Eine „Gut gegen Böse“-Geschichte
Die Insel Poveglia im südlichen Teil der Lagune von Venedig hat eine bewegte Geschichte hinter sich: Sie war schon Exil für entmachtete Dogen, Venedigs kleinster und lästigster Widersacher, Standort des venezianischen Siechenheims und Quarantänestation - nun wird sie wohl entweder ein Luxusresort oder Venedigs einziger großer Park, je nachdem, wer die Insel ersteigert.
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Die italienische Regierung hat sich dieses Jahr angesichts ihres gewaltigen Budgetlochs entschlossen, 45 hochwertige Immobilien aus Staatsbesitz auf den Markt zu werfen. Die staatliche Immobiliengesellschaft Demiano bietet diese seit Frühjahrsbeginn im Internet feil: Neben Palazzi und Armeebaracken gibt es etwa ein ganzes Schloss aus dem 15. Jahrhundert am Isonzo zu ersteigern. Das Gustostück der Privatisierungen ist aber sicherlich der 99-jährige Pachtvertrag für Poveglia, dem letzten Flecken freies Land in Venedig.
Luxus für wenige oder Poveglia für alle
Die Insel, mit 7,2 Hektar ein bisschen größer als der Wiener Stadtpark, ist ein logischer Kandidat für eine touristische Nutzung im Luxussegment: Vis-a-vis vom Lido und ein paar Bootsminuten vom Markusplatz entfernt gelegen, ließe sich das frühere Kloster und spätere Spital perfekt zum Rückzugsort für die „Schönen und Reichen“ umgestalten. Das sahen allerdings auch venezianische Bürger kommen, schlossen sich zur Initiative Poveglia per tutti (Poveglia für alle) zusammen und begannen mit dem Sammeln von Spenden.
Der Zuspruch war von Anfang an enorm. Für 99 Euro kann man möglicher künftiger „Miteigentümer“ der Insel werden. Laut Aussage der Bürgerinitiative spendeten viele Venezianer aber ein Vielfaches davon, manche sogar ihr gesamtes Erspartes. Das erste Ziel hat die Initiative schon erreicht. Mit Spenden von 160.000 Euro kam sie in das entscheidende Duell der zwei Bestbieter, das am Dienstag durch eine Liveversteigerung entschieden werden soll. Der Gegner der Bürger wollte bisher anonym bleiben.
Wer ist „Mr. X“?
Die Identität von „Mr. X“, wie der unbekannte Investor in der lokalen Presse genannt wird, ist seit Tagen Stadtgespräch. Zuletzt hieß es, es handle sich um den venezianischen Investor Luigi Brugnaro. Aus dessen Umfeld wurde das am Wochenende zumindest nicht dementiert. Die Bürgerinitiative gewinnt unterdessen immer mehr an Fahrt. Schon das Erreichen der finalen Bieterrunde führte angeblich zu einer Verdopplung des Spendenstands auf 310.000 Euro. Bis zum Dienstag will die Gruppe, dem Datum (13. Mai) entsprechend, 513.000 Euro bieten können. Auch ausländische Venedig-Liebhaber sind explizit als Spender erwünscht.
Selbstverwaltung
Die Bürgerinitiative will die seit Jahrzehnten verwaiste venezianische Insel Poveglia als öffentlichen Naherholungsraum erhalten, basisdemokratisch verwalten und als Parklandschaft für alle zugänglich machen.
Neben nüchternen Summen wirft die Initiative auch allerlei PR in den Ring: Sie verspricht noch ein „As im Ärmel“ und will dem unbekannten Mitbieter den Spaß an der Insel durch den Verweis auf venezianische Geschichten verderben, wonach auf der Insel Pestkranke einem qualvollen Tod überlassen worden seien, weshalb ein Fluch auf Poveglia laste. Historische Belege dafür, dass auf der Insel je Pestkranke ausgesetzt wurden, gibt es nicht. Außerdem mobilisieren die Bürger gekonnt die öffentliche Meinung, bis hin zu Artikeln in der „New York Times“ („NYT“).
Bürgermeister mit Gedächtnislücken
Inzwischen redet man im ganzen Land vom Aufstand der Bürger gegen den unbekannten Investor, mit den Bürgern als „den Guten“ und ihrem Gegenüber als „dem Bösen“. Widerspruch kommt da gar nicht gut an. Die venezianischen Hoteliers erklärten etwa, falls der anonyme Bieter aus ihrem Kreis kommen sollte, solle sich dieser bitte „zurückziehen“. Auch Italiens Wirtschaftsstaatssekretär Pier Paolo Baretta meinte zuletzt, er würde das Projekt der Bürger gerne unterstützen, wenn er nicht durch sein Amt zu unparteiischem Verhalten gezwungen wäre.
Dass sich auch der venezianische Bürgermeister empört gegen die Versteigerung wendet und sich auf die Seite der Bürgerinitiative geschlagen hat, hat allerdings den Beigeschmack von Heuchelei: Schon lange bevor der Staat an eine Versteigerung seiner Insel in der Lagune dachte, verscherbelte die Stadtregierung die ihren: die Isola delle Grazie, San Clemente und Sacca Sessola - allesamt an Bestbieter, allesamt gegen den heftigen Protest der Bürgerschaft und allesamt zur Nutzung für zahlkräftiges Publikum von außerhalb.
Lesen Sie das Kleingedruckte
Unterstützer der Bürger sollten zudem auf das Kleingedruckte in der Spendenerklärung achten: Dort ist zu lesen, dass der bebaute Teil der Insel - der wohl auch dem Investor den Mund wässrig macht - in Hinkunft „betriebswirtschaftlich“ geführt werden soll, um die Kosten von Erhaltung und Zugänglichmachung der Insel zu decken. Allein die Renovierung des verfallenen historischen Gebäudes wird auf Dutzende Millionen geschätzt: Anders als durch die Nutzung als Hotel, Seminarzentrum oder Restaurant kann das nötige Geld wohl kaum aufgebracht werden.
Lukas Zimmer, ORF.at
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