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Riesenevent in Coney Island

In Zeiten, wo in vielen Regionen der Welt Menschen verhungern, ist es ein zynisches Event, das am Freitag auf Coney Island nahe New York über die Bühne gegangen ist. Der Nathan’s Hot Dog Contest gilt als Weltmeisterschaft der Wettessbewerbe. Und einem war der Sieg wieder nicht zu nehmen: Joey Chestnut verschlang in zehn Minuten 61 Hotdogs - und stellte damit einen historischen Rekord auf.

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Denn obwohl er damit weit unter seinr Bestleistung von 69 Hotdogs blieb, holte er den Titel zum achten Mal in Folge, seit 2007 ist er ungeschlagen. Das gab es laut Recherchen des Onlinemagazins Atlantic in der US-Sportgeschichte fast noch nie. Der Basketballer Michael Jordan etwa führte in der NBA sieben Jahre in Folge die Scorerliste an, auch keinem Baseballspieler gelang es, so viele Jahre die Statistiken zu dominieren.

Nur Kampfsportler länger erfolgreich

Noch am ehesten sei der kanadische Eishockey-Spieler Wayne Gretzky zu nennen, der acht Jahre lang ununterbrochen an der Spitze der Scorerliste der NHL stand - im ersten Jahr dieser Folge, in der Saison 1979/80, allerdings ex aequo mit Marcel Dionne. Auch im internationalen Sport ist eine solche Serie kaum zu finden. 1999 bis 2005 gewann Lance Armstrong die Tour de France siebenmal in Folge, die Titel wurden ihm aber später wegen Dopings aberkannt.

Wettesser Joey Chestnut

APA/AP/John Minchillo

Kein schöner Anblick

Schaut man noch weiter zurück in der Sportgeschichte, so stößt man allerdings auf den Boxer Joe Louis, der zwischen 1937 und 1948 Weltmeister war. Einen Schönheitsfehler gibt es auch hier: In den Jahren 1943 und 1945 musste er seinen Titel nicht verteidigen. Bleibt nur der legendäre russische Ringer Alexandr Karelin, der in seiner Karriere 887-mal gewann und nur zweimal verlor. 13 Jahre war er ungeschlagen, bis er bei den Olympischen Spielen in Sydney 2000 den Finalkampf gegen den US-Amerikaner Rulon Gardner verlor und seinen Rücktritt bekanntgab.

Wachablöse bei Frauen

In der Frauenriege aß sich die 28-jährige Miki Sudo mit 34 Hotdogs an die Spitze. Sie schlug damit die amtierende Weltrekordhalterin Sonya Thomas (46), die in diesem Jahr „nur“ 27 und drei Viertel Würstelbrote schaffte.

Vermarktet wie ein Sport

Bleibt die Frage, was Wettessen überhaupt mit Sport zu tun hat. Betrachtet man die Ausmaße des Events, kann man sagen: einiges. Zehntausende Zuschauer lockte der Bewerb nach Coney Island, seit einigen Jahren überträgt der große Sportsender ESPN live - mit Millionen Zusehern vor den Bildschirmen. Es gibt mittlerweile in Anlehnung an die anderen großen Sportverbände eine Major League Eating und eine International Federation of Competitive Eating, die die Fressbewerbe organisiert.

Ob es tatsächlich eine Sport ist, wird seit Jahren kontrovers diskutiert: Natürlich gehe es irgendwie um körperliche Fähigkeiten in den Bewerben, meinen die einen: Einige „Athleten“ würden sich durchaus trainingsartig vorbereiten, mit Übungen zur Hand-Mund-Koordinierung und mit ausgefeilten Kau- und Schluckroutinen. Doch gibt es in den USA kaum Menschen, die den „Sport“ professionell, also hauptberuflich, betreiben, dafür ist das Preisgeld zu gering.

Wettesser Joey Chestnut

APA/AP/John Minchillo

Erleichterung nach dem Ende des Wettkampfs

Parodie eines Sports?

Eigentlich sei es die Parodie eines Sports, meint der britische Philosoph Colin McGinn gegenüber Atlantic. Und die US-Kulturwissenschaftlerin Vivian Nun Halloran sieht in den Bewerben vor allem ein Spektakel, das aus mehreren Gründen Zuschauer anlockt. Das Zusehen beim Scheitern an körperlichen Grenzen sei etwa bei vielen Sportarten eine Motivation zuzusehen, schreibt Halloran. Und der Boom der vergangenen zehn bis 15 Jahre in den USA führt sie vor allem auf nationalistische Gründe zurück: Die Bewerbe hatten sich auf Duelle zwischen Japanern und US-Amerikanern zugespitzt, und diese Komponente habe den Wettessen viel Berichterstattung eingebracht.

Duell Japan - USA

Tatsächlich hatte Takeru Kobayashi von 2001 bis 2007 den Hotdog-Contest gewonnen. Er punkte dabei vor allem mit zitternden Körperbewegungen, die das Schlucken unterstützten, dem in Fachkreisen bewunderten „Kobayashi-Wackeln“. Danach musste er sich nach einer Kieferarthritis Chestnut mehrmals geschlagen geben, ehe es zum großen Eklat kam, der für jede Menge Schlagzeilen sorgte. Kobayashi weigerte sich, einen Exklusivvertrag mit der Major League Eating zu unterzeichnen und darf seitdem nicht mehr teilnehmen.

Wettesser Joey Chestnut

APA/EPA/Peter Foley

Der Spaßfaktor hält sich in Grenzen

Erfundener Gründungsmythos

Überhaupt ist das Event vor allem eines: ein mehr als gelungener PR-Stunt. Bis heute berichten zahlreiche Medien, der Bewerb auf Coney Island sei 1916 erstmals ausgetragen worden. Doch das ist nur ein erfundener Gründungsmythos, der 1972 in die Welt gesetzt wurde. Das Fast-Food-Restaurant Nathan’s Famous veranstaltete damals das Wettessen zum ersten Mal - aus Werbezwecken, versteht sich. Und das hat sich ausgezahlt: Mittlerweile ist Nathan’s eine internationale Kette mit mehreren hundert Filialen.

„Physische Poesie“

Völlig offen bleibt die Frage, wieso Menschen überhaupt - trotz großer Gesundheitsrisiken - an solchen Bewerben teilnehmen. Der mittlerweile 30-jährige Bauingenieur Chestnut meint, dass er durch die Bewerbe viel herumkomme. Und irgendwann sei er „süchtig“ geworden. Vor dem Wettkampf am Freitag machte er übrigens seiner Freundin Neslie Ricasa einen Heiratsantrag, die, trotz dem was an dem Tag noch kommen sollte, Ja sagte.

„Ich mag den Wettkampf, das ist meine Freizeitbeschäftigung, mein Sport“, sagt Sonya Thomas. Die koreanischstämmige US-Bürgerin mit dem beängstigenden Kampfnamen „Schwarze Witwe“ dominierte jahrelang die Frauenbewerbe.

George Shea, der Präsident der Internationalen Schnellesser-Föderation, gibt eine blumigere Erklärung: Er beschreibt das Wettschlingen als „physische Poesie“. Verglichen etwa mit Tennis sei es ein „sehr fundamentaler Sport“ ohne Hilfsmittel und Regelwerk: „Da steht einfach ein Mensch, und der verwandelt einen grundlegenden Aspekt des Überlebens in eine Kunstform.“

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