sich Ostbahn und Mitstreiter nicht lumpen

Nach dem gewohnt opulenten Zugabenblock gab es bei bereits aufgedrehter Beleuchtung noch „Wia im Kino". „Passt’s auf, seid’s vursichtig und losst’s eich nix gfoin“, verabschiedete sich Ostbahn klassisch. Ob sich das tobende Publikum es gefallen lassen wird, dass nach dem Zusatzkonzert am Sonntag mit dem Ostbahn wirklich Schluss sein soll?

Christian Körber, Georg Krammer, ORF.at

Links: