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Die literarische Stimme Lateinamerikas

Der Autor und Literaturnobelpreisträger Gabriel Garcia Marquez ist am Donnerstag in seinem Haus in Mexiko-Stadt verstorben, wie die staatliche mexikanische Kulturbehörde Conaculta und Vertraute seiner Familie bestätigten.

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Mediziner hatten den Gesundheitszustand des 87-Jährigen schon zuletzt als sehr kritisch beschrieben. Garcia Marquez war Anfang April wegen einer Lungenentzündung rund eine Woche lang in einem Krankenhaus behandelt worden. Zuletzt musste er künstlich beatmet werden.

In den vergangenen Jahren hatte sich Garcia Marquez aus gesundheitlichen Gründen mehr und mehr zurückgezogen. Zuletzt trat er am 6. März öffentlich in Erscheinung, als er anlässlich seines Geburtstags vor seinem Haus Journalisten empfing. 1999 hatte er sich nach der Diagnose Lymphdrüsenkrebs in den USA einer Chemotherapie unterziehen müssen.

Erster Roman 1955

Geboren wurde Garcia Marquez am 6. März 1927 in Aracataca, in der feuchtheißen Karibikregion Kolumbiens, einem Ort, in dem nicht wenige Leser das Vorbild für das sagenhafte Macondo sehen. Nach seinen Schuljahren am Jesuitenkolleg im kühlen Bogota begann er ein Jusstudium, das er aber nie abschloss. Stattdessen befasste er sich mit angelsächsischer Literatur und begann 1948 in der Hafenstadt Barranquilla als Journalist zu arbeiten. 1955 erschien sein erster Roman, „La Hojarasca“ (dt. 1975: „Der Laubsturm“).

Die Verwebung von Mythen und Realität

Mit seinem 1967 erschienenen Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ schaffte der Kolumbianer den Durchbruch. Auf geniale Weise verknüpfte er darin die Geschichte seines Heimatlandes mit den Mythen der Alten und der Neuen Welt. Historische und mythische Zeit mischen sich unaufhörlich, reale Ereignisse wechseln sich mit fantastischen Begebenheiten ab - wie zum Beispiel der Himmelfahrt der Dorfschönheit Remedios. Der Bürgerkrieg zwischen kolumbianischen Konservativen und Liberalen sowie die Machenschaften der United Fruit Company kommen in dem Roman ebenso vor wie die biblischen Motive von Schöpfung, Exodus, Sintflut und Apokalypse.

Schriftsteller Garbiel Garcia Marquez erhält den Nobelpreis von König Carl Gustaf

AP

1982 überreichte der schwedische König Carl Gustav den Literaturnobelpreis an Gabriel Garcia Marquez

So wurde Garcia Marquez, dem 1982 der Literaturnobelpreis verliehen wurde, zum vielleicht wichtigsten Vertreter des Booms der lateinamerikanischen Literatur. Zusammen mit dem Peruaner Mario Vargas Llosa, dem Argentinier Julio Cortazar und dem Mexikaner Carlos Fuentes zeigte er einer staunenden Außenwelt, was Lateinamerika literarisch zu bieten hat.

Meister des magischen Realismus

Der Name Garcia Marquez war bald auch untrennbar mit dem Begriff des magischen Realismus verbunden, einer Erzählweise, in der sich Realität und Phantasie, Tatsachen, Träume und bis ins Groteske übersteigerte Übertreibungen miteinander vermischen. So schwebt in „Hundert Jahre Einsamkeit“ ein Mädchen schwerelos davon, während in „Der Herbst des Patriarchen“ ein General, die Karikatur des lateinamerikanischen Diktators, sagenhafte 232 Jahre über sein Volk herrscht.

Zu den bekanntesten Romanen des Nobelpreisträgers zählen außerdem „Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt“ (1961, dt. 1976), „Chronik eines angekündigten Todes“ (1981) und „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ (1985, dt. 1987). Zuletzt erschien 2004 „Erinnerung an meine traurigen Huren“, das den überhohen Erwartungen an einen neuen Garcia-Marquez-Roman aber schon nicht mehr gerecht werden konnte.

Set der Verfilmung von "Die Liebe in den Zeiten der Cholera"

AP/Ricardo Maldonado

„Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ wurde 2006 verfilmt

Neben den Erzählungen und Romanen blieb Garcia Marquez auch seiner journalistischen Berufung treu. Dafür steht „Nachricht von einer Entführung“ (1996), eine Reportage in Buchformat über die Entführung von zehn kolumbianischen Persönlichkeiten durch das Drogenkartell des Pablo Escobar. „Roman und Reportage sind Kinder einer selben Mutter“, schrieb der Autor in seinen Memoiren.

Enge Freundschaft mit Fidel Castro und Bill Clinton

Wie viele andere lateinamerikanische Literaten engagierte sich Garcia Marquez auch politisch. Aus seiner Freundschaft zu Kubas kommunistischem Führer Fidel Castro machte er nie ein Hehl, was auch der Grund für den Bruch seiner langjährigen schriftstellerischen Freundschaft mit dem peruanischen Schriftsteller Mario Vargas Llosa war. Dieser bezeichnete ihn in einer Rede während des PEN-Kongress 1986 als „Höfling Castros" („cortesano de Castro“). Im selben Jahr wurden in Valparaiso (Chile) aus politischen Gründen mehrere tausend Exemplare des Buches „Das Abenteuer des Miguel Littin“ verbrannt.

Zu seinen Freunden zählte aber auch der frühere US-Präsident und Bücherfreund Bill Clinton, für den Garcia Marquez in der Lewinsky-Affäre öffentlich Partei ergriff. Über sein eigenes Privatleben hielt sich der Vater zweier Söhne hingegen stets bedeckt. Sein Landsmann Dasso Saldivar, der zum 70. Geburtstag mit einer 600-Seiten-Biografie aufwartete, bezeichnete Garcia Marquez einmal als den „bekanntesten Unbekannten“.

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