Themenüberblick

Ein Schnaps für die Karriere

Südkoreas Alkoholkonsum ist beachtlich: In keinem anderen Land auf der Welt wird so viel Hochprozentiges getrunken wie dort. Große Unternehmen wie Samsung haben deshalb schon vor zwei Jahren diverse Aktionspläne ins Leben gerufen - bisher mit mäßigem Erfolg. Denn ausgerechnet deren streng hierarchische Firmenstruktur begünstigt das Komasaufen unter Mitarbeitern.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Wenn am Montag die Fabriken und Firmen in Südkoreas Hauptstadt Seoul schließen, bleibt die Stoßzeit auf den Straßen aus. Viele Mitarbeiter lassen ihre Autos stehen, denn nach der Arbeit steht „Hoesik“ auf dem Programm - ein Trinkgelage mit den Kollegen. Und dort fließt Soju, ein Likör auf Reisbasis, in Strömen.

Laut einer 2011 veröffentlichten Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum weltweiten Alkoholkonsum trinkt jeder erwachsene Südkoreaner im Durchschnitt 9,57 Liter Hochprozentiges pro Jahr. Damit hängen Südkoreaner selbst trinkfeste Nationen wie Estland (9,15 Liter) und Russland (6,88 Liter) ab. In Österreich werden pro Einwohner überhaupt nur 1,6 Liter Hochprozentiges im Jahr getrunken.

„1-1-9“-Regeln für nüchterne Mitarbeiter

Die Alkoholkarriere beginnt bei vielen Koreanern früh. Eine Studie des Korean Alcohol Research Foundation (KARF) belegt, dass jeder dritte männliche Student mehr als dreimal pro Woche zur Flasche greift, und zwar bis zur Bewusstlosigkeit. Arbeitsausfälle und Krankenstände bescheren dem südkoreanischen Staat Kosten in Milliardenhöhe, und auch vielen Unternehmen geht das ausschweifende Feiern mittlerweile zu weit.

So führte Samsung bereits 2012 die „1-1-9“-Regel ein. Sie besagt, dass nur eine Sorte Alkohol an nur einem Ort und nur bis 21.00 Uhr getrunken werden darf. Zudem sollen junge Mitarbeiter nach Hause gehen dürfen, wann immer sie es wünschen. Doch die herrschende Unternehmenskultur ist nach wie vor von Respekt für Ältere und Hierarchien geprägt. Ein Arbeitstag endet in Südkorea üblicherweise nicht, wenn die Arbeitsstunden abgeleistet sind, sondern wenn der Chef die Mitarbeiter entlässt.

Ein Blog nur für Schnapsleichen

Hat der Chef jedoch nicht den dringenden Wunsch, nach Hause zu gehen, kommt es häufig vor, dass ihn die Mitarbeiter noch in die nächste Bar zum „Belegschaftsessen“ begleiten müssen. Den Untergebenen obliegt es dabei, ihre Vorgesetzten zu unterhalten und mit reichlich Alkohol zu versorgen. Wer sich nicht an die Regeln hält, hat kaum Aussichten, die Karriereleiter weiter nach oben zu klettern. Der Anblick von komatösen Menschen, die in Geschäftskleidung auf der Straße oder in Hausecken liegen, gehört mittlerweile zum Alltag und wird auch im Blog Black Out Korea abgebildet.

Lockerere Regeln für mehr Kreativität

Grundsätzlich gehören verkaterte Mitarbeiter bei Samsung zur Normalität. Doch mit dem wachsenden Innovationsdruck auf einem immer härter umkämpften Smartphone-Markt versucht das Unternehmen seine Firmenstrukturen umzukrempeln. Die strengen Hierarchien sind zwar äußerst effizient, wenn es darum geht, rasch auf neue Technologien zu reagieren - Raum für Kreativität, Innovationen und Entwicklung ist dort jedoch kaum gegeben. Versuche, Teams für Ideenfindungen freizustellen, sorgte bisher eher für Verunsicherung als für kreative Höhenflüge.

Veränderungen sind auch notwendig, da junge Südkoreaner neue Ansprüche an ihren Arbeitsplatz stellen. Nicht mehr nur das Gehalt alleine, sondern auch die Work-Life-Balance gewinnt bei Studenten an Wichtigkeit. Das spiegelt sich auch im aktuellen Ranking der beliebtesten Arbeitgeber wider. Erstmals seit zehn Jahren ist nicht mehr Samsung die Nummer eins. Der Konzern wurde von Korea Air Lines überholt - weil dort die Arbeitszeiten deutlich geringer sind.

Links: