Gemeinschaftssinn im „vertikalen Slum“
Es sollte ein Prachtbau und die Antwort Venezuelas auf die Wall Street werden - und wurde zum Schandfleck der Hauptstadt Caracas. 1990 startete der Investor David Brillembourg den Bau des Centro Financiero Confinanzas. Drei Jahre später geriet sein Bankenimperium ins Trudeln, er selbst starb. Der Staat übernahm den Rohbau, ehe 2007 Hunderte obdachlose Familien das Gebäude in Beschlag nahmen. Nun wird der „Torre de David“ geräumt.
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Die rund 3.000 Bewohner sollen in Wohnanlagen südlich der Stadt umgesiedelt werden, teilte Ernesto Villegas, Staatsminister für die revolutionäre Umgestaltung des Großraumes von Caracas, am Dienstagabend (Ortszeit) mit. Dass die venezolanische Regierung die rasche Räumung in Auftrag gegeben hat, liegt wohl auch daran, dass das Bauwerk vergangenes Jahr plötzlich weltweit in Medien zu finden war. Eine Folge der dritten Staffel der US-Serie „Homeland“ spielte im „Torre de David“, daraufhin boomten Reportagen über den Turm.

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„Torre de David“ wurde zum Symbol für die Wohnungsnot in Caracas. Rund 150 Gebäude in der Stadt sind besetzt, darunter auch ein ganzes Einkaufszentrum nur zwei Blöcke vom Turm entfernt.

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Zu 60 Prozent wurde der Bau fertiggestellt, ehe das Geld ausging

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Nach dem Baustopp 1994 rottete das Haus im Staatsbesitz jahrelang vor sich hin. Eine Auktion 2001 scheiterte.

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Selbst einen Hubschrauberlandeplatz hat das Gebäude

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Unter Führung des Ex-Bandenmitglieds Alexander „El Nino“ Daza haben die Bewohner eine strenge Ordnung eingeführt: Neuankömmlinge müssen eine dreimonatige Probezeit absolvieren, wer mit Drogen hantiert und gewalttätig ist, fliegt raus.

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In Eigenregie haben die Bewohner Wasser- und Stromleitungen gelegt, selbst Gärten wurden angelegt. Begleitet wurde das Projekt vom internationalen Kollektiv Urban-think Tank. Die Architekturbiennale von Venedig prämierte 2012 diese Eigeninitiative.

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Von den Bewohnern wird ein kleiner Betrag verlangt, um die Infrastruktur aufrechtzuerhalten. Neben Strom und Wasser gehört dazu auch ein Wachdienst.

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Pro Stockwerk gibt es einen gewählten Koordinator - die Ansprechperson für Bewohner und Delegierter in einem Hausgremium, das die wichtigen Entscheidungen trifft

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Ein Sündenpfuhl, wie er in „Homeland“ dargestellt wurde, war das Gebäude nie. Es gab im Haus kaum Kriminalität, sagten die Bewohner stolz.

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Vor allem junge Familien zogen in den vergangenen Jahren in den Turm.

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28 der 45 Stöcke sind bewohnt, doch Aufzüge gibt es keine. Bis zum zehnten Stock gibt es „Motorradtaxis“, die über die Parkdecks Bewohner nach oben transportieren. Ab dann heißt es Stiegen steigen.

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Neben Wohnungen etablierten sich in dem Gebäude auch improvisierte Arztpraxen, Geschäfte, Lokale und Fitnessstudios

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Urban-think Tank will die Absiedlung der Familien genau verfolgen, hieß es in einem Statement: Nicht weil „Torre de David“ per se schützenswert sei, sondern weil man hoffe, dass die Regierung alte Fehler bei der Wohnpolitik nicht wiederhole

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160 der insgesamt 1.156 Familien wurden mit Hilfe des Militärs am ersten Tag der Räumung umgesiedelt

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Die Stockwerke sieben, neun und 28 wurden als erste geräumt

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Es sei keine Räumung, so der Minister, sondern eine harmonische und mit der Hausgemeinschaft akkordierte Aktion, so Minister Villegas

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Wegen fehlender Mauern und anderer Mängel sei der Turm zu gefährlich, so die offizielle Begründung für die Räumung. Mehrere Kinder seien schon in die ungeschützten Treppenschächte gestürzt, sagte Villegas. „In dem Turm ist selbst ein Minimum an Sicherheit und Würde nicht gewährleistet.“

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Lokale Medien vermuten aber andere Gründe: Chinas Staatspräsident Xi Jinping besuchte vor kurzem Caracas und schloss etliche Wirtschaftsdeals ab. Gemunkelt wird nun, chinesische Investoren könnten das Gebäude übernehmen.
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