Themenüberblick

690.000 Nutzer betroffen

Das Experiment mit manipulierten Einträgen von Facebook-Nutzern ist schon seit Anfang Juni bekannt. Doch seit dem Wochenende ebbt die Kritik an Facebook nicht ab. Als „super verstörend“, „gruselig“ und „böse“ wurde die Studie auf Twitter kritisiert. In der Nacht auf Montag reagierte Facebook und verteidigte die Studie über die soziale Ansteckung in Onlinenetzwerken.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Für das Onlinenetzwerk sei es wichtig, zu verstehen, wie Mitglieder auf verschiedene Inhalte reagierten. „Wir überlegen vorsichtig, welche Forschung wir betreiben, und haben ein striktes internes Aufsichtsverfahren“, hieß es in der Reaktion des Unternehmens. Es seien keine Daten gesammelt worden, die einzelnen Nutzern zugeordnet werden könnten. Seit dem Experiment vor über zwei Jahren sei auch die Aufsicht über solche Untersuchungen verbessert worden.

Die Ergebnisse der Studie waren zunächst in den „Proceedings of the National Academy of Sciences“ veröffentlicht worden. In der englischsprachigen Facebook-Version waren insgesamt knapp 690.000 Nutzer betroffen. Bei etwa der Hälfte wurden die Timeline-Einträge manipuliert, die andere Hälfte fungierte als Kontrollgruppe.

Brisantes Ergebnis

Bei dem bereits Anfang 2012 durchgeführten Experiment sollte untersucht werden, wie sich Emotionen in Sozialen Netzwerken ausbreiten. Dafür wurden die Einträge von Facebook-„Freunden“ ohne Vorwarnung für andere Nutzer vorgefiltert, also von außen bewusst beeinflusst. Den einen wurden mehr positive Nachrichten gezeigt, den anderen mehr negative. Über drei Millionen Einträge wurden von einer Software ausgewertet und per Wortanalyse die Emotion zugeordnet. Das Ergebnis der Untersuchung: Menschen, die mehr positive Statusmeldungen bekamen, neigten eher dazu, auch selbst Einträge mit positivem Inhalt zu veröffentlichen, und umgekehrt.

Die Ergebnisse bewiesen, „dass die auf Facebook gezeigten Gefühle unsere eigenen beeinflussen“, so die Studienautoren. Es gebe eine „massive Sozialansteckung über Soziale Netzwerke“. Stimmungen und Emotionen breiten sich also online genauso aus, wie wenn man sich persönlich trifft. Diese Erkenntnis gewinnt angesichts der Facebook-Mitgliederzahl von über einer Milliarde umso mehr an Brisanz.

Autoren: Nutzernachrichten permanent beeinflusst

Die Forscher selbst hatten zunächst noch gelassen reagiert. Facebook beeinflusse schließlich permanent, welche Nachrichten von „Freunden“ im Newsfeed der Nutzer eingingen. Nun wird versucht, den Zweck der Studie zu erklären. Man habe überprüfen wollen, ob sich Menschen ausgeschlossen fühlen, wenn sie positive Nachrichten ihrer Freunde sehen, sagte Adam Kramer, einer der Studienautoren vom Core-Data-Science-Team von Facebook.

Es habe zudem Bedenken gegeben, dass viele negative Einträge von Freunden die Nutzer dazu bringen könnten, Facebook zu meiden. Er könne aber verstehen, dass die Studie bei einigen Menschen Sorgen ausgelöst habe. „Wir haben unsere Motive in dem Papier nicht klargemacht“, gestand Kramer ein.

Ohne die Unterstützung eines Facebook-Mitarbeiters wäre ein Eingriff in die Timeline der Nutzer und damit die Studie nicht möglich gewesen, berichtete der „Spiegel“. Neben Kramer arbeiteten die beiden Wissenschaftler Jamie Guillory und Jeffrey Hancock an dem Experiment mit. Beide forschen an Universitäten.

Kein Regelverstoß

Ein Regelverstoß war die Manipulation der Inhalte jedenfalls nicht. Und diesen Datenverwendungsregeln muss jeder Nutzer bei der Anmeldung zustimmen. Dennoch fühlte sich Susan Fiske von der Universität Princeton, die die Veröffentlichung des Studienergebnisses redigierte, über die Sammlung der Daten für die Studie beunruhigt, wie sie gegenüber dem Onlinemagazin The Atlantic angab. Werden Experimente dieser Art etwa an Universitäten durchgeführt, müssen Ethikkommissionen ihre Zustimmung geben. Bei Facebook gilt das nicht. Hier beruft man sich auf die Datenverwendungsregeln.

Das Experiment ist für Fiske eine „offene ethische Frage“. In Kontakt mit den Studienautoren hätten diese jedenfalls darauf verwiesen, dass ihnen die Untersuchung von den zuständigen Gremien genehmigt worden sei, da Facebook die Newsfeeds der Nutzer offenbar ständig manipuliere, so Fiske. Die Newsfeeds werden nach Algorithmen gefiltert, um die User nicht mit Informationen zu überfluten.

Welche Postings gezeigt werden, hängt laut den Angaben von Facebook vor allem mit Verbundenheit, Relevanz und Aktualität zusammen: „Je nachdem, wie stark generell mit Beiträgen einer Quelle oder bestimmten Freunden interagiert wird, werden den Menschen für sie relevante Inhalte angezeigt“, zitierte der „Spiegel“ Unternehmenssprecherin Tina Kulow. Je mehr Aufmerksamkeit ein Inhalt hervorrufe, desto wahrscheinlicher tauche er im eigenen Newsfeed auf.

Fachliche Kritik an Studie

Nicht nur die ethische Seite, auch die Aussagekraft der Studie wurde in Zweifel gezogen. Laut dem Psychologie-Blog Psych Central etwa ist es schwierig, mit der verwendeten Software die Stimmung eines Eintrags nur anhand einzelner Wörter zuzuordnen. „Was die Facebook-Forscher wirklich zeigen, ist, dass sie zu sehr auf ihre Werkzeuge vertrauen, ohne sie zu verstehen und deren erhebliche Grenzen zu diskutieren“, sagte der Psychologe John Grohol von Psych Central gegenüber The Atlantic.

Links: