Luftfahrtermittler machen Ferndiagnose
Vier Tage nach dem mutmaßlichen Abschuss der malaysischen Boeing in der Ostukraine, haben Ermittler aus den Niederlanden am Montag in der Nähe der Absturzstelle die Überreste von Opfern untersucht. Die Leichen von etwa 250 Insassen sind in Zugswaggons am Bahnhof in Tores aufbewahrt, zu denen die Experten nun von den prorussischen Separatisten Zugang erhielten.
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Die drei Fachleute aus den Niederlanden und Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hätten Zugang zu den drei Waggons in der Ostukraine bekommen, teilte eine Sprecherin der OSZE mit. Nach Auffassung der Experten sind die Leichen fachgerecht gelagert. Davor hatte es geheißen, dass es sich bei den Waggons nicht um gekühlte Wagen handle. Die Ermittler erhoffen sich nicht nur eine Identifikation der Opfer, sondern auch Rückschlüsse auf die Ursache des Absturzes von MH17 über der Ostukraine.
Alle Waggons des unweit vom Absturzort stehenden Zugs unter Kontrolle der prorussischen Separatisten wurden geöffnet, und die darin liegenden Leichen wurden von jeweils zwei Männern mit Gasmasken untersucht, wie Reporter der Nachrichtenagentur berichteten.
282 Leichen geborgen
Rettungskräfte stellten Montagnachmittag die Suche nach Opfern offiziell ein. Die Helfer hätten 282 Leichen sowie 87 Leichenteile der übrigen 16 Todesopfer gefunden, sagte Vizeregierungschef Wladimir Groisman in Kiew. Die einheimischen Teams würden damit die Arbeiten in der Nähe von Grabowo vier Tage nach dem Absturz der Boeing 777-200 einstellen. Die Fläche war zuletzt von 35 auf 50 Quadratkilometer erweitert worden. Rund 200 Helfer und etwa 800 Freiwillige aus der früheren Sowjetrepublik waren im Einsatz.
Separatisten behindern Abtransport von Opfern
Laut den niederländischen Experten soll der Zug mit den Opfern noch am Montag den von Separatisten kontrollierten Bahnhof Tores verlassen. Er wolle, dass der Zug an einen Ort fahre, „wo wir unsere Arbeit machen können“, sagte der Chef des Identifizierungsteams. Offenbar soll der Zug nach Charkiw gebracht werden, wo die Identifizierung koordiniert werden soll. Die ukrainische Regierung kritisierte, dass die Separatisten immer noch die Abfahrt des Kühlzuges von Tores Richtung Charkiw verzögerten.
Die ukrainische Regierung hatte sich bereiterklärt, die Leitung der Ermittlungen zum Absturz niederländischen Experten zu überlassen. Die weitaus meisten Opfer stammten aus den Niederlanden. In Charkiw richtete das niederländische Team ein Zentrum zur Identifizierung der Opfer ein. Die Niederlande wollen jedoch die Opfer so schnell wie möglich außer Landes bringen. „Die Identifizierung geht in den Niederlanden viel schneller“, sagte Ministerpräsident Mark Rutte im Parlament in Den Haag.
Wrack aus 300 Kilometern Entfernung „untersucht“
Zunächst nur via Ferndiagnose untersuchen außerdem ausländische Luftfahrtexperten den Absturz der Boeing. 14 Experten wurden am Montag mit einem Flugzeug des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko in die Großstadt Charkiw geflogen, wie dessen Pressedienst in Kiew mitteilte. Zunächst verschafften sie sich von Charkiw aus anhand von Fotos der 300 Kilometer entfernten Unglücksstelle bei Grabowo einen Überblick. Dann gaben sie Fachleuten an der Absturzstelle die Order, weitere Panoramabilder zu erstellen. Auch Teile des Rumpfes und des Cockpits wurden genauer fotografiert.
Das Passagierflugzeug von Malaysia Airlines mit 298 Menschen an Bord war am Donnerstagabend im umkämpften Osten der Ukraine abgestürzt. Die Staatsführung in Kiew und die prorussischen Separatisten in der Region bezichtigen sich gegenseitig, die Boeing 777 abgeschossen zu haben. Die USA haben den Verdacht geäußert, dass die Aufständischen die Boeing mit einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen haben.
Moskau: Ukrainischer Kampfjet war nahe Boeing
Wie das russische Militär am Montag mitteilte, soll vor dem Absturz der Maschine ein ukrainischer Kampfjet in der Nähe gewesen sein. Der Abfangjäger vom Typ Suchoi-25 sei auf die Boeing 777 zugeflogen, sagte Generalleutnant Andrej Kartopolow vom russischen Generalstab in Moskau. „Die Entfernung der Su-25 zur Boeing lag zwischen drei und fünf Kilometern.“ Das ergebe sich aus Aufzeichnungen der russischen Flugüberwachung. So ein Kampfjet sei mit Luft-Luft-Raketen bewaffnet, der auf diese Entfernung ein Ziel hundertprozentig zerstören könne. Die Ukraine solle Auskunft über dieses Flugzeug geben, forderte er.
Separatisten: Kämpfe in Zentrum von Donezk
Montagfrüh sind gleichzeitig neue Kämpfe ausgebrochen: Ukrainische Soldaten versuchen offenbar, in die von prorussischen Separatisten kontrollierte Stadt Donezk einzudringen. Ein Anführer der Separatisten sagte am Montagvormittag, es gebe Kämpfe in der Innenstadt in der Nähe eines Bahnhofs. Ein Sprecher der ukrainischen Armee sagt, die Militäroperation in der Ostukraine sei in einer „aktiven Phase“, wollte aber nicht zu Berichten über Kämpfe in der Stadt Donezk Stellung nehmen.
Poroschenko ruft einseitige Waffenruhe aus
Der ukrainische Präsident Poroschenko befahl der Armee, die Kampfhandlungen um den Absturzort des malaysischen Passagierflugzeugs unverzüglich einzustellen. „Ich habe angeordnet, dass die ukrainischen Militärs in einem Radius von 40 Kilometern vom Ort der Tragödie keine Operationen durchführen und das Feuer nicht eröffnen dürfen“, sagte er am Montag in Kiew. Poroschenko sprach sich auch für die Beteiligung russischer Experten an der Untersuchung des Absturzes aus. Ziel sei „maximale Transparenz“.
Putin warnt vor politischem „Missbrauch“
Kreml-Chef Wladimir Putin wies am Montag in einer Videobotschaft eine Verantwortung Russlands zurück und warnte vor einem „Missbrauch“ der Katastrophe. „Russland unternimmt alles, damit der Konflikt zu Gesprächen mit friedlichen und ausschließlich diplomatischen Mitteln übergeht“, sagte Putin. Niemand dürfe die Tragödie für eigennützige politische Ziele ausnutzen. „Solche Ereignisse sollten Menschen nicht trennen, sondern zusammenführen“, unterstrich der russische Präsident.

APA/AP/Dmitry Lovetsky
Ein Separatist hält das Stofftier eines Opfers hoch
Russland mit eigenem Resolutionsentwurf
Der UNO-Sicherheitsrat könnte noch am Montag über eine Resolution zum Absturz der Passagiermaschine abstimmen. Dem Gremium liegen zwei Resolutionsentwürfe zur Abstimmung vor. Russland hatte in der Nacht einen eigenen Vorschlag vorgelegt, der sich an einem Entwurf Australiens orientiert. Unterschiede gibt es jedoch bei der Rolle der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO).
Der australische Entwurf fordert von allen Beteiligten, insbesondere den prorussischen Separatisten, eine uneingeschränkte Zusammenarbeit mit den internationalen Behörden. Gleichzeitig wird jede Manipulation an der Absturzstelle untersagt. In dem Papier wird gefordert, dass Flugschreiber und andere Beweise sofort ausgehändigt werden.
Dem Papier nach soll die ICAO zwar helfen und alle Dokumente auswerten, geleitet werden sollen die Ermittlungen aber von den nationalen Behörden - wie bei Abstürzen üblich. Die Russen wollen hingegen nicht, dass die ukrainischen Behörden die Verantwortung haben, sondern die ICAO. Diplomaten zufolge gibt es im Rat kaum Unterstützung für die Russen. Weil Moskau die Resolution aber per Veto verhindern kann, ist der Ausgang völlig offen.

Reuters/Maxim Zmeyev
Die Trümmer sind kilometerweit verteilt
Westen erhöht Druck auf Putin
Um eine bedingungslose Kooperation der Separatisten zu erzwingen, verstärkt die internationale Gemeinschaft den Druck auf Russland. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, der französische Präsident Francois Hollande und der britische Premierminister David Cameron drohten Moskau mit einer Ausweitung der EU-Sanktionen. Putin müsse umgehend auf die moskautreuen Rebellen einwirken, um den ungehinderten Zugang der Ermittler zum Absturzgebiet zu gewährleisten, hieß es in Paris und London.
„Das ist der Augenblick der Wahrheit für Putin“, sagte US-Außenminister John Kerry am Sonntag im US-Sender CNN. Es gebe eine enorme Menge an Fakten, die die russische Verbindung zu den Separatisten belegten. Dazu gehörten die Ausbildung und die Versorgung der Rebellen mit Waffen, fügte er im Sender ABC hinzu. Kerry rief die Europäer in mehreren TV-Talkshows auf, dem Beispiel Washingtons zu folgen und ihre Sanktionen zu verschärfen.
Gegenseitige Schuldzuweisungen
Die Regierung in Kiew und die prorussischen Separatisten bezichtigen sich gegenseitig, die Maschine abgeschossen zu haben. Seit Tagen fordern Politiker aus aller Welt eine rasche, umfassende und vor allem unabhängige Untersuchung der Absturzursache.
Sollte Russland dazu nicht „unverzüglich die nötigen Maßnahmen ergreifen“, werde das beim EU-Außenministerrat am Dienstag Konsequenzen haben, hieß es in Paris weiter. Bisher hat die EU Sanktionen gegen Einzelpersonen und Unternehmen verhängt, aber nicht gegen ganze russische Wirtschaftszweige.
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