Spitzenreiter bei Stickstoffdioxid
Wer an der Londoner Marylebone Road spazieren geht, sollte nicht zu tief einatmen: Dort wird regelmäßig die höchste Stickstoffdioxidkonzentration in ganz Europa gemessen. Die Belastung ist dort sogar höher als in Peking, wo der Smog zuletzt immer wieder für Schlagzeilen sorgte. Umweltschutzorganisationen haben bereits einen Schuldigen gefunden: die Dieselfahrzeuge - und die EU.
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Der Londoner Verkehr ist legendär, auffällig ist jedoch, dass sich immer mehr Dieselfahrzeuge durch die verstopften Straßen quälen. Fuhren in den 1990er Jahren weniger als zehn Prozent der Fahrzeuge mit Diesel, sind es heute über 50 Prozent. Auch die 20.000 Londoner Taxis haben umgerüstet, da Diesel immer noch deutlich günstiger ist als Benzin.
Mit dem Dieselboom stieg aber die Belastung durch Stickstoffdioxid (NO2) kontinuierlich, wie eine Untersuchung des Londoner King’s College zeigte. Die vielbefahrene Marylebone Road ist heute Spitzenreiter unter den 1.513 europaweiten Messstellen (auf Platz zwei und drei liegen zwei Messstellen im deutschen Stuttgart).
Saurer Regen, Ozon und Atemnot
Stickstoffdioxid führt über die Bildung von Salpetersäure (HNO3) zu saurem Regen. Weitere negative Auswirkungen auf die Umwelt sind die Ozonbildung unter Einwirkung von UV-Strahlung und Smogbildung. Stickstoffdioxid ist sehr giftig und wird in geringen Konzentrationen kaum wahrgenommen. Eingeatmetes Stickstoffdioxid löst Kopfschmerzen und Schwindel aus. Höhere Konzentrationen können Atemnot und Lungenödeme auslösen.
„Problem aller großen Städte“
„Stickstoffdioxid ist ein Problem für alle großen Städte mit viel Verkehr“, sagte Alberto Gonzalez Ortiz, Projektmanager bei der Europäischen Umweltschutzbehörde in Kopenhagen, gegenüber der Finanznachrichtenagentur Bloomberg. „In einigen Fällen ist es durch die neuen Dieselflotten schlimmer geworden.“ Der EU-Grenzwert für die NO2-Belastung liegt bei 40 Mikrogramm/Kubikmeter Luft, in der Marylebone Road wurden fast 94 Mikrogramm gemessen. Zum Vergleich: Peking hatte laut dem chinesischen Umweltministerium im vergangenen Jahr eine Belastung von 54 Mikrogramm. Dafür liegt China bei anderen Schadstoffen um ein Mehrfaches über dem Londoner Wert.
„Die Regierungen wissen seit mehr als zehn Jahren, dass Diesel all diese schädlichen Giftstoffe produziert, aber sie haben kurzsichtig die CO2-Politik vorangetrieben“, kritisiert Simon Birkett, Gründer der Non-Profit-Organisation Clean Air in London. „Es war eine Katastrophe für die Luftverschmutzung“, so Birkett, „und ebenso eine Katastrophe für die öffentliche Gesundheit.“
Tausende Tote durch schlechte Luft
Wie gefährlich die schlechte Luft ist, belegt eine im April veröffentlichte Studie der englischen Agentur für öffentliche Gesundheit. Im Jahre 2010 starben 3.389 Menschen in London an den Folgen der Luftverschmutzung. Feinstaub entsteht wie NO2 bei der Dieselverbrennung. Wie hoch der NO2-Anteil an den Erkrankungen sei, lasse sich jedoch nicht sagen, sagte Jeremy Langrish, Professor für Kardiologie an der Universität von Edinburgh, gegenüber Bloomberg. Es wird jedoch mit Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen in Verbindung gebracht. Laut WHO kann NO2 zu Entzündungen der Atemwege führen und bei Kindern Bronchitis verschlimmern.

AP/Lefteris Pitarakis
London ist immer wieder von Smog eingehüllt, zuletzt im April
Dabei hat London eine lange Smog-„Tradition“. Zwar haben sich die Luftwerte seit der Jahrhundertwende deutlich verbessert, aber ältere Londoner können sich noch an den „Great Smog“ von 1952 erinnern, als vor allem der Osten der Stadt fünf Tage lang unter einer beißenden, dichten Smogdecke verschwand und Zehntausende Menschen Atemwegsprobleme bekamen. 4.000 Menschen starben damals an den Folgen der Luftverschmutzung. Vier Jahre später brachte die Regierung ein Luftreinhaltegesetz auf den Weg.
London gibt EU-Politik die Schuld
„Diesmal ist die Situation eine andere, da die Verschmutzung nicht sichtbar ist und daher nicht derselbe Druck auf die Politik ausgeübt wird“, erklärt Joan Walley von der Labour Party. „Es braucht eine langfristige Strategie.“ Doch von dieser ist noch nicht viel zu sehen. Die Opposition hat zwar die Regierung um eine schriftliche Stellungnahme über Maßnahmen zur Luftreinhaltung gebeten, doch diese schiebt die Verantwortung von sich. Beim letzten Smog, der im April dieses Jahres für Tage die Stadt einhüllte, wurde der Sahara-Sand als Grund angeführt.
„Die Herausforderung ist größer, als wir noch vor einigen Jahren angenommen haben“, räumt Matthew Pencharez, Umwelt- und Energieberater von Londons Bürgermeister Boris Johnson, ein. „Ein Gutteil ist auch einer gut gemeinten EU-Politik geschuldet, die jedoch gescheitert ist“, so Pencharz. „Nun sitzen wir auf diesen Dieselfahrzeugen. Fast jedes zweite Fahrzeug fährt mit Diesel, vor zehn, 15 Jahren waren es weniger als zehn Prozent.“ Dadurch würden auch Londons Klimaziele zunehmend außer Reichweite rücken.
Für die Chefin der englischen Grünen, Natalie Bennett, gibt es jedoch eine einfache Lösung: „56 Prozent aller in Großbritannien mit dem Auto zurückgelegten Wege sind kürzer als acht Kilometer“, sagte Bennett. „Wenn man einen wesentlichen Prozentsatz davon zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegt, wäre das ein großer Erfolg.“
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